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16. November 2009 11:19 Uhr

Medizin

Meditation kann gegen Krankheiten wie Depressionen helfen

Meditationstechniken werden in der westlichen Medizin zunehmend ernstgenommen: Die ursprünglich buddhistischen Techniken können gegen Depressionen, chronische Schmerzen und ADHS helfen.

  1. Stille Suche: Frauen bei der Meditation. Foto: vision images - Fotolia

"Alle Schwierigkeiten des Menschen kommen daher, dass er nicht fähig ist, alleine still in einem Raum zu sitzen", hat der französische Philosoph Blaise Pascal einmal behauptet. Auf Axel Wanninger (Name geändert) könnte das zutreffen. Eigentlich ist er der Inbegriff eines erfolgreichen Unternehmers. Mit 28 Mitarbeitern hat er 1992 in Freiburg mit seiner Software-Firma angefangen. Heute beschäftigt er 140 Leute. Und so einer liegt inzwischen abends auf seinem Bett, mit nichts anderem beschäftigt als wahrzunehmen, wie die Beine allmählich abkühlen und der Atem gleichmäßig im Brustkorb ein- und wieder ausströmt?

"Am Anfang", gesteht der 59-Jährige, "kamen mir diese Achtsamkeitsübungen albern vor. Aber meine Bereitschaft, mich darauf einzulassen, ist gewachsen." Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Was mit banalen Schlafstörungen anfing, entwickelte sich allmählich zum ausgewachsenen Burnout-Syndrom: Ängste, Panik, Depressionen. "Ich zog mich immer mehr zurück und hatte an nichts mehr Freude." Kein Beschwichtigen und Zusammenreißen konnten die Abwärtsspirale stoppen. Im Büro wuchs der Berg der Aufgaben, die er vor sich herschob. Zum Schluss hatte Wanninger sogar Angst, seine E-Mails zu öffnen. Der Aufenthalt in einer psychosomatischen Tagesklinik und die Behandlung mit Antidepressiva hatten keinen durchschlagenden Erfolg.

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"Wer die Latte zu hoch hängt, erlebt sich immer im Defizit"

Psychotherapeut Klaus Kuhn
"Wer die Messlatte zu hoch hängt, erlebt sich immer im Defizit", beschreibt der Freiburger Arzt und Psychotherapeut Klaus Kuhn das Lebensgefühl von Menschen, die an einer Depression erkrankt sind. Verlieren sie ihre Arbeit oder ein naher Mensch trennt sich von ihnen, werde ihre Identität und ihr narzisstisches Lebensgerüst in Frage gestellt.

Axel Wanninger hat sich "ganz brutal als Versager gefühlt". Die Endlosschleife der selbst entwertenden Gedanken war überhaupt nicht mehr zu stoppen. Bis Klaus Kuhn ihm vorschlug, an einem achtwöchigen Achtsamkeitstraining in einer Gruppe teilzunehmen. Statt sich weiter der Herrschaft der inneren Bilder, der automatischen Denk- und Verhaltensmuster zu überlassen, lernte er seine Wahrnehmungen auf das Einfachste und wirklich Erfahrbare zu reduzieren: Wie sich die Bauchdecke hebt und senkt beim Atmen, wie sich sein Fuß anfühlt, wie die Gedanken immer wieder abschweifen. "Das zu bemerken, unterbricht bereits den automatischen Ablauf und schafft Distanz", erklärt sein Arzt, der gerade eine Fortbildung zum Behandeln von Depressionen durch Achtsamkeit und kognitive Therapie (MBCT = mindfulness based cognitive Therapy) absolviert hat.

Die buddhistische Praxis des meditativen Gewahrseins wird in der westlichen Medizin zunehmend ernstgenommen. Vor 30 Jahren von dem amerikanischen Professor Jon Kabat-Zinn als Methode zur Stressbewältigung in die klinische Praxis eingeführt, hat sie mittlerweile Eingang gefunden in die Behandlung von Depressionen oder Essstörungen, HIV oder Krebs. Als esoterische Spinnerei oder bloßes Wellnessangebot wird sie längst nicht mehr abgetan, wie kürzlich ein Kongress zur "Achtsamkeit in Medizin und Psychotherapie" in Freiburg deutlich machte. Selbst viele Krankenkassen bezuschussen Achtsamkeitskurse zur Stressbewältigung. Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu explodiert.

Als wirksam erweist sie sich offenbar bei der Behandlung von Depressionen. Nicht in der akuten Phase der Krankheit, wohl aber, um Rückfällen vorzubeugen oder sie zu mildern. Die Hälfte aller Patienten erleidet nach einer Ersterkrankung eine weitere depressive Phase. Mit jeder Episode wächst die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Rückfalls. Mehrere Studien mit mehrmals erkrankten Patienten haben untersucht, inwieweit die Therapie dies verhindern kann, berichtete Mark Williams, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Oxford, auf dem Kongress. Das Ergebnis: Jene mit einer herkömmlichen Therapie wurden in 78 Prozent der Fälle rückfällig, die Gruppe mit einem Achtsamkeitstraining nur in 36 Prozent.

Die besten Effekte wurden erzielt bei den am schwersten erkrankten Patienten, denen nichts anderes mehr half. Dennoch mahnen Williams und viele seiner Kollegen zur Bescheidenheit. Sie hüten sich davor, die Methode als Wundermittel auszuspielen gegen andere aktive Therapien. In der Abteilung Psychiatrie der Uniklinik Freiburg wird das Achtsamkeitstraining auch erfolgreich bei Boderline-Störungen und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom des Erwachsenen eingesetzt. Beiden Patientengruppen kann ein Training helfen, die Aufmerksamkeit besser zu fokussieren. Boderline-Kranke nehmen nach der Therapie, so Alexandra Philipsen, Oberärztin in der Abteilung, oft trotz ihrer Störung der emotionalen Steuerung eine weniger bewertende Haltung ein.

In der Tagesklinik des Schmerzzentrums an der Freiburger Uniklinik ist das Achtsamkeitstraining nur ein Baustein unter vielen. Die positive Wirkung dieser besonderen Form der kognitiven Therapie bei der Behandlung von chronischen Schmerzen wurde bislang in zwölf Studien nachgewiesen. Schmerzpatienten haben oft ihr ganzes Denken und Handeln auf ihre Schmerzen ausgerichtet: suchen sie zu vermeiden, forschen nach Ursachen, überfordern sich, wenn es ihnen ein wenig besser geht und werten ab, was möglich wäre, weil sie sich an dem messen, was sie früher einmal konnten. "Sie vergessen dabei, ihr Leben zu leben und sehen nicht mehr, was im Augenblick ist", sagt die Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Marianne Lüking.

Einfache Übungen können helfen, die Scheuklappen abzulegen und den Blick auf dieses Leben wieder zu weiten: Gedanken und Gefühle wie auf einem Fließband vorbeiziehen lassen; sich mit allen Sinnen vorzustellen, wie man in einem Chor singt oder auf einem Pferd durch eine schöne Landschaft reitet – alles, was man aus Angst vor den Schmerzen in Wirklichkeit nie tun würde. "Ich bin beweglicher geworden, in jeder Hinsicht", zog eine Schmerzpatientin am Ende ihrer Klinikzeit Bilanz. Bei ihr war es offenbar gelungen, "die Rolle des Verstandes zu unterminieren". Statt alle Energie auf die Bekämpfung ihrer Schmerzen zu verwenden, macht sie nun ihre Erfahrungen mit ihnen und behält dabei die Richtschnur ihres Lebens in der Hand.

Auch Axel Wanninger hat das Training zu einer ungewohnten Erkenntnis verholfen: "Ich kann mein Leben jetzt viel freier gestalten." Zwar ist er als berufsunfähig eingestuft – wofür er sich nicht länger verurteilt – , arbeitet aber noch stundenweise in seiner Firma, deren Leitung er abgegeben hat. Er gönnt sich inzwischen lange Urlaube und tritt kürzer, wenn der Magen warnend sticht. "Ich habe gelernt, auf mich zu achten." Gelernt, dass der Geist wählen kann, statt hilflos den inneren Konzepten ausgeliefert zu sein. Insofern kann er seiner Krankheit sogar positive Seiten abgewinnen.


Autor: Anita Rüffer