BZ-Serie "Gut und Gesund Essen" (12)

Die Wahrheit über die Fettleibigkeit

Petra Kistler

Von Petra Kistler

Fr, 31. März 2017 um 00:00 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Ist es Willensschwäche, fehlende Motivation oder eine chronische Krankheit? Deutschland hat so viele übergewichtige Menschen wie nie zuvor. Wissenswertes über die Adipositas.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schlägt Alarm: "So dick war Deutschland noch nie." Bei 59 Prozent der berufstätigen Männer und 37 Prozent der berufstätigen Frauen hätten die Pfunde derart überhandgenommen, dass Ärzte ihnen raten müssten, abzunehmen. Enorme Anstrengungen müssten gemacht werden, um die "Adipositasepidemie" umzukehren oder wenigstens zu stoppen.

Fitness schlägt Gewicht

Selbst unter Fachleuten ist umstritten, ab wann rund nicht mehr gesund ist. Nach einigen jüngeren Forschungsergebnissen kann ein leichtes Übergewicht (keine Fettleibigkeit!) sogar hilfreich für die Gesundheit sein. Viele Mediziner ziehen aus diesem Adipositas-Paradoxon den Schluss, dass es für die Gesundheit wichtiger ist, die Fitness zu steigern, statt allein auf die Zahl auf der Waage zu starren.

"Lieber dick und fit als schlank und faul", sagt auch Professor Peter Deibert, Ärztlicher Leiter des Instituts für Bewegungs- und Sportmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. "Es gibt wunderbare Studien, die zeigen, dass ein Zuviel an Kilos weniger schlimm ist als ein Zuwenig an Fitness." (Hier finden Sie alle zwölf Teile der Serie "Fit in den Frühling")

Die Schweren Fälle

Sorge bereitet den Ärzten eine kleine, aber wachsende Gruppe, die nach den Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation viel zu schwer ist. Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland, das sind 16 Millionen Menschen, gelten als krankhaft übergewichtig, also adipös. Das heißt, ihr Body-Mass-Index (BMI) liegt über 30.

Der Anteil der Patienten mit einer schweren oder extremen Adipositas (BMI über 40) hat sich laut dem Versorgungsreport Adipositas, den die Krankenkasse DAK in Auftrag gegeben hat, zwischen 1999 und 2013 mehr als verdoppelt, bei den Männern mit einer Häufigkeit von 5,1 Prozent sogar mehr als verdreifacht. Fast 10.000 Menschen griffen 2014 zum letzten Strohhalm und legten sich auf den Operationstisch. Auffällig ist: Armut macht dick. Menschen mit geringem Bildungs- und Einkommensniveau haben ein größeres Risiko, fettleibig zu werden.

Makel oder Krankheit?

Normalgewichtige können nur erahnen, wie es ist, Tag für Tag einen mit schweren Steinen gefüllten Rucksack zu tragen, keinen ausreichenden Sitzplatz in der Straßenbahn oder im Restaurant zu finden oder sich die Schuhe nicht mehr binden zu können. Schwere Adipositas ist eine chronische Krankheit, die häufig zu Folge- und Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Problemen, Krebs, Depressionen oder Gelenkproblemen führt.

Sind die Fettleibigen nicht selbst schuld an ihrem Gewicht und nur zu faul zum Abnehmen? Einfach auf die Schwarzwälder Kirschtorte und das Feierabendbier verzichten, statt ins Auto auf das Fahrrad steigen – und das Gewichtsproblem erledigt sich von selbst?

"Übergewicht ist nicht die ,Schuld’ des Einzelnen, sondern geht uns alle an. Es kommen viele Faktoren zusammen, die Übergewicht begünstigen und auslösen können", widerspricht Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie in Gera.

Unstrittig ist, dass übermäßiges Essen, zu wenig Bewegung und eine ungünstige genetische Veranlagung zu den Risikofaktoren zählen. Aber auch psychische Aspekte, Schlafstörungen, chronischer Stress und ungünstige Umweltbedingungen können dazu führen, dass die Energiezufuhr und der Energieverbrauch ins Ungleichgewicht geraten. Jüngste Erkenntnisse weisen neben dem Lebensstil und der Energiebalance auch auf Veränderungen in der Hirnstruktur hin, die für die Motivation, Verhaltenskontrolle und automatische Handlungsabläufe verantwortlich sind.

Fünf Gummibärchen

Um dick zu werden, müssen keine Tonnen von Lebensmitteln verdrückt werden. Wer Tag für Tag 40 Kalorien mehr zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt zwischen dem 25. und 65. Lebensjahr etwa 68 Kilogramm zu. Und 40 Kalorien sind ein Klacks: fünf Gummibärchen oder vier Chips oder ein halber Schokokeks oder zwölf Weintrauben.

Verglichen mit dem Aufbau ist der Abbau der Fettdepots schwierig und langwierig. Diäten helfen beim Abnehmen, wer mag aber ein Leben lang auf Brot, Pasta oder Süßes verzichten? Das reduzierte Gewicht dauerhaft zu halten, scheint fast unmöglich zu sein. Nur fünf Prozent aller Betroffenen konnten ihr Gewicht nach einer konventionellen Adipositastherapie mindestens fünf Jahre halten, zitiert das Deutsche Ärzteblatt aus Studien. Ein Teufelskreis, dem auch die Teilnehmer der US-Fernsehsendung "The biggest loser", in der es darum geht, so viel Gewicht wie möglich zu verlieren, nicht entkommen konnten. Wissenschaftler des National Institutes of Health haben 14 Teilnehmer der TV-Show sechs Jahre lang begleitet und untersucht, wie sich ihr Gewicht veränderte.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Im Durchschnitt haben sie während der Abnehm-Show 58 Kilogramm verloren – und später wieder 41 Kilogramm zugenommen.

Bevor die sechs Männer und acht Frauen das Programm starteten, verbrannten sie im Schnitt 2600 Kalorien am Tag. Nach 30 Wochen strengem Diät- und Sportprogramm lag ihr Grundumsatz nur noch bei knapp 2000 Kalorien. Das ist die Energie, die der Körper verbraucht, um zu atmen, das Blut pulsieren, die Organe laufen zu lassen. Um ihr Gewicht halten zu können, hätten die Kandidaten jeden Tag 500 Kalorien weniger zu sich nehmen müssen als es für Menschen ihrer Größe und ihres Alters üblich wäre. Auch sechs Jahre nach dem Abnehmprogramm arbeitet ihr Körper im Sparmodus, als ob er eine Hungersnot überbrücken müsste.

Je mehr ein Kandidat in der Show abgenommen hatte, umso stärker drosselte der Körper den Grundumsatz – die größten Hungerkünstler waren die größten Loser.

Viele Übergewichtige haben solche Diätkarrieren hinter sich. Die Industrie macht mit Abspeckprodukten und Schlankheitspillen so viel Umsatz, weil sich die Dicken an jeden Strohhalm klammern – von nutzlosen Versuchen mit Trenddiäten über sündhaft teure geheimnisvolle Spritzen bis zu Mitteln, die der Nahrung Fett entziehen, sodass es unverdaut – und auch oft unvermittelt – ausgeschieden wird.

Allerorten Vorurteile

Wer Hilfe sucht, hat es nicht leicht. Nach einer Studie der Universität Leipzig halten zwei von drei Befragten Übergewichtige für willensschwach, unmotiviert und faul. Das gilt nicht nur für medizinische Laien, sondern auch für Ärzte.

"Die Erkenntnis, dass Adipositas keine Willensschwäche, sondern eine chronische Erkrankung ist, hat sich noch nicht zu allen Hausärzten herumgesprochen", sagt Andreas Berg, Geschäftsführer des Vereins Mobilis in Freiburg. "Nehmen Sie ab! Das bekommen die Betroffenen oft von ihrem Hausarzt zu hören. Aber wie? Das kann der Arzt auch nicht sagen." Das Kürzel Mobilis steht für "Multizentrisch organisierte bewegungsorientierte Initiative zur Lebensstiländerung in Selbstverantwortung", ein Angebot für stark Übergewichtige (BMI 30 bis 40), das nicht allein auf eine Ernährungsumstellung, sondern auch auf Sport und Psychologie setzt. Ein aufwendiges Programm, bei dem niemandem schnelle Erfolge versprochen werden. Ein Erfolg kann auch sein, wenn das Gewicht gehalten und die Begleiterkrankungen reduziert werden.

Aber wie? "Wer starkes Übergewicht hat, sollte sich in professionelle Hände begeben", rät Doris Steinkamp. "Bei einer Adipositas hilft keine Zehn-Wochen-Kur. Ein gesundes Körpergewicht ist eine lebenslange Aufgabe. Man muss seinen Lebensstil dauerhaft ändern, gesünder essen, sich mehr bewegen." Von Radikaldiäten und überzogenen Zielen rät die langjährige Vorsitzende des Verbands der Diätassistentinnen ab. Entscheidend sei nicht allein, was die Waage anzeige, sondern auch die Gewichtsentwicklung und die genetische Disposition. "Ist die Zunahme eine kurzfristige Entwicklung? Hat sie sich in den letzten zehn Jahren aufgeschaukelt? Wie sehen ihre Eltern und Geschwister aus?" Und die Frage: "Warum sind Sie jetzt unzufrieden mit ihrem Gewicht?"

Wo gibt es Hilfe?

Nach einer Studie der Krankenkasse DAK gibt es in Deutschland eine deutliche Unter- und Fehlversorgung bei der Therapie von extremem Übergewicht. Statt auf Wunderpillen und Wunderdiäten zu warten, schlägt die Kasse ein Programm vor, mit dem mehr Betroffene früher erreicht werden. Alle Patienten mit einem BMI über 30 sollen von einem ernährungsmedizinisch qualifizierten Arzt untersucht werden. Ein Arzt und eine Ernährungsfachkraft begleiten die Therapie, geben individuelle Ernährungsempfehlungen, vereinbaren konkrete Ziele. Zum Angebot gehört auch Rehasport und, wenn notwendig, eine Psychotherapie. Innerhalb von zehn Jahren könne die Zahl der fettleibigen Menschen in Deutschland um mehr als zwei Millionen auf 14 Millionen gesenkt werden – und allein die Krankenhauskosten um mehr als eine Milliarde Euro reduziert werden. Das Problem: Die Prävention belastet jetzt die Budgets, der Nutzen zeigt sich erst viel später.

Experten wie Andreas Berg oder Doris Steinkamp kennen das Problem. Mit der sprechenden Medizin werde nicht viel verdient. Pillen gegen Adipositas, an der die Industrie Interesse haben könnte, gebe es nicht. "Es kann aber nicht sein, dass das erste Gespräch, bei dem der Patient ernstgenommen wird, beim Chirurgen vor der Magenoperation stattfindet!"
Was ist der BMI?

Der Body-Mass-Index, kurz BMI, zeigt das Verhältnis des Gewichts einer Person zur Körpergröße an. Mit BMI lässt sich auf einfache Weise berechnen, ob beispielsweise Übergewicht besteht oder nicht. Die Formel lautet: Körpergewicht in kg geteilt durch Körpergröße im Quadrat.

Beispiel: Sie sind 1,75 m groß und wiegen 70 kg. Die Rechnung: 70: (1,75 x 1,75) = 70:3,06 = 22,87. Ihr BMI beträgt 22,87. Das bedeutet: Normalgewicht.

Die Klassifizierung, die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegt wurde, lautet: Ein BMI von 18,5 zeigt Untergewicht an, ein BMI von 18,5 bis 25 Normalgewicht, ein BMI von 25 bis 30 Übergewicht. Bei einem BMI von über 30 beginnt die Adipositas.

Mittlerweile gibt es auch Kritik an der reinen Betrachtung des BMI: Er unterscheide nicht zwischen Fett und Muskelmasse. Deshalb sei er eine schlechte Messmethode für muskulöse Menschen. Ein guter Indikator ist der Bauchansatz: Bei Frauen sollte er nicht über 80 Zentimeter betragen, bei Männern nicht mehr als 94 Zentimeter.

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