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28. November 2011

VERANSTALTUNGSTIPP

Experte: "Burnout, das gibt es doch gar nicht"

Manfred Lütz ist Psychiater, Chefarzt, Theologe – und Bestsellerautor. Fast 700.000-mal hat sich sein Buch "Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen" inzwischen verkauft.

  1. Überlastung, einer der Auslöser von Burnout Foto: fotodesign-jegg.de - Fotolia

  2. Manfred Lütz Foto: privat

  3. Foto: asdasd

Mit seiner "heiteren Seelenkunde" hat der nebenberufliche Kabarettist aber auch schon in Freiburg die Säle gesprengt. Weil mehr als 1000 Besucher sich von ihm im April auf unterhaltsame Art und Weise über psychische Krankheiten aufklären lassen wollten und nicht alle ins Freiburger Audimax passten, wird der Vortrag nun am 5. Dezember am selben Ort wiederholt. Michael Brendler sprach mit Lütz (57) im Vorfeld der Veranstaltung vom Freiburger Bündnis gegen Depression und Bezirksärztekammer Südbaden.

BZ: Herr Dr. Lütz, sie sind Buchautor, Vortragsreisender, Kabarettist, Berater des Vatikans und nicht zuletzt Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses. Fühlt man sich da nicht manchmal überfordert und ausgebrannt?
Lütz: Nein, überhaupt nicht, denn weil immer die eine Einrichtung denkt, ich bin gerade bei den anderen, kann ich gemütlich zu Hause sitzen und Zeitung lesen. Aber Scherz beiseite, ich finde gerade die Mischung anregend.

BZ: Inzwischen ist allerdings eine weitere Belastung hinzugekommen. Sie haben bei sich selbst ein Burnout-Burnout diagnostiziert.

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Lütz: Das kann man wohl sagen. Ich werde in letzter Zeit so häufig zum Thema Burnout befragt, dass ich allein davon ein Burnout habe. Es ist ja geradezu eine Realsatire, was sich da momentan abspielt. Ich habe letztens einem Journalisten im Interview gesagt: "Burnout, das gibt es doch gar nicht." Der hat dann erst einmal verunsichert nachgefragt, ob er auch tatsächlich bei Dr. Lütz, dem Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses sei. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen, wird die Diagnose Burnout aber tatsächlich überhaupt nicht aufgeführt. Burnout gilt dort nur als eine sogenannte Z-Kategorie. Aber Z-Kategorien sind keine wirklichen Krankheiten, sondern eher allgemeine Lebensprobleme wie Falschparken.

BZ: Sie möchten uns also weismachen, dass all diese klassischen Burnout-Faktoren, die zunehmende Arbeitsbelastung, die moderne Informationsflut, unsere ständige Erreichbarkeit, dass all das gar nicht krankmacht?
Lütz: Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr durch die Schweden erreichbar und das war unangenehmer. Und im 19. Jahrhundert gab es Massenarmut, im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege – das war erheblich anstrengender als all das, was wir heute so erleben. Weil die Umschreibung des Burnout-Syndroms so diffus ist, wird mit diesem wolkigen Begriff ein Spektrum abgehandelt, das von Menschen mit tatsächlich ernstzunehmenden Erkrankungen bis hin zu Leuten reicht, die einfach eine Diagnose brauchen, um krankgeschrieben zu werden. Allerdings bin ich auch ambivalent: Wenn das Wort Burnout dazu führt, dass Leute, die sich nicht trauen zu sagen, "ich habe eine Depression", nun sagen: "Ich habe ein Burnout", weil es positiver klingt, und wenn genau diese Leute sich deshalb in Behandlung begeben – dann ist das natürlich sehr zu begrüßen.

BZ: Und wo ist die Grenze zwischen ernsthaft krank und gerade mal befindlichkeitsgestört?
Lütz: Die lässt sich im Einzelfall nur beim jeweiligen Patienten ziehen. Aber wenn man mal schlecht schläft, wenn man ausgelaugt ist, wenn man sich überfordert fühlt – dann sind das keine Krankheiten. Dann sind das manchmal sehr gesunde Zeichen dafür, dass man in seinem Leben etwas ändern muss.

BZ: Allerdings sind Ihre Zeichen ein Massenphänomen, das für viele Menschen ein sehr hohes Leidenspotenzial hat.
Lütz: Ganz sicher ist es ein ernstes Problem, dass sich in unserer Casting-Gesellschaft viele Menschen dauernd überfordern, weil sie versuchen mehr zu sein, als sie in Wirklichkeit sind. Wenn ein Versicherungsvertreter hervorragende Kundenkontakte schließen kann und zur Belohnung zum Abteilungsleiter befördert wird, dann muss er Leitungsfähigkeiten haben. Die hat er möglicherweise aber gar nicht, da bringen ihm auch die ganzen Seminare wenig, auf die man ihn schickt. Der Mann hat dann überhaupt keinen Kundenkontakt mehr und wird total unglücklich, anstatt einfach wieder Versicherungsvertreter zu werden, ein bisschen weniger zu verdienen, aber glücklich zu sein. Das heißt, wir beschreiben mit dem Wort Burnout tatsächlich Phänomene, die sehr belastend sind. Aber worauf es mir ankommt: Es handelt sich dabei um keine Krankheiten. Und man kann auch nicht durch Psychotherapie jemanden, der sich überfordert, dazu bekommen, dass er sich weiter überfordert, es jetzt aber nicht mehr so schlimm findet. Es ist wichtig, klar zu unterscheiden, was ist krank und was ist nicht krank; und in dieser Hinsicht halte ich das Wort Burnout heute für ein Problem.

BZ: Im Augenblick treten aber ziemlich viele Menschen in Erscheinung, die behaupten Ahnung zu haben und ganz anderer Meinung sind.
Lütz: Diese ganzen selbsternannten Experten, die jetzt, da das Thema in aller Munde ist, überall auftauchen, sind eine einzige Plage. Das ist dann teilweise kabarettreif: Brauche ich wirklich einen hoch bezahlten Fachmann, um jemandem, der 16 Stunden pro Tag arbeitet, mit wichtiger Miene zu raten, dass er weniger pro Tag arbeiten soll – denselben Tipp hätte meine Großmutter vor 50 Jahren auch gegeben, und sie hätte sogar recht gehabt. Heute dagegen wird die gleiche Selbstverständlichkeit als Ratschlag eines Fachmanns hochgejubelt.

BZ: Allerdings hat der Fachmann für viele Menschen mehr Autorität.
Lütz: Das Problem ist doch gerade, dass wir heute an Psychofachleute Fragen delegieren, für die sie gar nicht kompetent sind. Psychofachleute können einen Waschzwang gut behandeln, sie können eine Depression therapieren, eine Schizophrenie – aber Lebenserfahrung haben sie doch nicht mehr als ein altes Mütterchen aus dem Schwarzwald. Wie man mit einer Scheidung klarkommt, mit Intrigen, beruflichem Scheitern – da kann doch ein Mensch, der sein Leben schon gelebt hat, in der Regel gelassener und kompetenter Rat geben als ein junger Therapeut, der gerade mal ein paar Ausbildungen gemacht hat und vor lauter Ausbildungen und Patientengesprächen das reale Leben noch gar nicht richtig kennengelernt hat.

"Eine existenzielle Lebenskrise kann viel anstrengender sein als eine psychische Krankheit."


BZ: Und was würde ein über 50-jähriger lebenskluger Chefarzt und Kabarettist jemandem raten, der sich so ausgebrannt fühlt, dass er nicht mehr weiter weiß?
Lütz: Er würde ihn erstmal darauf hinweisen, dass er bei besagtem alten Mütterchen wahrscheinlich klügere Tipps bekommt. Sollte das nicht reichen, lautet mein Rat: Wenn jemand sich ständig überfordert, wenn er zu viel tut, wenn er keine Pausen einlegt, wenn er Tätigkeiten ausübt, zu denen er gar nicht geeignet ist, dann gilt der alte Volksspruch: "Schuster, bleib bei deinen Leisten." Dieser Mensch sollte mal gucken, was in seinem Leben mal wirklich gut funktioniert hat: Er sollte überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen, statt sich ständig mit etwas abzumühen, was ihm nur die Laune verdirbt. Und bei all diesen Dingen sollte er auch die Hilfe und den Rat von Freunden und Familienangehörigen suchen. Erst wenn der Eindruck entsteht, da rennt jemand immer wieder in dieselbe Sackgasse und kommt aus diesem Verhalten einfach nicht raus, dann macht es Sinn, mal einen Psychofachmann zu fragen, ob da etwas Therapierbares vorliegt. Und ein guter Psychofachmann ist jemand, der auch in Erwägung zieht zu sagen: Sie sind gesund, aber sie leiden schwer. Sie haben ein schweres Leben. Und eine existenzielle Lebenskrise kann viel anstrengender sein als eine psychische Krankheit. Wenn man nicht mehr weiß, ob man den richtigen Job hat, wenn man nicht mehr weiß, ob man die richtigen Freunde hat, wenn man nicht mehr weiß, ob die wichtigen Lebensentscheidungen, die man gefällt hat, tatsächlich richtig waren, dann kann einen das tief erschüttern. Aber dann braucht man keine Tabletten, sondern muss etwas an seinem Leben ändern.

BZ: Sie treten ja selber auch in der Öffentlichkeit auf, allerdings nicht nur als so genannter Experte, sondern auch als Kabarettist – zum Beispiel am 5. Dezember in Freiburg. Was dürfen wir uns von diesem Abend erwarten?
Lütz: Es geht darum, in zwei Stunden allgemeinverständlich die gesamte Psychiatrie und Psychotherapie darzustellen: Alle Diagnosen, alle Therapien und das noch ein bisschen lustig – anschließend hat man die Facharztreife. Ein nützliches Angebot, für vergleichsweise wenig Geld – also auch für Schwaben.

BZ: Man hört bereits, nicht alles an Ihrem Vortrag ist bierernst gemeint. Ist das wirklich angebracht bei dem Thema?
Lütz: Wenn man immer nur todernst und tief betroffen über psychische Kranke redet, bedeutet das letztlich eine Ausgrenzung von psychisch Kranken aus der Normalgesellschaft. Wer so redet, erreicht nur die üblichen Verdächtigen. Der Punkt ist doch: Ein Drittel der Deutschen wird im Laufe des Lebens psychisch krank, und die anderen zwei Drittel haben in der Regel einen Angehörigen, der psychisch krank ist – trotzdem sind die Kenntnisse nach wie vor mittelalterlich. Und weil man keine Ahnung von psychischen Krankheiten hat, findet man sie unheimlich und traut sich nicht darüber zu reden. Ich habe denselben Vortrag schon in verschiedenen Kabaretttheatern gehalten – nicht weil ich nicht genug Patienten hätte, sondern als eine Art Lackmustest für meine Theorie: Man kann alles, was wichtig ist im Leben, in normalem Deutsch sagen, man braucht keine Fremdworte. Und man kann es auch unterhaltsam tun. Dann haben die Leute einen ganzen Abend Spaß und zusätzlich noch etwas gelernt.

»Vortrag: Manfred Lütz: Irre! Wir behandeln die Falschen, Montag, 5. Dezember, um 19.30 Uhr im Audimax der Universität Freiburg, Kollegiengebäude II am Platz der Alten Synagoge, Karten für 5 Euro gibt es im Vorverkauf in allen BZ-Geschäftsstellen und, wenn nicht ausverkauft, an der Abendkasse. Der Erlös wird dem Freiburger Bündnis gegen Depression e. V. als Spende zukommen.
»Buchhinweis: Manfred Lütz: "Irre - Wir behandeln die Falschen – eine heitere Seelenkunde" , München 2009, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, 17,95 Euro

Autor: mich