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25. April 2016 08:04 Uhr

Gesundheit

Krankenhaus-Architektur muss nicht grau und trist sein

Grauer Linoleum-Boden, Schläuche, kahle Wände: Das muss nicht sein. Im Gegenteil: Gute Krankenhaus-Architektur kann zur Genesung beitragen – und rechnet sich langfristig.

  1. „Intensivstation der Zukunft“ an der Berliner Charité – die meisten Geräte sind versteckt, ein Screen imitiert den Himmel. Foto: Stephanie Pilick

  2. Die neue Freiburger Kinderklinik soll besonders patientenfreundlich werden. Foto: Health Team Vienna/ dpa

Im Virchow-Klinikum der Charité Berlin Iiegt, nur eine Tür entfernt von der Gegenwart, die Zukunft des Krankenhausbaus. Rechts der Tür im Jetzt der mitteleuropäischen Intensivstation: grauer Linoleum-Boden, ein Raum, so groß wie eine Gymnastikhalle. An einer Wand steht ein Krankenbett – vor lauter Geräten neben dem Bett und Schläuchen kann man das Gesicht des Patienten nicht erkennen. Von den kahlen Wänden hallt das Blubbern und Zischen des Beatmungsgeräts wider. Überwachungsgeräte piepsen. Die Decke des Raums ist verkleidet mit weißen Platten, in die Tausende Löcher gestanzt sind – ein Detail, dessen Wichtigkeit nur derjenige ermessen kann, der sich einmal ausgiebig mit Intensivpatienten unterhalten hat.

"Wir wollen unsere Patienten nicht erschrecken." Claudia Spies
Öffnet man dagegen die Tür zur Intensivstation der Zukunft hört man noch kurz den Lärm von draußen, dann schließt sich die Tür und es ist ruhig. Warme Holzoptik empfängt einen – hinter den beiden Betten ist die Wand mit einem Kunststoff vertäfelt, der wie Nussbaum-Holz aussieht (echtes Holz ist aus hygienischen Gründen nicht möglich). Im Bett schläft eine Patientin um die 60, die mit einem septischen Schock aus einer anderen Klinik hier hin verlegt worden ist. Geräte sind auf den ersten Blick nicht zu sehen. Doch auch diese Patientin wird beatmet. Ein Bleistift-dicker Kunststoff-Schlauch führt aus ihrem Hals hinter die Pseudoholzwand am Kopfende des Bettes – erst wenn man dann Kopf dort hin streckt, hört man die Geräusche des Beatmungsgeräts.

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"Wir verstecken die Geräte hier und die Überwachungsmonitore sind in den Kontrollraum ausgelagert", sagt Claudia Spies, Professorin und Leiterin der Klinik für Intensivmedizin an der Charité. "Das dämpft die Geräusche – und spart uns 20 Dezibel an Lärmpegel." Neben ihr steht ein Raumteiler in Weiß, der auch in ein Designhotel passen würde – ein Sichtschutz zum Patienten nebenan.

Lichtpunkte bewegen statt Löcher zählen

Und über allem leuchtet das Blau des Himmels: ein LED-Screen reicht in einem Halbkreis von der Decke über der Patientin bis zur Wand gegenüber, auf die sie blickt, wenn sie wach ist. Der Bildschirm wird mit Wetterdaten gefüttert, er lässt für die Patienten morgens die Sonne aufgehen, er simuliert den Blick durch ein Blätterdach gen Himmel, er lässt Wolken durchziehen. "Nur Regen und Gewitter simulieren wir damit nicht." Claudia Spies lächelt. "Wir wollen unsere Patienten nicht erschrecken." Die Intensivstation der Zukunft ist ihr Projekt, zehn Jahre dauerten die Planungen, seit zwei Jahren ist sie in Betrieb. "Der Screen dient dazu, den Patienten Orientierung zu geben", sagt die Chefärztin. An der Wand hängt eine Uhr mit Zeigern – es ist 14:20 Uhr. "Normale Intensiv-Stationen sind immer hell erleuchtet – die Patienten wissen oft nicht, ob es zwei Uhr in der Nacht oder am Tag ist." Die Menschen verlieren jeglichen Rhythmus, sind desorientiert, finden keinen Halt. Ein weiteres Problem von Intensiv-Patienten – durch Dauerlicht und den hohen Lärmpegel kommt es zu Schlafstörungen. "Die Patienten bekommen oft kaum noch REM- und Tiefschlaf und sind deshalb mental total erschöpft", sagt Spies.

Die Folgen für Intensivpatienten sind beträchtlich: Eine Drittel der Patienten erlebt Delirien – Zustände, in denen Aufmerksamkeitsstörungen und Halluzinationen auftreten. Zwei Drittel dieser Patienten bekommen in der Folge psychische Probleme. "Auf einer Intensivstation helfen wir akut und retten möglicherweise ein Menschenleben", sagt Spies. "Aber wie gut sich ein Patient erholt, ist eine Frage der Selbstheilungskräfte – die sollten wir möglichst wenig stören." Dazu gehörten erholsamer Schlaf und Umstände, die nicht die Desorientierung der Patienten verstärkten.

Patienten, die auf der neuen Station liegen, schlafen besser

Wie Architektur heilen kann, zeichnet sich schon ab – Patienten, die auf der neuen Station liegen, schlafen besser und brauchen im Durchschnitt weniger Schmerz- und Beruhigungsmittel. Claudia Spies ist sicher, dass die neu eingerichtete Station die negativen Langzeitfolgen von Intensivstations-Aufenthalten mildern kann. Die Studien dazu laufen.

Fünf Kilometer entfernt von der Virchow-Klinik, an der Technischen Universität Berlin, versucht man die heilende Wirkung von Architektur für ganze Kliniken zu verwirklichen. Hier gibt es den einzigen Lehrstuhl für das "Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens" in Deutschland. Im Konferenzraum im fünften Stock hängen vom letzten Brainstorming der Mitarbeiter Zettel mit den Schlagworten der "Healing Architecture": Hygiene, Umweltfaktoren, Workflow. Darauf sollen Architekten bei der Planung von Krankenhäusern unter anderem achten – und natürlich auf die Bedürfnisse von Personal und den jeweiligen Patienten. Architektin Stefanie Matthys, die am Fachbereich und im Planungsbüro der Lehrstuhlinhaberin Christine Nickl-Weller arbeitet, nimmt einen Bildband hervor, um das zu verdeutlichen. Sie schlägt eine Seite auf, mit einem Gebäude, das mit seinen bunten Jalousien freundlich neben einem Gründerzeithaus steht – das Kinderkrankenhaus in Innsbruck. "Hier reichen die Fenster bis zum Boden", sagt Stefanie Matthys. "Das Haus wurde für Kinder gebaut, deshalb sollen nicht nur die Erwachsenen, sondern besonders sie raus gucken können."

Patientenfreundlichkeit: Freiburger Kinderklinik soll Maßstäbe setzen

Auch in Freiburg wird eine neue Kinderklinik entstehen, die Maßstäbe in Sachen Patientenfreundlichkeit setzen soll. "In der Kinderklinik haben wir auch immer die Eltern dabei", sagt Charlotte Niemeyer, Ärztliche Direktorin in der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie und von Seiten der Ärzteschaft federführend in dem Projekt. Deshalb werden in der neuen Klinik, Eröffnung voraussichtlich 2021, Büroarbeitsplätze für Eltern eingerichtet. Für den familiären Zusammenhalt sei auch das gemeinsame Essen wichtig, so Niemeyer. "Deshalb wird es die Mahlzeiten, anders als sonst im Krankenhaus üblich, nicht auf einem Tablett im Zimmer, sondern an einem Buffet in einem Speisesaal geben", sagt Niemeyer.

Räume für Entwicklung und Normalität, für Rückzug und Geborgenheit, für Begegnung und Interaktion sind die Schlagworte der neuen Klinik. Noch läuft die Planung. "Wir ringen noch mit den Konzepten", sagt Niemeyer. Eines steht aber schon fest – in der neuen Klinik soll niemand mehr auf dem Gang auf Untersuchungen warten müssen, Durchgangszonen und Wartebereiche werden getrennt – letztere sollen lebendige Spielzonen für Kinder werden.

Eine weitere Klinik, die nach den Kriterien der heilenden Architektur geplant wurde, entsteht in Kopenhagen. Es ist ein Erweiterungsbau für das Rigshospitalet, eines der größten Krankenhäuser Dänemarks. Er wurde auf dem Welt-Architektur-Festival 2012 als bestes Zukunftsprojekt in der Kategorie Gesundheit ausgezeichnet. Benachbarte Blöcke des Gebäudes sind V-förmig gegeneinander angeordnet. So kann man von jedem Zimmer das gegenüberliegende Gebäude sehen – vor allem aber den Park nebenan. Dass die Aussicht einen Einfluss auf die Heilung hat, bewies in einer berühmten Studie schon 1984 Roger Ulrich von der Texas A&M University. Er fand heraus, dass Patienten, die von ihrem Klinik-Fenster Natur sahen, weniger Schmerzmittel brauchten und schneller aus dem Krankenhaus entlassen wurden, als Patienten, die auf eine Wand blickten.

Fehler der Vergangenheit sollen vermieden werden

Krankenhausplaner versuchen, auch andere Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. In den 70er Jahren baute man Kliniken, in denen die Stockwerke nahezu identisch waren. "Diese Monotonie macht den Patienten im Krankenhaus orientierungslos", sagt Matthys. "Das verursacht Stress und verlangsamt die Genesung." Die Pläne für das Rigshospitalet sehen dagegen Galerien vor, die jeweils unterschiedlich gestaltet sind. Wendeltreppen schwingen sich in höhere Stockwerke – die Patienten sollen möglichst in Bewegung bleiben.

Doch ist die schöne neue Krankenhauswelt bezahlbar? Das gemeinnützige Institute for Healthcare Improvement in Cambridge, Massachusetts, hat errechnet, was ein Fabel-Krankenhaus kosten würde, mit Einzelzimmern, einem reduzierten Geräuschpegel und besserer Luft. Sie errechneten einmalige Mehrkosten von 8,36 Prozent des US-Krankenhausetats. Doch ein Drittel der Kosten, so die Autoren, würde pro Jahr eingespart – dank weniger Infektionen, weniger Medikamenten und selteneren Stürzen. Bereits nach drei Jahren hätte sich die Investition rentiert.

"Nach drei Jahren übersteigen die Betriebskosten eines Krankenhauses bereits dessen Baukosten." Christine Nickl-Weller
"Nach drei Jahren übersteigen die Betriebskosten eines Krankenhauses bereits dessen Baukosten", sagt Christine Nickl-Weller, die Inhaberin Krankenhausbau-Lehrstuhls an der TU Berlin. "Wenn man bedenkt, dass gute Architektur zudem Liegezeiten verringert, ist sie auch wirtschaftlich sinnvoll." Claudia Spies von der Charité ist ebenfalls von der Effektivität der heilenden Architektur überzeugt. "Wenn man bei einem Neubau eine Intensivstation so plant wie unsere Modellstation, kostet sie nicht mehr als eine normale Intensivstation", sagt sie. Und die eingesparten Folgekosten seien enorm.

Es ist Abend geworden auf der Intensivstation der Zukunft an der Virchow-Klinik. Die Patientin ist aufgewacht, sie wischt mit dem Finger über ihr Tablet– auf dem Screen an der Decke bewegt sie damit einen Lichtfleck, der wie ein Glühwürmchen aussieht. Auf der normalen Intensivstation nebenan können die Patienten nur an die Decke starren. "Wie viele Patienten haben mir schon gesagt, dass sie über Tage und Wochen Tausende Löcher gezählt haben – da wird man doch verrückt", sagt Spies.

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Autor: Frederik Jötten