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08. März 2010

Gesundheit & Ernährung

Erhöhte Tumormarker sind noch kein Grund zur Panik

Die Bedeutung des Tumormarkers wird häufig überschätzt. Von erhöhten Werten lässt sich nicht zwingend auf einen Tumor schließen. Patienten sollten sich nicht verrückt machen lassen.

  1. Blut, frisch von der Ader Foto: ojpäpojpoj

  2. Blutproben, penibel geordnet, im Labor Foto: VDGH/bz

  3. Hartmut Henß Foto: privat

Mein Tumormarker ist gestiegen, was soll ich tun? Mit solchen Fragen verängstigter Patienten, die bei der Hotline des Tumorzentrums Ludwig Heilmeyer (CCCF) an der Universitätsklinik Freiburg anrufen, ist Hartmut Henß häufig konfrontiert. Der Arzt und medizinische Geschäftsführer der Einrichtung muss dann oft genug auch Missverständnisse ausräumen. Denn die Bedeutung der Tumormarker werde vielfach überschätzt. Sein Rat an die Patienten: sich nicht verrückt machen lassen.

Die Rede ist von kryptischen Kürzeln wie CEA, CA 15-3, CA 19-9, AFP, HCG, PSA oder NSE. Die vollen Namen sind die reinsten Zungenbrecher, die nur Molekularbiologen und Onkologen geläufig sind. Der Patient, der von der Materie meist gar nichts versteht, hält sich an das Wort Tumormarker – ein ebenso suggestiver wie irreführender Begriff. "Er legt nahe, man könnte durch eine Blutanalyse zuverlässig feststellen, ob und wie viel bösartiges Gewebe in einem Menschen drin ist. Und das stimmt so nicht", sagt Henß.

KAUM ECHTE SPEZIALISTEN

Der Name verspricht etwas, was er nicht hält: Zielgenauigkeit. "Es gibt keinen Tumormarker, von dem man eindeutig auf eine bestimmte Krebserkrankung schließen kann", so Henß. Das wichtige Kriterium der "Spezifität" erfülle in der täglichen Praxis nur das PSA, das Prostataspezifische Antigen. Erhöht sich der Wert über längere Zeit, weiß man, dass die männliche Vorsteherdrüse erkrankt ist. Was man dann aber noch nicht weiß: Ist die Wucherung gut- oder bösartig? Klarheit bringen erst weitere Untersuchungen wie eine Biopsie (Entnahme von Gewebeproben). Man sieht: Auch die Aussagekraft des PSA-Wertes ist begrenzt. Andere Tumormarker sind noch viel fragwürdiger. "Sie sind nicht hundertprozentig spezifisch." Bei einer bestimmten Klasse deuten stark erhöhte Werte "mit großer Wahrscheinlichkeit" auf einen Tumor hin – unklar bleibt aber welcher Art. Eine dritte Fraktion stuft Henß als "die problematischste" ein: Eine Erhöhung kann mit einem Tumor verbunden sein, "muss es aber nicht". Die Normabweichung kann auch harmlose Ursachen – Entzündungen etwa – haben.

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VIEL LÄRM UM NICHTS

Falscher Alarm, medizinisch gesprochen falsch positive Befunde: Für den Patienten bedeutet dies viel Stress, unangenehme, auch kostspielige Untersuchungen. Henß erinnert sich an den Fall eines Mannes, der bei einer Routinekontrolle erhöhte Tumormarker aufwies und "auf den Kopf gestellt" wurde. Nach ein paar Wochen war der Spuk vorbei: Die Werte waren wieder normal. Er sei "immer sparsam" mit der Bestimmung dieser Marker umgegangen, so Henß. Schließlich behandle man "nicht Tumormarker, sondern Patienten".

Sein Rat: Nur dann die Werte abnehmen, "wenn klar ist, welche Konsequenzen ziehe ich als Arzt daraus". Die Ärzte sieht er doppelt unter Druck: Von Seiten der Patienten, die die Werte "fordern". Und von Seiten eines Medizinsystems, das die relativ einfachen Laboruntersuchungen gut vergütet. Die Folge: Ärzte sind versucht ohne groß darüber nachzudenken das zu erstellen, was sich im Medizinerjargon "Laborlatten" nennt.

ZUM SCREENING UNGEEIGNET

"Mit der Ausnahme PSA, aber auch das nicht uneingeschränkt, taugen Tumormarker nicht fürs Screening", sagt Henß. Darunter versteht man die routinemäßige Abnahme von Werten mit der Absicht, einen Tumor vielleicht im Frühstadium zu erwischen. "Zu einer eindeutigen Erhöhung des Markers kommt es oft erst in einem Krankheitsstadium, das mit Früherkennung nichts mehr zu tun hat." Bei Brustkrebs beispielsweise kann man dann unter Umständen die Knoten bereits tasten. Wie wenig diese Werte allein besagen, zeigt noch etwas. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium können sich die Tumormarker sogar wieder normalisieren.

SINNVOLL ZUR KONTROLLE

Dennoch können Marker im Einzelfall – "nicht bei allen Tumoren" – wertvolle Hinweise liefern über den Verlauf einer Krebserkrankung: ob die Chemotherapie anschlägt, ob der Tumor nach einer Operation Ruhe gibt oder nachwächst. Das ist vor allem wichtig, wenn die Ausbreitung des Krebses mit Röntgen- oder Kernspinaufnahmen oder anderen bildgebenden Verfahren nicht messbar ist. Aber stets ist der Marker nur ein Mosaikstein im Gesamtbild. "Der Tumormarker kann Veranlassung sein nachzuschauen, er kann aber auch Veranlassung sein zu sagen, jetzt lassen wir das Ganze mal unter der Decke."

Wenn die Werte über der Norm liegen, sollte der Patient ein paar Wochen später wieder zur Blutabnahme. Henß: "Pendelt der Marker um einen leicht grenzigen Wert, dann ist das so. Da muss man nichts machen." Ein Alarmzeichen ist aber ein kontinuierlicher Anstieg über längere Zeit: "Das ist fast beweisend dafür, dass ein Tumor aktiv ist." Aber auch dann ist nicht klar: "Wo steckt das? Dann muss man suchen."

IRRTUM IM LABOR

Reißt ein Wert nach oben aus, so kann das nicht-tumorbedingte körperliche Ursachen haben – oder ein Laborfehler sein: weil die Blutprobe falsch abgenommen, nicht sachgemäß oder zu lange gelagert wurde oder weil sich die Maschine, die die Werte ausspuckt, geirrt hat. Henß zufolge kommt das immer wieder vor – trotz Qualitätskontrollen in den Labors.

Krebs-Hotline des Tumorzentrums Ludwig Heilmeyer (CCCF) Tel. 07 61 / 2 70 60 60

Autor: Michael Heilemann