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05. Oktober 2009 07:37 Uhr

Nebenwirkung

Die bittere Seite der Antibabypille

Die Antibabypille gilt als die sicherste Form der Verhütung – dabei kann sie lebensgefährlich werden. Gerade eine neue Wirkstoffkombination kann als Nebenwirkung zu venösen Thrombosen führen.

  1. Verpackt wie ein Wellnesspräparat: die Antibabypille Yasminelle Foto: brendler

  2. Felicitas Rohrer Foto: brendler

"Im Oktober 2008 habe ich mit der Einnahme der Pille begonnen, im Juni bin ich vor der Uni ohnmächtig zusammengebrochen, die Ärzte haben mich eine Stunde lang wiederbelebt, mein Brustbein durchgesägt und aus der Lunge eine ganze Schale Blutgerinnsel herausoperiert" – über die Ereignisse, die ihr das alte Leben raubten, wie sie es ausdrückt, kann Felicitas Rohrer ganz sachlich, fast schon distanziert berichten. Das medizinische High-Tech-Arsenal – Herz-Lungen-Maschine, Beatmungs-Tubus, künstliches Koma – das die Uniklinik für den Kampf um ihr Leben aufgeboten hatte – kann die studierte Tierärztin fachkundig beschreiben.

Nur manchmal gleitet sie während der Beschreibungen der Ereignisse in der Zeit zurück. In den Momenten, in denen sie sich an die wenigen bewusst erlebten Momente dieses schrecklichen Sommers erinnert, schleicht sich wieder ein Hauch von Panik in die Augen und ein leichtes Zittern in die Stimme. Zum Beispiel, wenn die schemenhaften Bilder von den 20 Ärzten wieder hochkommen, die damals im Juni in der Notfallambulanz hektisch um sie herumschwirrten. Wenn sie das unerträglich schwere Ultraschallgerät der Mediziner noch einmal auf ihrem Bauch spürt. Oder wenn sie in Gedanken noch ein zweites Mal ins Leben zurückkehrt, den entsetzlichen Moment rekapituliert, als sie auf der Intensivstation der Freiburger Uniklinik mit zwei ans Bett gefesselten Armen aufwachte und einen dicken Tubusschlauch in der Luftröhre spürte. Als sie sich ängstlich fragte, ob sie nun gleich ersticken oder an dem unerträglichen Durst zugrunde gehen würde.

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"Für acht Monate Pille muss ich mein ganzes Leben büßen."Felicitas Rohrer
Drei Monate sind seitdem vergangen und noch immer kann Felicitas Rohrer schlecht einschlafen, weil sie die Angst wachhält, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen. Noch immer wird ihr, sobald es ihr schließlich doch gelingt, wenig später brutal klargemacht, dass nichts mehr so wie vorher ist: "Ich muss mich täglich vor dem Aufstehen stechen, meine Gerinnungswerte messen und den Antithrombosestrumpf anziehen – ich werde gleich jeden Morgen daran erinnert, dass mein Körper ruiniert ist. Ich habe nicht geraucht, bin nicht zu dick und besitze auch keine erblichen Risikofaktoren – und trotzdem muss ich nun für acht Monate Pille und den Wunsch, nicht schwanger zu werden, mein ganzes Leben büßen."

Äußerlich ansehen tut man ihr all das kaum. Auf dem Stuhl im Wohnzimmer des Bad Säckinger Ein-Familien-Hauses sitzt ein lebendiges, hübsches Mädchen. Eine 25-jährige junge Frau wie andere 25-jährige junge Frauen auch, die sich gerne schick anzieht, in eine modische Jeans schlüpft, Ohrring, Ring und Armreif überstreift. Nur der Ausschnitt sitzt etwas höher als bei vielen Altersgenossinnen, weil unter dem schicken, schwarzen Shirt eine kleine rote Narbe in der Mitte der Brust hochklettert. Und der auch der dicke, kratzige Kompressionsstrumpf links will nicht so recht zu dem modischen Nylonstrumpf passen, der rechts unter der Hose hervorguckt.

Innerlich trennen sie und ihre Altersgenossinnen allerdings inzwischen Welten. Wessen Jugend wird schon von Nahtod-Erfahrungen belastet; wer fühlt sich schon von dem Grundvertrauen in die eigene Gesundheit und das Leben verlassen – Felicitas knabbert an all dem noch heute mit Hilfe eines Psychologen.

Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass ihr ihre Frauenärztin die Pille Yasminelle verschrieb. "Es war gerade die einzige, die sie in der Praxis hatte", erzählt Felicitas. Zudem habe ihr die Gynäkologin versichert, dass die Pille gerade für junge Frauen besonders verträglich sei. Sogar den von der Firma beworbenen Figurbonus pries die Ärztin an, ließ sogar laut ihrer Patientin trotz der gesunden Haut der 25-Jährigen den positiven Einfluss der Pille auf das "Hautbild" nicht unerwähnt.

"Möglichkeit der Gewichtsabnahme" Produktinformation
Über das Risiko dagegen, dass die Einnahme des Bayer-Poduktes wie von allen anderen Pillen auch die Thrombosegefahr erhöht, wurde in der Bad Säckinger Praxis kaum gesprochen. Die Blutgerinnsel im Bein, die sich selten, aber immer wieder bei Pillennutzerinnen bilden und schließlich in die Lunge geschwemmt werden können, kaum erwähnt. Details, dass diese Blutgerinnsel bei einer solchen Embolie in der Lunge die Adern verstopfen, so dass der Körper keinen Sauerstoff mehr aufnehmen kann – fielen gar gänzlich unter den Tisch. Inzwischen könnte Felicitas Roher all dies ihrer Medizinerin aus eigener Erfahrung berichten.

Die Gynäkologin hätte gewarnt sein können. Im Jahr 2000 kamen die beiden deutschen Pharmaunternehmen Jenapharm und Schering mit der neuen Wirkstoffkombination Ethinylestradiol/ Drospirenon auf den Markt. Zwei Jahre später waren europaweit – laut der unabhängigen Fachzeitschrift Arznei-Telegramm 40 Berichte zu venösen Thrombosen erfasst – darunter zwei Todesfälle. Erst Mitte September wurde wieder der Fall einer 21-jährigen Schweizerin bekannt, die zehn Monate, nachdem sie angefangen hatte, die Drospirenon-Pille Yaz zu schlucken, an einer Lungenembolie starb. Dem zuständigen deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, wurden seit Ende 2000 sieben Todesfälle "im Zusammenhang mit der Anwendung von Yasmin oder der Wirkstoffkombination von Yasmin" gemeldet – dabei handelt es sich bei den gemeldeten Nebenwirkungen in der Regel um die Spitze des jeweiligen Eisberges, weil derartige Probleme oft nicht als solche erkannt und Ärzte der Meldepflicht nicht immer nachkommen.

Das Schweizer Pendant Swissmedic ist auskunftsfreudiger und weiß von 49 venösen Thromboembolien im Zusammenhang mit einer Pilleneinnahme seit Anfang 2005 zu berichten, 31 davon Lungenembolien, fünf Todesfälle: 26 – mehr als die Hälfte der gemeldeten Thromboembolien – betrafen die Pille Yasmin – obwohl deren Marktanteil nur ein Fünftel ausmacht. Wie die Schwesterprodukte Yasminelle und Yaz aus der Bayer-Familie enthält auch Yasmin den Wirkstoff Drospiredon, dasselbe gilt für das Produkt Aida – und alle gelten als überdurchschnittlich teuer. 1,22 Millarden Euro Umsatz macht der Bayer Konzert weltweit jährlich mit Yasmin, Yaz und Yasminelle.

Eine Mitursache dürfte das teure Marketing sein. Die Yasminelle-Pille überreicht der Arzt gerne in einer schicken silbernern Box mit Schminkpinsel und -spiegel. In Produktinformationen wurde den Kundinnen haarscharf am Werbeverbot vorbei sogar die "Möglichkeit der Gewichtsabnahme" versprochen. Ohne zu erwähnen, dass es sich dabei gerade mal um 300 Gramm handelt, die die Pille laut Studien den Anwenderinnen pro Jahr erspart – und zwar ausschließlich 300 Gramm Wasser, welches weniger eingelagert wird. Auch hier hätte Felicitas Gynäkologin besser informiert sein können.

Angesichts der dürftigen Sicherheitsdaten hatten einst die europäischen Behörden bei der Zulassung weitere Studien gefordert. Sieben Jahre später reichte die Firma Bayer, die inzwischen den Yasmin-Hersteller Schering aufgekauft hat, die Daten nach. Das Ergebnis der sogenannten Euras-Untersuchung: Das Risiko von Thrombosen, Embolien und anderen ernsthaften Nebenwirkungen unter der Einnahme von Drospirenon-haltigen Pillen sei nicht anders als bei anderen derartigen Verhütungsmitteln, so die Autoren.
"Auf Grund von massiven methodischen Mängeln bleibt die Studie ohne Aussagekraft", urteilte dagegen das Arznei-Telegramm. Daten wurden überbewertet, so die Experten, andere verschwiegen und Konkurrenzprodukte schnitten auffallend schlecht ab. "Wir raten daher bis auf Weiteres von der Anwendung des Medikaments ab", lautete das Fazit der Zeitung.

Im Sommer dieses Jahres haben nun auch unabhängige Wissenschaftler in der Fachzeitschrift British Medical Journal (BMJ 2009;339:b2890 doi:10.1136/bmj.b2890) die Risiken der verschiedenen Pillenwirkstoffe miteinander verglichen. Venöse Thrombosen und Lungenembolien treten mit dem Yasmin-Wirkstoff Drospirenon demnach etwa doppelt so häufig auf, wie bei Produkten mit Levonorgestrel, einer älteren Substanz, die der älteren zweiten Pillengeneration angehört.

Besonders groß ist der Unterschied im ersten Jahr der Einnahme. In diesem Zeitraum treten Blutgerinnsel, wenn der Yasmin-Wirkstoffcocktail eingenommen wird, sogar fast viermal häufiger auf, als wenn die Frauen auf die Kombination des bewährten Levonorgestrel mit einem Östrogen setzten. Gerade dieses erste Jahr ist allerdings entscheidend: "Wenn eine Frau eine Thrombose unter der Pilleneinnahme bekommt, dann bekommt sie sie am häufigsten innerhalb der ersten zwölf Monate", erklärt die Gynäkologin Martina Dören, Professorin an der Berliner Charité und Expertin der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Danach sei es unwahrscheinlich, dass so eine Komplikation noch auftritt.
"Wir raten daher bis auf Weiteres von der Anwendung ab." Arznei-Telegramm zur Yasmin-Pille
Die Zulassungsbehörden haben deshalb Yasmin erneut auf den Prüfstand gestellt: "Nach Veröffentlichung der neuen Studien im BMJ werden diese zurzeit von den europäischen Arzneimittelbehörden bewertet. Noch ist diese Bewertung nicht abgeschlossen", erklärt Bernhardt Sachs; Leiter der Abteilung Risk Assessment am BfArM. Bisher sei das das Risiko für Thromboembolien basierend auf dem bisherigen Kenntnisstand als ähnlich hoch eingestuft wie bei Mitteln der zweiten Generation. Am Ende, so ist aus dem Amt zu vernehmen, könnte eine Veränderung des Beipackzettels stehen. In Zukunft müsste dort dann explizit von einem selbst für eine Pille überdurchschnittlichen Thromboserisiko gewarnt werden.

Lebensgefährlich würde deshalb noch kein Wissenschaftler die Pillen nennen. Unter hunderttausend Frauen, die ein Jahr das Verhütungsmittel einnehmen, bekommen etwa zwanzig eine Thrombose oder Lungenembolie – nach zehn Jahren Konsum sind statistisch gesehen zwei von 5000 Frauen betroffen. Selbst bei einer Verdopplung des Risikos bleiben die Betroffenen vor diesem Hintergrund Einzelfälle.

Nur was ist, wenn man so ein Einzelfall ist. "Meine körperliche Unversehrtheit und mein altes Leben hat Bayer mir genommen", klagt die junge Frau. "Ich wurde hineingeworfen in ein neues Leben, in dem ich bis ans Ende meiner Tage Medikamente nehmen, diesen abartig hässlichen Kompressionsstrümpfe tragen muss und womöglich keine Kinder mehr bekommen kann." Für sie steht fest: Der Yasminelle-Hersteller muss vor Gericht büßen. "Es kann einfach nicht sein, dass man sein Leben riskiert, nur weil man nicht schwanger sein will: Das darf nie wieder einer Frau passieren."

Es wäre schon eine Menge getan, meinen andere, wenn sich Frauen und Ärzte bewusst machen würden, dass dies passieren kann. "Auch Yaz und Yasmin sind keine neuen Wunderpillen", sagt Martina Dören, als die sie mancher gerne verkauft. "Und eine Antibabypille ist kein Lifestylepräparat. Sie ist ein Medikament. Ein Medikament, das auch Risiken und gefährliche Nebenwirkungen hat."

Autor: Michael Brendler