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08. Juli 2013

Ein Herz für mich: Auch mal ein Auge zudrücken

Die moderne Achtsamkeitstherapie lehrt: Es ist gesund, auch mal bei sich selbst ein Auge zuzudrücken.

  1. Mitgefühl Foto: Fotolia

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", empfiehlt uns die Bibel und geht wie selbstverständlich davon aus, dass wir das können: Uns selbst lieben. "Als Gott mich geschaffen hat, hatte er nichts Schönes mehr übrig", ist eine Psychiatriepatientin zutiefst überzeugt. Dass man mit dieser Einstellung nicht immer leicht durchs Leben geht, ist leicht vorstellbar.

Aber nicht nur Psychiatriepatienten machen sich mit solchen Selbsteinschätzungen das Leben schwer. Psychologieprofessor Paul Gilbert von der Universität Derby in England ist aufgefallen, wie viele Menschen den Glaubenssatz verinnerlicht haben: "Etwas stimmt mit mir nicht." Menschen, die vielleicht gerade von ihrem Partner verlassen wurden, sind versucht zu glauben: "Bei allen anderen funktioniert immer alles bestens, nur bei mir nicht." Ein Gefühl der Isolation stellt sich ein. Sie erleben die Welt als einen andauernden Wettbewerb. Wer dem nicht gewachsen ist, glauben sie, sei nicht liebenswert.

Aber "das Leben ist nicht perfekt", sagt Gilbert. "Alle werden geboren, wachsen und sterben. Alles was wir lieben, wird aufhören zu existieren. Das ist eine Tragödie für uns." Niemand kann ihr entkommen. Dem Menschen bleibt nichts anderes übrig, als mit Tragödien, Schmerzen, Leiden umgehen zu lernen.

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"Der Mensch ist gefangen im Teufelskreis seiner Gedanken"

Paul Gilbert, Psychologe
Den Schlüssel dafür erkennt er im Mitgefühl für sich selbst, das das Mitgefühl für andere mit einschließt. Es mit einem narzisstischen Selbstwertgefühl zu umschreiben würde ihm nicht gerecht. Der Psychologe meint damit die Fürsorge für sich und andere, einen freundlichen und wärmenden Umgang mit sich selbst, ganz besonders, wenn es einem nicht gut geht. Etwa so, wie eine Mutter ihrem Kind Geborgenheit und Sicherheit in der Welt gibt. Der mächtige innere Kritiker soll zum Schweigen gebracht werden.

Wer hat ihn überhaupt auf den Plan gerufen? Paul Gilbert hat sich tief in die Evolutionsgeschichte des Menschen gegraben. Zunächst, so das Ergebnis seiner und andere Leute Forschungsarbeit, habe die Natur dem Menschen Hirnstrukturen mit auf den Weg gegeben, die ihn gegen die Widrigkeiten des Lebens rüsten sollten. Derart früh in der Evolutionsgeschichte entstandene Hirngebiete halfen dem Homo sapiens, sein Revier zu verteidigen, um seinen Status zu kämpfen und sich vor Bedrohungen in Sicherheit zu bringen.

Der aufrechte Gang vor zwei Millionen Jahren gebar dann neue Strukturen im Denkorgan, so Gilbert: Der Mensch entwickelte seine intellektuellen Fähigkeiten und lernte, über die Emotionen des "alten Gehirns" nachzudenken. "Das ist sein Problem", sagt der Professor. "Er ist gefangen im Teufelskreis seiner Gedanken." Entkommen könne er ihm nur mit einem "anderen Bewusstsein". Er müsse lernen, diese verrückten "loops of the mind", diese Gedankenschleifen, aus einem inneren Abstand heraus zu beobachten und sie damit zu beeinflussen.

Die von Gilbert entwickelte Therapie des Mitgefühls (compassionate mind therapy) ist eine besondere Form der hierzulande bereits weit verbreiteten Achtsamkeitstherapie. Es geht darum, etwa in der Meditation das Gewahrsein des Augenblicks zu üben: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen wie den Atem wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Eine gute Gelegenheit somit, auch dem inneren Kritiker auf die Spur zu kommen, der unablässig und reflexartig – gerne im Vergleich mit anderen Menschen – seine Kommentare abgibt: "Du kannst doch gar nicht singen." Oder: "Da hättest du aber mal schlagfertiger reagieren sollen." Nett und liebevoll sind sie selten. Unbewusst schleichen sie sich ins Hirn und prägen das Bild, das ein Mensch von sich hat und die Art, wie er in der Welt agiert. Achtsamkeit ist eine Methode, sie an die Oberfläche des Bewusstseins zu spülen, sie anzuschauen und zu verstehen.

Gilbert unterscheidet zwischen unterschiedlichen Motivationssystemen als einer Art Steuerungszentrale im Gehirn: "Sie richten den Geist aus und nehmen Einfluss auf das, was ich wahrnehme, was ich darüber denke und wie ich mich verhalte." Wer sich entscheide, Banker zu werden, sei auf Wettbewerb trainiert und strukturiere seinen Geist entsprechend. Wer sich ständig bedroht fühle, werde von Angst und Abwehr beherrscht. Ziel von Gilberts Therapie ist es, dem Gehirn einen flexibleren Umgang mit der Welt zu eröffnen. Während er im Westen das Antriebssystem (etwa eines Bankers) für "überentwickelt" hält, sieht er großen Nachholbedarf für das "Mitgefühlssystem", das den Menschen erlaube, sich sicher und in Frieden mit sich selbst zu fühlen; Nähe aufzubauen, ohne sie als Bedrohung zu empfinden.

Mit seinen Patienten trainiert Gilbert gezielt, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was hilft und das eigene Wohlbefinden nährt: Nach einer Einkaufstour beispielsweise nicht von dem einen Laden zu erzählen, in dem die Kundin schlecht behandelt wurde, sondern von den neun anderen, in dem der Service vorzüglich war. Mitgefühl lernen heißt, sich auch mit bedrohlichen Gefühlen auseinanderzusetzen, Schmerzhaftes nicht auszuklammern. Das erfordert Mut: Eine sexuell missbrauchte Patientin etwa hält die Erinnerungen an den Missbrauch und die Gefühle, die sie in ihr wachrufen, kaum aus. "Es sind ja nicht nur nette Sachen, die einem Menschen begegnen, der sein mitfühlendes Selbst stärken will." Die Patientin schämt sich für das, was ihr widerfahren ist oder fühlt sich sogar schuldig. "Es ist nicht unsere Schuld", tröstet Gilbert seine Patienten. "Aber es ist unsere Verantwortung, unseren Geist so zu trainieren, dass er empfänglicher wird für heilende Einflüsse." Dafür muss er die Zerstörerischen erst mal erkennen. "

Was der Buddhismus von jeher praktiziert, wird zunehmend als hilfreich in der westlichen Medizin erkannt. Von drei auf mehr als 200 soll die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen während der vergangenen zehn Jahre hochgeschnellt sein, wie kürzlich bei einem von der Uniklinik und Arbor Seminare veranstalteten Kongress in der Freiburger Universität zu erfahren war.

Mit der Auswertung von ausgefeilten Fragebögen, Hirnstrommessungen und Gehirnscannerbildern von buddhistischen Mönchen, wollen die Wissenschaftler dem Geheimnis des Mitgefühls auf die Spur kommen. Britta Hölzel etwa, Wissenschaftlerin an der Berliner Charité, hat anhand von Kernspin-Aufnahmen zeigen können, wie Amygdala und präfrontaler Kortex nach einem Achtsamkeitstraining im Gleichklang miteinander schwingen. Zuvor hatten sich in den Hirngebieten noch gegenläufige Bewegungen erkennen lassen.

Die Neurowissenschaftlerin Tanja Singer vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften beobachtet, wie Meditation und Mitgefühl Hirnareale verändern und behauptet: "Mitgefühl lässt sich trainieren wie ein Muskel im Fitnessstudio." Das, sagt sie in einem Interview mit der Zeit, könnte der gesamten Gesellschaft zugute kommen: "Wir können das Gewicht von Egoismus zu mehr Altruismus verschieben."

"Mitgefühl lässt sich

trainieren wie ein Muskel"

Tanja Singer (Neuroforscherin)
Bei ihren Forschungen kooperiert sie eng mit dem Dalai Lama. Im Januar war die Professorin zudem in Indien dabei, als die Äbte aller buddhistischen Klöster vor 10 000 buddhistischen Mönchen erklärten, die westliche Forschung in ihre Curricula aufzunehmen.

Kristin Neff, Psychologieprofessorin aus Austin/Texas, hat Menschen zwischen 14 und 83 Jahren weltweit befragt, um herauszufinden, wie weit ausgeprägt ihr Mitgefühl mit sich selbst ist und wie sich das auswirkt: Wer zu gnadenlos mit sich ist, kam dabei unter anderem heraus, ist anfällig für Angst, Depression, Stress oder die Ablehnung des eigenen Körpers. Kriegsveteranen aus Afghanistan oder dem Irak schützt "self-compassion" vor Traumafolgen.

Mitgefühl stärkt das Wohlbefinden und die Gesundheit. Eine Erfahrung, die auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Palliativzentrums am Malteserkrankenhaus in Bonn machten. Freiburger Wissenschaftler um Professor Stefan Schmidt von der Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie an der Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik wollten wissen, wie sich neun Wochen Tong-len auswirken. Die tibetische Mitgefühlsmeditation war in die tägliche Arbeit integriert worden und sollte den Mitarbeitenden helfen, mitfühlend mit den Patienten und gleichzeitig fürsorglich mit sich selbst zu sein. Häufig fühlen Pflegekräfte sich ausgebrannt, weil sie genau diese Balance nicht hinkriegen. Die Ergebnisse aus Bonn klingen vielversprechend: Das Personal fühlte sich deutlich weniger erschöpft, war weniger gestresst und hatte viel mehr Freude an der Arbeit.

Autor: Anita Rüffer