Geräusche einmal anders

Frank Berno Timm

Von Frank Berno Timm

Di, 02. März 2010

Waldkirch

Finissage überschritt Grenzen / Rekordverdächtige Besucherzahlen in "Durchsicht"-Ausstellung.

WALDKIRCH. "Es sieht mich an aus roten Augen/Ich sehe -/den Sonnentag zerrinnen, von Sternenspitzen aufgenommen/Wir sinken/Es sagt zu mir, mein Schnee ist für die Ewigkeit" (. . .) – solche Zeilen, gekonnt vorgetragen, zu hören, ist nicht nur mehr als bemerkenswert, es rechtfertigt allein den Gang in die Lesung der Schreibnacht-Texte, die der Finissage der Ausstellung "Durchsicht" am Sonntag im Georg-Scholz-Haus vorausging.

Beatrice Schütze ist die Autorin, sie schrieb über Nora Jacobis "Hoy Noche" ("Heut’ Nacht"); und es wächst der Wunsch, mehr von ihr zu hören. Sie spürt nicht nur der gesehenen Kunst auf eine besondere Art und Weise nach, sie findet auch eigene, einleuchtende Worte dafür – ähnlich wie schon in der letzten Schreibnachtlesung im vergangenen November. Maria Beckers Texte haben vergleichbaren literarischen Gehalt – die anderen Texte sind sachlicher, beschreibender, aber deswegen nicht ohne Berechtigung. Dass es den Organisatoren im Georg-Scholz-Haus nicht recht gelingen will, für diese Lesungen, die ja jede Ausstellung begleiten, mehr Publikum zu gewinnen, ist bei so viel Qualität wirklich schade.

Grenzüberschreitungen – das passt noch am ehesten als Etikett des Finissagenvormittags. Während die Schreibnacht-Texte Assoziationen bis hin zum Unsagbaren nachspürten und sich auf den Weg in die Tiefe machten, mag es Ephraim Wegner mit seinen digital erzeugten Klanginstallationen um Grenzüberschreitungen bei allgemein üblichen Hörgewohnheiten gehen.

Dabei geschah zweierlei: Seine Klänge boten nicht nur die Möglichkeit, sich hörend zurückzuziehen und das eigene Innenleben auf Reise gehen zu lassen. Wegner brach in seiner zweiten Arbeit die übliche "Frontstellung" des klassischen Konzertbetriebes einfach auf; das Publikum konnte mitmachen. Wer mochte, erzeugte ein Geräusch ins Mikrofon; und der durch die Reihen gereichte, zweckentfremdete Controler einer Spielkonsole sorgte dafür, dass die Klänge auf alle mögliche Art verfremdet wurden – je mehr Schalter betätigt oder das einem Telefonhörer nicht unähnliche Teil bewegt wurde. Heiterkeit, Situationskomik entstand – viel zu selten gibt’s das in den zumeist ergriffen-ernsten Konzertstunden, wie man sie gemeinhin kennt. Wegner greift in seiner Arbeit nicht nur künstlich erzeugte Töne auf, er widmet sich auch den Geräuschen des Alltags – Schafsglocken, Regen, Gewittergrummeln, Insektengesumm und Grillenzirpen. Das Gewohnte wird schon mal bis zur Schmerzgrenze aufgeladen; die Weideidylle zum wummernden, wüsten Lärm. Wer will, kann sich beim Hören mit der Frage auseinander setzen, was in unserem Alltagsleben wirklich und echt oder von Geräuschdesignern fabriziert ist. Etwas später merkt man, wie sehr manche der gehörten Klänge durch den langen Winter in Vergessenheit geraten sind.

Bliebe noch zu bemerken, dass die Ausstellung mit Gemälden Nora Jacobis und Objekten Jürgen Burkharts rekordverdächtige Besucherzahlen vorzuweisen hatte – Kunstforum-Vorstand Volker Lindemann nannte der BZ auf Anfrage "rund 475" Besucher.

Mehr Informationen über das Georg-Scholz-Haus: und das Kunstforum: http://georg-scholz-haus.de/