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07. September 2009

Jubel, Trubel, Heiserkeit

Sie mögen weder Krach noch Alkohol und Zigaretten – warum uns die Stimmbänder so gerne im Stich lassen / Von Bianca Fritz

  1. Noch ist kein Frosch im Hals zu sehen, bald ist er zumindest zu hören. Foto: hgddhg

Was unsere Stimme angeht, sind wir alles andere als gleichberechtigt: Rod Stewards heiseres Geröhre ist ein Markenzeichen. Für Telefonisten, Lehrer und Marktschreier hingegen, stellt Heiserkeit ein echtes Problem dar. Sie sind, wie viele Menschen, beruflich auf ihre Stimme angewiesen. Und wenn gar einem berühmten Opernsänger die Stimme wegbricht, ist das eine kleine Katastrophe. Doch woher kommt das Gekrächze? Und was können wir dagegen tun?

Dr. Reinhard Kürsten betreibt in zweiter Generation eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis ganz in der Nähe der Wiener Staatsoper. Hier sind schon Pavarotti und Carreras ein- und ausgegangen. Es fällt unter das Ärztegeheimnis, wer sich derzeit in Kürstens Praxis behandeln lässt. Aber die Bilder an seiner Wand lassen erahnen, dass auch viele der derzeitigen Startenöre zu Kürsten kommen.

Opernsänger sind vergleichbar mit Leistungssportlern, sagt der HNO-Fachmann. Nur dass sie nicht ihren Bein- und Armmuskeln, sondern ihren Stimmbändern Extrembelastungen abverlangen. Der Vergleich mit dem Sport liegt noch aus einem anderen Grund nahe. Immerhin sind etwa 50 Muskeln an unserer Stimmbildung beteiligt.

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Auch die Stimmbänder selbst sind kleine Muskeln, die sich unter einer Schleimhautschicht im Kehlkopf verstecken. Zwischen ihnen befindet sich die Stimmritze. Indem die umliegenden Muskeln an den Knorpelstücken, zwischen denen die Stimmbänder aufgehängt sind, zerren, spannen oder entlasten sie die Stimmbänder. Die Luft beim Ausatmen versetzt dann den Stimmapparat in Schwingung. Tiefe Töne, erklärt Bernhard Richter, Leiter des Zentrums für Musikermedizin am Freiburger Institut für Musikermedizin, würden mit Beteiligung der ganzen Stimmlippen, also Stimmbänder, -muskeln und Schleimhaut erzeugt. Je höher die Frequenz, so Richter, desto mehr tragen die Schwingungen der Schleimhaut, die das Band überzieht, zur Tonerzeugung bei.

Entscheidend für Ton und Lautstärke sind außerdem der Anblasdruck der Luft aus der Lunge und die Resonanz der Töne im Raum über dem Kehlkopf. Ein komplizierter Prozess, der störanfällig ist.

Heiserkeit ist ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas in diesem komplexen Zusammenspiel nicht recht funktioniert. Ist die Stimme untrainiert und wird trotzdem immer wieder hart rangenommen, kann es deshalb zur sogenannten Funktionsstörung der Stimmbänder kommen, "dass heißt, dass die Feinschwingung, die Synchronisierung der beiden Stimmbänder nicht funktioniert", erklärt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Richter. Das Ergebnis: Der Betroffene bekommt kaum noch einen Ton heraus.

Wie ein Speerwerfer, der mit Kraft anstatt mit Technik arbeitet, ermüdet auch ein Sprecher oder Sänger, der mit zu viel Druck spricht. Logopäden können mit Stimmtraining dabei helfen, Fehler, die zu Heiserkeit führen, zu beseitigen. Das sollte frühzeitig geschehen, da die Stimmbänder unter Dauerbelastung statt Hornhäuten Knötchen bilden können. Diese können wiederum die Feinschwingung behindern. Den Knötchen ist nur im Anfangsstadium noch mit Stimmtherapie beizukommen. Wenn sie schon sehr hartnäckig sind, hilft oft nur noch eine Operation, bei der sie entfernt werden.

Bei einer Erkältung wird die Stimme zudem auch noch rau und kratzig. Das hat aber andere Gründe. "Die Ursache des Problems ist die Verdickung der Stimmbänder", so Richter. Meist ist es ein viraler Infekt, der zu Entzündungen im Kehlkopf führt, welcher wiederum die Schleimhaut anschwellen lässt. Das Ergebnis: Die Stimmbänder und vor allem die Schleimhaut können nicht mehr frei schwingen.

Aber auch Überbelastung und Alkohol können die Stimmbänder anschwellen lassen. Wer nach einer durchfeierten Nacht ohne oder mit krächzender Stimme aufwacht, der hat wahrscheinlich zu laut gesprochen. Tabak wirkt sich zwar ebenfalls auf die Stimme aus, aber die meisten Menschen spüren die Symptome erst nach jahrelangem Konsum. In einer lauten Umgebung passen wir uns an. Wir sprechen lauter und bringen mehr Druck auf unsere Stimmbänder, erklärt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Kürsten.

Der Alkohol schafft es manchmal sogar auch ohne Gegröle und Gesang, den Stimmbändern zuzusetzen. Der Grund für die belegte Stimme nach einer feuchten Nacht: Alkohol öffnet die Gefäße und steigert die Durchblutung – auch in den Stimmbändern. Durch die fließt deshalb nicht nur mehr Flüssigkeit durch, es tritt auch mehr ins Gewebe aus. Die Stimmbänder schwellen an und spannen die Schleimhaut, die nach dem Aufwachen zunächst nur müde in Bewegung kommt.

Zum Glück erholt sich die Stimme meist ganz von ganz alleine, wenn man ihr ein wenig Ruhe gönnt. Selbst die Knötchen auf den Bändern bilden sich häufig von alleine zurück. "Nach drei Tagen sollte eine Heiserkeit allerdings eigentlich weg sein", sagt der HNO-Arzt und Musikermediziner Bernhard Richter.

Wer sogar länger als zwei Wochen am Stück krächzt, sollte auf jeden Fall einen Facharzt besuchen. Die Stimmschwierigkeiten können auch mit organischen Veränderungen zusammen hängen. Meist sind das gutartige Verdickungen, aber auch bösartige Geschwüre führen zu andauernder Heiserkeit. Die gebrochene Stimme kann also auch ein Warnsignal sein.

Autor: Bianca Fritz