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14. Februar 2011

Pflege

Demenzkranke - lasst sie doch machen

Die demenzkranken Bewohner Schokolade essen lassen bis zum Abwinken? Vielleicht sogar noch einen kleinen "Absacker" vor dem Schlafengehen?

  1. Einfache Handreichungen sind schon viel wert Foto: dpa

  2. Foto: lmölmäök

  3. Großes Herz allein und unspezifische Zuwendung reichen nicht: Pfleger mit Patient Foto: Ingo Schneider/dpa

Im Beatitudes Pflegeheim in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona dürfen, wie kürzlich in der New York Times nachzulesen war, demente Bewohner nahezu alles machen, was ihnen gut tut, auch wenn es jeglichen bürokratischen Vorgaben der Heimaufsicht widerspricht.

"Das ist besser als Psychopharmaka", verkündet Forschungsdirektorin Tena Alonzo selbstbewusst. Sie weiß dabei nicht nur die subjektiven Erfahrungen der Pflegenden auf ihrer Seite, sondern auch wissenschaftlich abgesicherte Forschungsergebnisse. Danach haben die passende Zuwendung und eine adäquate Ausstattung der Umgebung viel größere Auswirkungen auf das Befinden von demenzbetroffenen Menschen als Medikamente.

Wie in den USA, liegt auch in Deutschland der geschätzte Anteil der an Demenz erkrankten Menschen unter den Heimbewohnern bei bis zu 70 Prozent. Jeder zweite Heimbewohner wird mit Psychopharmaka behandelt. Wobei das Ausmaß nach Aussage von Experten von Heim zu Heim stark variiert.

"Wir versuchen, mit möglichst wenigen Medikamenten auszukommen", sagt Andrea Jandt, Pflegedienstleiterin im Freiburger St. Marienhaus. Zwar bekämen 90 Prozent der Bewohner mit mittlerer bis schwerer Demenz in bestimmten Situationen Neuroleptika, aber in sehr niedriger Dosierung. Nicht, um dem Pflegepersonal die Arbeit, sondern um dem Patienten sein Leben zu erleichtern. "Wahnvorstellungen, depressive Episoden, emotiona

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le Labilität – das ist nicht alleine durch Zuwendung aufzufangen."

Auch mal einen halben Tag in der Unterhose laufen dürfen

Für Andrea Jandt geht es hier nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein feines Gespür dafür, was ein Mensch braucht, dessen inneres Erleben zu einem Labyrinth geworden ist, aus dem er nicht mehr herausfindet. "Das Ausmaß muss man sich mal vorstellen: Die Erinnerung geht weg. Der Mensch entgleitet sich selbst. Die Kontrolle geht verloren."

Manche versuchen mühsam, die Fassade zu wahren und werden aggressiv, wenn sie merken, dass es nicht gelingt. Andrea Jandt wertet derart herausforderndes Verhalten als eine Art der Krankheitsverarbeitung und hütet sich davor, den Patienten zu widerzuspiegeln, was sie alles nicht mehr können. Andere Bewohner hören nicht auf, herumzurennen. "Nicht weil sie uns ärgern, sondern weil sie sich spüren wollen." Daran werden sie im St. Marienhaus auch nicht gehindert. "Dafür gehen wir sogar das Risiko eines Sturzes ein." Hüftschutzhosen, Stoppersocken und Bewegungstraining sollen das Risiko möglichst klein halten. "Wir versuchen uns einzuschwingen auf die Lebenswelt unserer Bewohner."

Jene 93-Jährige mit fortgeschrittener Demenz und einer nach wie vor starken Persönlichkeit, zum Beispiel, die darauf besteht: "Bringen Sie mich zum Bus. Ich will nach Hause." Dabei kann sie gar nicht mehr laufen. Statt sie auf ihre Grenzen aufmerksam zu machen, fragt die Pflegerin: "Welchen Bus? Wohin müssen Sie?" Sie kommen auf den Ehemann zu sprechen, der angeblich auf sie wartet, und der so gut für sie gesorgt hat. "Indem ich mich dazusetze und sie in ihrem Anliegen bestätige, fühlt sie sich in ihrer emotionalen Not ernst genommen." Die Zeit dafür nehmen sich die Pflegenden. "Das spart uns Zeit an anderer Stelle."

Der Zürcher Arzt und Autor Christoph Held, der beim stadtärztlichen Dienst für die Betreuung von Pflegeheimbewohnern zuständig ist, empfiehlt im Umgang mit Demenzkranken die sonst gebräuchliche kognitive Kommunikation, die den Sachverhalten auf den Grund gehen will, zugunsten einer beobachtenden und bestätigenden zurückzustellen.

Die Pflege von Demenzkranken ist für Held eine hochprofessionelle Angelegenheit, die er keinesfalls an billige Aushilfskräfte delegiert sehen will. "Ein großes Herz allein und eine unspezifische Zuwendung reichen dafür nicht." Die Pflegenden müssten verstehen, wie Demenzkranke "ticken" und ihre Art zu kommunizieren richtig deuten können. Dazu müssten sie über das nötige psychologisch-neurologische Wissen verfügen. Von "gestückelter Pflege" spricht er, wenn die Pflegenden sich flexibel auf "schnell sich verändernde neurologische Gegebenheiten" einstellen können. "Sie müssen eine Toleranz entwickeln für das Unfertige." Wer seine Hose nicht anziehen will, müsse auch mal einen halben Tag in der Unterhose herumlaufen dürfen. Ein früherer Gastwirt könne nicht um acht zur Nachtruhe gezwungen werden.

Das dissoziative Verhalten der Bewohner mit ihrer ziellosen Motorik legt Held auch den Pflegenden nahe: "Benehmt euch selbst dissoziativ. Unterbrecht eure Zielgerichtetheit." Die meisten Störungen wie Depression oder Rückzug hält er für "künstlich erzeugt durch allzu zielgerichtete Abläufe". Diese Befunde müssten dann mühsam mit Medikamenten wieder niedergekämpft werden.

In einer Studie wies der stadtärztliche Dienst nach, dass bei 33 schwer dementen Bewohnern des Zürcher Pflegezentrums Bombach die Psychopharmakagabe um nahezu 75 Prozent gesenkt werden konnte mit demenzgerechter Lebensraumgestaltung und Alltagsbewältigung sowie nach einer entsprechenden Schulung des Personals. Auch ohne Medikamente zeigten die Betroffenen weniger "Verhaltensstörungen".

Zu ebenso überzeugenden Ergebnissen führte eine Ende September 2010 vorgestellte Studie unter Leitung des Erlanger Professors Elmar Gräßel: Während Antidementiva das Fortschreiten der Demenz nur um sechs Monate hinauszögern können (an Heilung ist nicht zu denken), führte die von seinem Forschungsteam entwickelte nichtmedikamentöse Aktivierungstherapie Maks-aktiv – eines der "Leuchtturmprojekte Demenz" des Bundesgesundheitsministeriums – dazu, dass nicht nur die alltagspraktischen und geistigen Fähigkeiten der Probanden über ein Jahr lang stabil blieben, sondern sich dank eines ganzheitlichen Förderansatzes (Kognition, Motorik, spirituelles Empfinden, Alltagsfertigkeiten) auch Stimmung und Sozialverhalten verbesserten. Erstmals wurde damit auch in Deutschland die Wirksamkeit nicht-medikamentöser Therapien bei Menschen mit Demenz in Pflegeheimen nachgewiesen.

Den Erfahrungen der Fachleute entsprechen sie ohnehin. Erst kürzlich hat es Alterspsychiaterin Margrit Ott vom Freiburger Zentrum für Geriatrie und Gerontologie (ZGGF) erlebt, dass durch eine zusätzliche professionelle Eins-zu-eins-Betreuung die Medikamentengabe bei einer 70-jährigen demenzkranken Heimbewohnerin reduziert und eine Einweisung in eine alterspsychiatrische Klinik vermieden werden konnte. Eine andere Frau, die ihre fortgeschrittene Demenz hatte völlig verstummen lassen, spreche einzelne Wörter wieder, werde als "viel wacher" wahrgenommen und nehme an Gruppenaktivitäten teil. "Türöffner" sei ein Therapiehund gewesen.

"Immer mehr Heimen gelingt es, ihre Bewohner da abzuholen, wo sie sich befinden", weiß Margrit Ott aus ihrer Zusammenarbeit mit den Pflegeheimen. "Die Pflegekräfte lassen sich viel einfallen." Allerdings sei es häufig eine "detektivische Arbeit" herauszufinden, was ein Bewohner mitteilen will. In Fallbesprechungen mit Pflegenden, Alltagsbegleitern, Physiotherapeuten, Angehörigen und der betreuenden Ärztin macht das Team gemeinsam sich an die Aufklärung. Dabei kann herauskommen, dass ein Bewohner nicht mehr essen und trinken kann, weil die Reizüberflutung bei den gemeinsamen Mahlzeiten zu groß ist. In einer ruhigeren Atmosphäre, abgeschirmt von den vielen Geräuschen, gelingt es.

Plötzlichen Verhaltensänderungen können aber auch körperliche Erkrankungen wie ein unerkannter Harnwegsinfekt, eine Schilddrüsenerkrankung oder ein vereiterter Zahn zugrunde liegen. Die Patienten selbst können sie selten zur Sprache bringen, weil ihr Sprachvermögen schon stark eingeschränkt ist, weil sie Schmerzen nicht bewusst wahrnehmen oder die Verknüpfung zwischen beidem nicht funktioniert.

Andererseits beobachtet Andrea Jandt eine gesteigerte Empfindsamkeit bei ihren Bewohnern, was von US-Studien bestätigt wird: "Ihre emotionale Kompetenz nimmt zu." Komme eine Mitarbeiterin mal traurig zur Arbeit, spendeten die Bewohnerinnen Trost und Zuwendung.

Tipp: "Wird heute ein guter Tag sein?" – Vortrag, Diskussion und Lesung zur Betreuung von Menschen mit fortgeschrittener Demenz. Mit Autor Christoph Held. Dienstag, 22. Februar, 19 Uhr, Katholische Akademie Freiburg, Wintererstraße 1, Tel. 0761/31918-0 (Mitveranstalter: Evangelische Hochschule und ZGGF).

BUCHTIPP: Helden des Pflegealltags

"Und? Ist der Alzheimer gekommen?", fragt Erna, die selbst über Jahrzehnte mit großem Einfühlungsvermögen Menschen mit Demenz in einem Pflegeheim gepflegt hat. Nun ist sie selbst davon betroffen und erkennt: "Ich bin nicht mehr ich." Nicht nur ihr setzt der Zürcher Arzt und Autor Christoph Held ein Denkmal mit seinem Büchlein "Wird heute ein guter Tag sein?" Seine "Erzählungen aus dem Pflegeheim" sollen nach eigener Aussage eine "Hommage an die Pflegenden" sein. An jene Erna, die die heilsame Wirkung des Singens für ihre Patienten entdeckte und sich vehement gegen die Vorgaben von Pflegetechnokraten wehrte. An den bulligen jungen Krankenpfleger Stephan, dem die Hingabe an die verwirrten Heimbewohner im Blut zu liegen scheint. An den jungen Pflegeassistenten Nicolas, der es mit seiner aufmerksamen Zuwendung fertig bringt, eine verstummte Frau wieder zum Sprechen zu bringen und der dennoch durch die praktische Prüfung fällt, weil er ein Detail nicht beachtet. An Noémy, die alles daran setzt, sterbenden Bewohnern ihren Abschied vom Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, und für die kommerzielle Sterbehelfer, die auf Bestellung ins Heim kommen, ein Horror sind. Dem Autor gelingt es, die Nuancen spürbar werden zu lassen, die auch einem Leben mit Demenz seine Würde verleihen, mögen die Betroffenen noch so hilflos sein und die Kontrolle über die intimsten Körperfunktionen verlieren.
– Christoph Held: Wird heute ein guter Tag sein? Erzählungen. Zytglogge Verlag, Oberhofen 2010, 126 Seiten, 21,50 Euro.  

Autor: arü

Autor: Anita Rüffer