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01. Dezember 2015 06:58 Uhr

Buchpräsentation

Freiburger Medizinerin über die Gesundheit von Musikern

Musik muss nicht nur gesundheitsfördernd sein – gerade für diejenigen, die sie ausüben. Sie sind auch die Zielgruppe des neuen Kompendiums "Musikergesundheit in der Praxis".

  1. Harmonie von Körper, Geist und Instrument: Das Buch gibt Ratschläge. Foto: dpa

Man muss ja nicht gleich mit Robert Schumann kommen. Dem Komponisten, der sich seine Pianistenkarriere durch eine selbst gebaute Vorrichtung, die die Unabhängigkeit der Finger stärken sollte, zerstörte. Das Resultat war eine irreparable Fingerlähmung.

Das Buch "Musikergesundheit in der Praxis" hat die Freiburger Musikermedizinerin Claudia Spahn unter Mitarbeit ihrer Kollegen Bernhard Richter und Alexandra Türk-Espitalier verfasst hat. Kein Buch für Fachleute, sondern ein Ratgeber für alle, die Musik ausüben und sich mit den Belastungen, die Instrument und Beruf mit sich bringen, auseinandersetzen müssen. Und das ist der Professorin, die auch Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin ist, sehr wichtig: "Das Buch ist nicht aus der Man-sollte-Perspektive geschrieben, sondern stellt immer die Frage: Was kann ich selbst für mich tun?"

Mit Blick auf die Traditionen der Musikerberufe ist das keineswegs so selbstverständlich. Noch vor wenigen Jahrzehnten herrschte bei Berufsmusikern die Ansicht vor, dass richtiges, intensives Üben eben auch Schmerzen verursachen könne, wenn nicht gar müsse. Und, wie Spahn erläutert, gehörte es vielfach zu den Tabus bei Berufsmusikern, über Veränderungsprozesse im Alter und damit verbundene gesundheitliche Probleme zu reden. Eine häufige Folge: Musiker agierten immer häufiger am Rande ihrer Kapazität. "Man muss all die damit verbundenen Fragen viel systemischer denken", weiß Spahn.

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"Systemisch" ist auch der Ansatz des Buches, wenn es in drei Großkapiteln die Begriffe "Grundlagen", "Prävention" und "Übungen" diskutiert. Der erste Teil erläutert körperlichen Grundlagen, die alle Musiker mehr oder weniger betreffen: Bewegungs- und Atmungsapparat, Nervensystem. Er erörtert die "psychologischen Grundlagen des Musizierens", den "gesellschaftlichen Kontext" und – ganz wichtig – die "Veränderungen in der Lebenszeitperspektive".

Musiker sind für das Thema heute besser sensibilisiert

Beispiel Hörverlust: Was bedeutet für einen Musiker mit zunehmendem Alter die Verschlechterung der Hörschwelle, von der, laut Untersuchung, mehr Männer als Frauen betroffen sind. Auf das Grundlagenkapitel folgt der Bereich der "Prävention". Claudia Spahn kann aufgrund der ersten Dekade Arbeit, die ihr Institut gerade hinter sich hat, konstatieren, dass eine Sensibilisierung für solche Themen bei Musikern erfolgte. Insbesondere bei der Ausbildung an den Hochschulen ist Prävention zum Thema geworden. Weshalb Spahn als Zielgruppe genauso auch Pädagogen, Dirigenten oder auch Musikmanager betrachtet. "Ein gesunder Musiker ist einer, der seine Krisen gut bewältigt hat", lautet ihre Erkenntnis – daran mitzuwirken sei Aufgabe aller Beteiligten. So berichtet die Medizinerin, die auch ein Musikstudium absolviert hat, dass es in der Dirigentenausbildung noch Nachholbedarf an Information gebe: "Es gibt Dirigenten, die auf dem Standpunkt stehen, Gesundheit sei Privatsache."

Ist sie natürlich mit Blick auf die Übungen, die jeder einzelne Musiker für sich machen sollte, in gewisser Weise. Ganz klar, dass die sich, je nach Instrument und Tätigkeit, voneinander unterscheiden. Bei Dirigenten etwa geht es vor allem um Ausgleichsübungen für die enorme Belastung von Rücken und Schulter. Für alle Instrumentengruppen weist das Buch ganz spezielle, oft mit Bildern verdeutlichte, Übungen aus, die jeweiligen Gefährdungen kompensieren sollen. Und dann gibt es noch ein umfangreiches Kapitel mit allgemeinen Übungen – von der körperlichen Fitness bis zur mentalen Stressbewältigung. Hätte Robert Schumann es bloß lesen können...

Claudia Spahn: Musikergesundheit in der Praxis. Grundlagen, Prävention, Übungen. Henschel Verlag, Leipzig 2015. 288 Seiten, 196 Abbildungen, 29,95 Euro.
Buchpräsentation mit Podiumsdiskussion am Donnerstag, 3.12., 18 Uhr, Kammermusiksaal, Musikhochschule Freiburg.

Autor: Alexander Dick