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28. Dezember 2011

Nichts zu reißen

Das Jungfernhäutchen? Existierte nie. Trotzdem bleibt das Hymen für viele Frauen ein heikler Mythos.

Rein und tugendhaft gebar die Jungfrau Maria ihren Sohn in Bethlehem. Mit ihrem Mann Josef soll sie nie geschlafen haben. Für viele Christen steht völlig außer Frage: Nur eine Unberührte kann Mutter Jesu sein. Spätestens seit dessen Geburt kommt der Jungfrau im Christentum ein besonderer Status zu. Weil dasselbe aber auch für viele andere Religionen gilt, liegt allerdings eine andere Deutung näher: Schon für die Zeitgenossen Jesu kam etwas anderes als eine unbefleckte Empfängnis und Jungfrauengeburt für einen Gottessohn überhaupt nicht in Frage.

Selbst heute gilt oft noch: Unberührt soll die Frau in die Ehe gehen. Zum Beweis zeigen manche Paare nach der Hochzeitsnacht noch immer ein mit Blut beflecktes Laken vor, ein Dokument der Unschuld: Denn die Frau trägt nach verbreiteter Vorstellung ein biologisches Siegel, das mit dem ersten Geschlechtsverkehr unter Blut und Schmerzen gebrochen wird, als Strafe und Stigma zugleich. Das Jungfernhäutchen, Hymen genannt, gilt als Wächter der Jungfräulichkeit.

Doch Anatomen wissen seit Jahrhunderten, dass ein solches Siegel gar nicht existieren kann: Ein Häutchen, das die Vagina komplett abschirmt, hielte schließlich das Menstruationsblut zurück. Stattdessen ist das sogenannte Hymen, wie es der Fachmann nennt, selten mehr als ein schmaler Gewebesaum, der beim ersten Sex auch fast nie reißt und oft noch nach einer Geburt aussieht wie vor dem ersten Geschlechtsverkehr.

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Seine Beschaffenheit lässt "in den meisten Fällen keine Schlüsse auf die Jungfräulichkeit zu", stellt Gerichtsmedizinerin Anette Solveig Debertin von der Medizinischen Hochschule Hannover klar. Offenkundig hat die Evolution keinen anatomischen Jungfernschaftsanzeiger hervorgebracht. Der Sinn der Gewebefalte liegt vielmehr vermutlich darin, den Samen im Körper zu halten und so die Befruchtung zu unterstützen. Insofern wäre es geradezu widersinnig, wenn der Saum nur einmal hielte.

Nur 23 Prozent der Frauen bluten beim ersten Mal und meist auch nur schwach, berichtet die schwedische Frauenärztin Anita Jones Hagstad und stützt sich auf eine Umfrage in ihrer eigenen Praxis. Geburtshelferin Monica Christianson von der schwedischen Universität Umea ergänzt, dass auch Männer manchmal beim ersten Sex bluten: "Das Blut, das der Frau zugeschrieben wird, kann durchaus vom Partner stammen."

Dennoch wird auch in aufgeklärten, sexualliberalen Gesellschaften der Mythos von der Jungfernhaut eifrig fortgeschrieben. Im Sexualkundeunterricht, in der Wikipedia und in der Jugendzeitschrift Bravo – überall reißen die Häutchen reihenweise.

Als Monica Christianson und Gesundheitswissenschaftlerin Carola Eriksson von der schwedischen Universität Uppsala 198 Jugendliche zum Jungfernhäutchen befragten, fühlten sie sich in Großmutters Zeiten zurückversetzt. 87 Prozent der Mädchen und 57 Prozent der Jungen hielten es für ein empfindliches Gewebe, das während des ersten Geschlechtsverkehrs reißt. Die Mehrheit betrachtete das Hymen als Symbol und Beweis der Virginität, schreiben die Autorinnen im Fachmagazin Journal of Midwifery & Women’s Health.

An detaillierten Kenntnissen über die läppische Gewebefalte hapert es allerdings auch unter Ärzten. Mit weitreichenden Folgen. Anette Solveig Debertin untersucht täglich Hymen junger Mädchen, um Sexualdelikte aufzuklären. "Ich führe einen großen Kampf gegen permanente Fehldiagnosen", klagt sie.

"Das Jungfernhäutchen ist kein Joghurtdeckel."
Terre des Femmes,

Frauenrechtsorganisation
Seit 1999 widersprach die Expertin in mehr als 50 Prozent der Fälle dem Erstgutachter, meist Kinder- oder Frauenärzte, die nicht auf Hymenuntersuchungen spezialisiert sind. "Die meisten wissen nicht, wie variabel ein Hymen aussehen kann." In vielen Fällen werden Abweichungen im Erscheinungsbild des Saums, etwa dass dieser nicht ringsum vorhanden ist, sondern gen Bauchdecke fehlt, als Missbrauchsindiz fehlinterpretiert. Andere übersehen, dass Risse im Hymen verheilen können. "Die Bedeutung der Jungfernhaut zur Aufklärung von Sexualstraftaten wird massiv überschätzt. Meist lässt die Beschaffenheit gar keine Aussage zu, ob es zu einer Vergewaltigung gekommen ist", sagt Debertin. Doch Gutachten über das Jungfernhäutchen dienen vor Gericht als Beweismittel. Niemand weiß, wie oft und ob es zu Fehlurteilen wegen falscher Befunde gekommen ist.

Der ein oder andere Mediziner verdient sogar am Mythos Jungfrau und der damit verbundenen falschen Vorstellung vom Jungfernhäutchen. Sie bieten sogenannte Revirginationen an: In einer OP von rund 20 Minuten stellen sie das Jungfernhäutchen künstlich her. Mit einigen Stichen wird das Vaginalwandgewebe zu einem Wulst zusammengezurrt, damit es beim nächsten Sex blutet. Oder es wird eine Kunststoffmembran mit Kunstblut eingesetzt. Zwischen 500 und 4000 Euro verlangen Kliniken für plastische Chirurgie in europäischen Ländern für diese Hymenrekonstruktion.

Nach einer Umfrage der Gynäkologin Denisa Dumont dos Santos von der Universität Basel lassen sich jedes Jahr 60 Frauen, meist türkischer oder kosovarischer Herkunft, in der Schweiz zur Jungfrau operieren. Zahlen zur Situation in Deutschland gibt es nicht. Die Frauen stehen unter großem Druck.

Das deckte Bioethikerin Verina Wild vom Ethik-Zentrum der Universität Zürich auf, als sie 22 Onlineanfragen zur Hymenoplastik an das Universitäts- und Kinderspital in Zürich auf ihre Motive hin abklopfte. Die Interessentinnen begründeten ihren OP-Wunsch meist mit kulturellen oder religiösen Normen oder mit dem Druck der Eltern. In streng patriarchalischen Gesellschaften, in vielen muslimischen, aber auch einigen streng katholischen Kulturkreisen ist die Unberührtheit der Frau vor der Ehe eine Norm. Verstöße werden zum Teil schwer bestraft.

Vor diesem Hintergrund sind Jungfern-OPs ethisch höchst strittig. Das politische Magazin von Frauen Emma lehnt die Praxis ab, weil sie eine mangelnde sexuelle und emanzipatorische Selbstbestimmung der Frauen nur verfestigt. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe warnt, dass Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten fehlen. Die Schweizerin Wild findet die Rekonstruktion zum Schutz der einzelnen Frau im Notfall gerechtfertigt. Vor allem aber sei es "dringend notwendig, die Gesellschaft über die schwankende Form des Hymens und die variable Blutung beim Geschlechtsverkehr aufzuklären".

Der Ruf nach der Entmystifizierung der Jungfernhaut wird lauter, seit sich Hymenrekonstruktionen häufen. Terre des Femmes bewirbt eine neue Broschüre mit dem Slogan: "Das Jungfernhäutchen ist kein Joghurtdeckel". Denn eigentlich dürfte jene Gewebefalte, die noch immer über Leben und Tod, über eine glückliche Ehe oder üblen Leumund entscheiden kann, korrekterweise gar nicht Jungfernhäutchen heißen. Schließlich ist sie weder Haut noch offenbart sie die Jungfrau.

Autor: Susanne Donner