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23. März 2009 09:23 Uhr

Für Herz und Hormone

Heilkraft der Musik

Beatles, Beethoven oder Britney – wofür Sie sich bei der Musikauswahl entscheiden, ist egal. Hauptsache, Sie tun es. Denn Musik macht gesund. Immer mehr Ärzte schwören auf die Heilkraft der Musik.

  1. Die Violinistin Tamsin Waley-Cohen: Ihre Klänge können auch die Gesundheit fördern. Foto: dpa

  2. Haben das Musikmachen gleich selbst übernommen: Die singenden HNO- Ärzte Wolf und Hermann Foto: usage worldwide, Verwendung weltweit

Das ist aber auch wirklich nur vereinfacht gesprochen, denn Chorsänger, die wegen Erkältung dem Konzert fernbleiben müssen, gibt es landauf, landab zuhauf. Das muss so deutlich gesagt werden, denn der Musik werden gern Wunderwirkungen zugesprochen, die ihre Fähigkeiten bei Weitem übersteigen.

Es gab einen Tag vor fast 20 Jahren, da waren im kalifornischen Irvine sämtliche Tonträger mit Mozart-Werken ausverkauft. Kein Requiem, keine Sonate, kein Klavierkonzert mehr. Am Tag zuvor hatten die Psychologin Frances Rauscher und der Physiker und Neurobiologe Gordon Shaw die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die Versuchspersonen eine verbesserte Denkleistung attestierten, nachdem sie zehn Minuten lang Mozarts D-Dur-Sonate für zwei Klaviere gehört hatten. Mozart-Musik könne das Gehirn aufwärmen, schwärmte Shaw damals, und schon wenig später hatten geschäftstüchtige Händler "Musik, die ihre Intelligenz stärkt" auf CDs und Kassetten geklebt. Der Mozart-Effekt war geboren. Und ist inzwischen wieder begraben.

Zwar gibt es noch immer den einen oder anderen Forscher, der behauptet, Mozart mache schlau, Bach helfe beim Lernen oder Vivaldi gegen Depressionen. Doch die meisten Wissenschaftler, die sich eingehender mit dem Thema beschäftigt haben, warnen inzwischen vor dieser Vereinfachung. Denn in vielen Studien ist nachgewiesen worden, dass es in erster Linie nicht um den Musikstil geht, sondern darum, wie wir den finden. Wilfried Gruhn, emeritierter Musikpädagoge und Leiter des Freiburger Gordon-Instituts: "Derjenige, der eine bestimmte Musik hört, muss eine Affinität zu ihr haben, dann wirkt sie positiv." Und zwar auf die Gesundheit, nicht die Intelligenz.

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Schon in den 60er und 70er Jahren, so Gruhn, hätte man festgestellt, dass Schlaganfallpatienten ihre Bewegungsabläufe verbessern konnten, wenn sie alte Schlager aus ihrer Jugendzeit hörten – Stücke also, die stark emotional besetzt waren. "Hier heilt nicht der Schlager selber, sondern die emotionale Verbindung", sagt Gruhn. Die Musik regt das für Gefühle zuständige limbische System im Gehirn an und löst Emotionen aus. Bilder tauchen plötzlich im Kopf auf, Erinnerungen an Erlebnisse, Gerüche, Gefühle. Sind die positiv, nutzt es dem Patienten.

Erst im vergangenen November stellten Forscher an der Universität Maryland fest, dass sich die Blutgefäße im Körper der Probanden um etwa 26 Prozent weiteten, wenn sie die Musik als positiv empfanden – völlig unabhängig davon, ob Klassik, Jazz oder Pop auf die Ohren kam. Mochten die Personen die vorgespielten Klänge hingegen nicht, verengten sich die Blutgefäße um etwa sechs Prozent. Es ist also nicht so, dass vor allem Klassik hilft. Sondern der posthume medizinische Erfolg von Mozart, Beethoven und Bach ist wohl eher der Tatsache zuzuschreiben, dass eben besonders viele Menschen Klassik mögen.

Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Musik tatsächlich auf den Körper des Menschen wirkt. Sie beeinflusst den Herzschlag, den Blutdruck, die Muskelspannung und auch die Atemfrequenz. Und noch viel mehr: Denn das, was uns in die Ohren rieselt oder dröhnt, kommt auch bei Nebenniere und Hypophyse an. Die geben – abhängig von der Musikart – verschiedene Hormone ab. Bei schneller und aggressiver Musik Adrenalin, bei sanften Klängen dessen hormonelle Gegenspieler. Ruhige Musik sorgt so beispielsweise dafür, dass der Puls sich verlangsamt. Außerdem kann sie die Konzentration von schmerzlindernden Beta-Endorphinen erhöhen.

Weil Musik Schmerzen dämpfen kann, wird sie in der Medizin vor allem in der Psychiatrie und der Schmerztherapie eingesetzt. Im Sportkrankenhaus Hellersen in Lüdenscheid dürfen Patienten vor, während und nach der Operation eine Musik ihrer Wahl hören. Die einen entscheiden sich für den Radetzky-Marsch, die anderen für Swing. Wirken kann nur, was gefällt. Und das tut es: Bis zu 50 Prozent weniger Beruhigungsmittel, behauptet der Anästhesist Ralph Spintge, brauche man vor den Eingriffen. Auch nach den Operationen treten angeblich weniger Komplikationen auf. Ebenfalls erfolgreich wird Musik bei Epilepsie-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten eingesetzt, außerdem gibt es Hinweise, dass klangliche Wohltaten auch chronische Schmerzen oder die Ängste während einer Chemotherapie lindern können.

Während viele Verknüpfungen zwischen Musik und Gesundheit erst noch genau erforscht werden müssen, sind sich die Experten in einer Hinsicht schon einig: Selber zu musizieren, ist um ein Vielfaches wirkungsvoller, als Töne nur passiv zu genießen. Und musizieren bedeutet nicht nur, ein Instrument zu spielen, sondern vor allem auch zu singen. Sobald ein Mensch singt, gerät der Körper in Wallung. Der Atem geht automatisch tiefer, dadurch füllen sich die Lungen mit Sauerstoff. Der Anteil der Stresshormone Testosteron und Cortisol im Blut sinkt, dafür steigt der Spiegel des Abwehrstoffs Immunglobulin A, was wiederum Krankheitserregern die Arbeit erschwert.

Und wir werden auch im Moment des Singens spürbar belohnt: Der Hypothalamus, eine wichtige Schaltzentrale im Gehirn, schüttet Oxytocin aus. Dieses Hormon wird auch beim Sex freigesetzt und erzeugt Glücksgefühle. "Musik ist eine eigenständige Ausdrucksform der Menschen. Wer musiziert, erlebt durch die Musik bestimmte Transfereffekte", sagt Claudia Spahn, Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin. "Der größte davon ist der soziale." Ihr Institut erwartet diese Woche die Experten für die Wirkung von Musik auf Körper, Geist und Seele zum Internationalen Kongress für Musikphysiologie und Musikermedizin in Freiburg.

Wer im Chor singt oder im Orchester spielt, lernt, sich einzufügen, auf den anderen zu hören und Teil des Ganzen zu sein. Alles Eigenschaften, die auch im nichtmusikalischen Leben hilfreich sind und – um die Ecke gedacht – die Gesundheit fördern. "Außerdem ist nachgewiesen, dass Musizieren indirekt auch die Lebenserwartung erhöht", sagt Spahn.

Autor: fs