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31. Januar 2011 08:24 Uhr
BZ-Interview
Ein plastischer Chirurg über die Grenzen seiner Profession
Dienstleister oder Doktor? Heiler oder Handwerker? Wir sprachen mit dem Plastischen Chirurgen Björn Stark über Geldgier, den Wohltäter im Schönheitschirurgen und das Arzt-Patienten-Verhältnis in sparsamen Zeiten.
BZ: Herr Professor Stark, in der plastischen Chirurgie ist der Arzt oft nicht als Heiler tätig, der Leiden mindert, sondern als Dienstleister, der den Körper optimiert. In welcher Rolle sehen Sie sich selbst?
Stark: Ich denke, es ist nicht so einfach, wie es immer dargestellt wird: Auf der einen Seite die gute, heilende Medizin, auf der anderen Seite wir, die wir mit unserem Selbstbedienungsladen die menschlichen Eitelkeiten bedienen. Wir alle haben ein gewisses Bild von unserem Körper. Wir alle gehen zum Friseur, zum Zahnarzt, mancher ins Fitnessstudio – und zwar auch, um schöner zu werden. Wo ist die Grenze, ab der diese Dinge verwerflich werden?
BZ: Sie meinen, ein Schönheitschirurg ist nicht weniger Wohltäter als sein Kollege aus der Herz-Kreislauf-Medizin?
BZ: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein junger Mann mit einer sehr großen Nase ist nicht krank, bloß weil er mit seiner Nase unzufrieden ist. Aber er selbst empfindet sie als großes Problem und leidet darunter. Wenn der Betroffene als Patient zu mir kommt, rede ich erst mal mit ihm. Und wenn ich merke, dass er einen nachvollziehbaren Wunsch hat, versuche ich etwas für ihn zu tun. Dieser Eingriff mag dann zwar keine Krankheit heilen, aber er hilft wahrscheinlich einem Menschen, etwas leichter durchs Leben zu kommen. Auch das ist für mich eine medizinische Leistung.
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BZ: Auch wenn Sie niemand gesund machen?
Stark: Letztlich stehen wir doch alle vor folgender Frage: Beinhaltet die Medizin nur die Heilung einer Krankheit, oder umfasst sie auch die Hilfe bei der Sorte von Problemen, mit denen sich die Medizin eben beschäftigt – mit Problemen des Körpers? Insofern ist die plastische Chirurgie sicher technisch gesehen eine medizinische Leistung – allerdings ist die Indikationsstellung zur Behandlung zugegebener Maßen etwas schwieriger.
BZ: Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit als einen "Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens". Muss man die Grenze zwischen kurativer Medizin und Lifestyle-Medizin neu definieren?
Stark: Jeder Arzt, der seine Aufgabe ernst nimmt, weiß, dass das nicht nötig ist. Aber man sollte sich als Mediziner bei jedem einzelnen Fall, mit dem man konfrontiert ist, die Frage stellen: Bringt meine Behandlung dem Patienten etwas? Verbessere ich sein Wohlbefinden? Zudem möchte ich den Menschen sehen, der von sich sagen kann, dass er die Gesundheits-Kriterien der WHO erfüllt. Aber als plastischer Chirurg kann ich vielen Menschen zumindest helfen, diesem Ideal näherzukommen.
BZ: Allerdings kann sich diese Optimierungsmedizin nicht jeder leisten – müsste dann nicht hier auch die Kasse in ihrer Erstattungspolitik großzügiger werden?
Stark: Nein, und sie wird es auch nie tun. Im Gegenteil, die Kassen werden immer strenger werden. Und das ist auch richtig so. Wir werden immer älter und kränker und müssen dankbar dafür sein, dass alles dafür getan wird, damit wir unter keinen starken Gebrechen leiden. Und nicht an Krankheiten sterben, die in anderen Ländern ein Todesurteil bedeuten. Irgendwo muss man Grenzen ziehen, wir können leider nicht alles haben. Die ästhetische Chirurgie fällt sicherlich in diesen Bereich. Außerdem würde es anders auch nicht funktionieren.
BZ: Warum?
Stark: Dafür spricht meine langjährige Erfahrung als Arzt. Früher kam es oft vor, dass Patienten einen eigentlich ästhetischen Eingriff von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt bekamen. Gerade diese Patienten waren nach dem Eingriff aber nie zufrieden. Einfach nie! Sie haben eine Brustvergrößerung im Wert von 3000 bis 6000 Euro von ihrer Kasse bezahlt bekommen, aber bemängelten anschließend, dass sie jetzt einen BH brauchen, der 100 Euro kostet. Das müssen Sie als Arzt dann auch noch bescheinigen. Ihre Idee kann nicht funktionieren, weil mit der Erstattung durch die Kasse auch das Anspruchsdenken kommt.
BZ: Wo liegt denn für Sie die Grenze zwischen medizinischer Hilfe und merkantiler Lifestyle-Dienstleistung?
Stark: Die Grenze liegt dort, wo die Erwartungen unrealistisch werden. Wenn jemand mit 55 Jahren zu mir kommt, aussieht wie 60 und lieber so jung und frisch wie andere 50-Jährige daherkommen möchte, dann ist das legitim. Wenn aber jemand mit 55 Jahren, der schon fünf Operationen hinter sich hat, den Wunsch äußert, auszusehen wie ein Zwanzigjähriger – das geht nicht! Dieser Mensch hat oft ein ganz anderes, nicht-körperliches Problem. Es gibt eine Krankheit namens Dysmorphe Phobie. Das sind Menschen, die mit ihrem Körper überhaupt nicht zurechtkommen. Das ist häufiger, als man denkt. Experten schätzen, dass jeder zwanzigste Deutsche betroffen ist.
Stark: Ja, denn ich kann ihm nicht helfen. Im Gegenteil, ich schade ihm, denn es ist ja Teil seiner seelischen Krankheit, dass er mit dem Ergebnis nie glücklich sein kann. Ich versuche solchen Leuten dann schonend beizubringen, besser einen Psychiater aufzusuchen. Außerdem will ich mir Ärger ersparen. Diese Patienten sind nämlich nie zufrieden. Es sind sogar schon plastische Chirurgen von solchen Menschen umgebracht worden.
BZ: Es gibt ja Kollegen in Ihrer Branche, die in erster Linie als Busenvergrößerer und Fettabsauger unterwegs sind. Besteht als privat wirtschaftender Arzt nicht auch die Versuchung, bei der Indikationsstellung großzügiger zu sein?
Stark: Gelderwerb spielt in der Medizin eine nicht unerhebliche Rolle. Der eine steht mit dem Rücken zur Wand, beim anderen reicht es nicht für den ersehnten luxuriösen Lebenswandel. Da ist die Versuchung natürlich immer groß. Das Problem in der sogenannten ästhetischen Chirurgie ist: Sie können solche Eingriffe mittlerweile in Wochenendkursen lernen. Und es kann mir keiner erzählen: "Ich bin Zahnarzt und Lidplastiken finde ich so toll, jetzt hab ich schon den Samba Kurs gemacht, da mache ich am nächsten Wochenende mal einen Lidplastik-Kurs..." Es geht hier schlicht darum, Geld zu verdienen. Aber eben weil hier ein undurchschaubarer Wildwuchs besteht, versuchen Fachärzte in großen Ausbildungskliniken, das ganze Spektrum der plastischen Chirurgie gemäß allgemeingültiger ethischer, wissenschaftlicher und qualitativer Standards anzubieten.
Stark: Nein, ich meine nur, dass die Behandlungen von Fachärzten gemacht werden sollten, die das auch gelernt haben. Ein Prostatakarzinom zum Beispiel, wird in Deutschland ein Urologe operieren und das wird ihm keiner streitig machen. Bei ästhetischen Operationen sollte man deswegen zu dem Chirurgen gehen, der einen Facharzt in plastisch-ästhetischer Chirurgie hat – und das ist im Moment nicht immer gewährleistet!
BZ: Bei Ihnen sind die Verhältnisse relativ klar: Ihre Patienten verstehen sich als Kunden und zahlen die Eingriffe selbst. Wie wirkt sich das auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus?
Stark: Klärend! Auch Hippokrates hat nicht umsonst gearbeitet. Selbst der Priester nimmt Geld. Den Arzt, der ohne Gegenleistung arbeitet, gibt es nicht. Ich sage lieber klar und deutlich: "Natürlich verdiene ich mein Geld damit!" Das ist keine Schande. Im Gegenzug muss ich aber eine anständige Leistung erbringen. Und ich darf nicht pikiert sein, wenn der Patient sagt, er würde gerne noch eine zweite Meinung hören, oder meint, ich hätte etwas falsch gemacht. So etwas ist keine Unhöflichkeit, ich sage das auch zu meinem Automechaniker. Das ist für mich ein ehrliches Verhältnis. Ich finde es auf diese Weise viel angenehmer. Ich bin lieber ein anständiger Handwerker.
BZ: Hat dieses Verhältnis keine Nebenwirkungen? Der Patient ist dem Arzt schließlich ausgeliefert; es ist somit kein wirkliches Kunden-Verkäufer-Verhältnis?
Stark: Ich mag dieses mythische Arztbild nicht. Seinem Automechaniker ist man genauso ausgeliefert. Wir Mediziner haben sicherlich eine besondere menschliche Verantwortung, weil wir sowohl körperlichen als auch seelischen Hautkontakt mit dem Patienten haben. Aber wir sind letztlich auch Menschen, und wir leben davon. Wir dürfen natürlich nicht alles für Geld tun – das ist eine Frage des Anstandes und der Moral. Ich bin da vielleicht ein wenig ketzerisch, aber ich finde, wenn wir diese besondere, ins priesterliche gehende Rolle hervorheben, maßen wir uns etwas an. Ich nehme den Patienten als Partner. Und das kann ich viel besser, wenn das Verhältnis klar ist. Dann macht mir die Arbeit Spaß.
Björn Stark arbeitet seit 17 Jahren als Chef der plastischen Chirurgie und Handchirurgie an der Uniklinik in Freiburg. Seit fast fünf Jahren steht der 53-jährige geborene Furtwanger zudem der privaten Erich-Lexer-Klinik GmbH für ästhetisch-plastische Chirurgie vor, die eine Ausgründung der Uniklinik ist. Stark hat auch in Freiburg studiert.
Autor: Ismene Hermann und Clemens Schiebel
