Freiburg

Forscher entwickeln neue Behandlung gegen Depression

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Di, 28. März 2017 um 20:36 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Elektroden im Gehirn können Menschen mit schwersten Depressionen dauerhaft helfen. Zu diesem Ergebnis kommen Freiburger Forscher in einer Langzeitstudie. Kann sich die Methode etablieren?

Der Strom wird eingeschaltet und den Patienten geht es besser. Sie sind deutlich weniger ängstlich und niedergeschlagen, haben plötzlich wieder Lust, etwas zu unternehmen, ein Buch zu lesen oder zu verreisen. "Wir haben noch nie derart schnell derart gute Effekte bei schwerst depressiven Menschen gesehen", sagt Volker A. Coenen, Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Derart schnell heißt: Die Depressionssymptome der Patienten besserten sich binnen weniger Tage, mitunter sogar Stunden.

Strom ist so schwach, dass er nicht wahrgenommen wird

Geschafft hat das das Team um Coenen und seinen Kollegen Thomas E. Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik, mit der sogenannten Tiefen Hirnstimulation. Sie pflanzten acht schwerst depressiven Probanden Elektroden ins Gehirn und stimulierten die Nervenzellverbände mit einem 3 bis 5 Volt schwachen elektrischen Strom, der für die Patienten nicht wahrnehmbar ist. Die Probanden galten als therapieresistent, weder medikamentöse noch psychotherapeutische Behandlungen hatten ihr Befinden über Jahre hinweg verbessert. Sieben der Patienten reagierten positiv auf diesen Reiz, bei der achten Probandin trat keinerlei Veränderung der Symptome ein. Die antidepressive Wirkung des Verfahrens hält bei den positiv reagierenden Probanden jetzt seit vier Jahren an. Daher können die Wissenschaftler ausschließen, dass es sich um einen kurzzeitigen Effekt handelt. Vier der Probanden gelten inzwischen nicht mehr als depressiv. Die Ergebnisse der Studie wurden Anfang März im Fachmagazin "Brain Stimulation" veröffentlicht.

Es ist eine etablierte Technik, mit der Coenen und Schläpfer arbeiten. Die Tiefe Hirnstimulation (THS) wird seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Parkinsonpatienten angewandt, weltweit leben zurzeit rund 85.000 Menschen mit einem solchen Hirnschrittmacher im Kopf. Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler, mit der THS auch Menschen zu helfen, die an schwersten Formen der Depression leiden. Sie stimulierten das Gehirn an verschiedenen Stellen wie zum Beispiel dem Nucleus Accumbens, der eine bedeutende Rolle im Belohnungssystem des Hirns spielt, und waren damit mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Nebenwirkungen sind offenbar gering

Coenen und Schläpfer haben erkannt, dass all diese relevanten Punkte miteinander verbunden sind und eine völlig neue Struktur beschrieben: das mediale Vorderhirnbündel. Dieser Nervenstrang ist wichtiger Bestandteil eines Euphorie-Schaltkreises, gehört also zum Belohnungssystem. "Bisher hat man immer versucht, das Netzwerk an verschiedenen Schaltstationen zu beeinflussen. Wir sind jetzt aber in die Zentrale gegangen und agieren von dort aus", erklärt Coenen. Die Forscher implantieren eine acht Millimeter lange Quadripolarelektrode an einer besonders schmalen Stelle des Bündels, an der die Nervenfasern eng beieinander liegen. "Hier erreichen wir mit wenig Strom ein Maximum an Wirkung", so Coenen. Die Nebenwirkungen der THS sind offenbar gering. Keiner der Patienten zeigte eine Persönlichkeitsveränderung oder Denkstörungen. Kurzzeitige Doppelbilder oder verschwommenes Sehen konnten die Forscher beseitigen, indem sie die Stimulationsstärke etwas verringerten.

Derzeit läuft die Auswertung einer Studie, an der 16 weitere Patienten teilnehmen. "Ich will da noch nichts vorweg nehmen, aber bisher sehen die Ergebnisse genauso gut aus wie bisher", sagt Coenen. Eine dritte, auf fünf Jahre angelegte Studie mit 50 Probanden hat gerade begonnen. Werden die Erfolge der Freiburger Forscher auch hier bestätigt, sieht Coenen gute Chancen dafür, die THS europaweit als Therapieverfahren registrieren zu lassen.
Veranstaltung am 5. April

Das Potenzial und die Grenzen der Tiefen Hirnstimulation bei Depression diskutieren Volker A. Coenen und Thomas E. Schläpfer gemeinsam mit dem Freiburger Philosophen Oliver Müller unter dem Titel "Chirurgie der Emotionen" am Mittwoch, 5. April, 20 Uhr, im Bernstein Center Freiburg, Werkstatt, Hansastraße 9a. Der Eintritt ist frei.

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