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24. September 2012

Geburtsmedizin

Schlaraffenland im Mutterleib: Wie Babys zu dick werden

Wissenschaftler haben herausgefunden: Isst die Schwangere zu viel, bekommt auch das Kind sein Fett weg – und erbt ein gefährliches Figurproblem.

  1. 6,5 Kilogramm schweres Baby in Kolumbien geboren Foto: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland

Eigentlich erscheint es so naheliegend. Ein Kind plus eine Mutter macht zwei Personen. Da wirkt es durchaus angebracht, beim Essen als Schwangere auch mal kräftiger zuzulangen. Bei Andreas Plagemann klingeln bei solchen Volksweisheiten jedoch sämtliche Alarmglocken: Noch immer sei in der Bevölkerung, schimpft der Leiter der Arbeitsgruppe "Experimentelle Geburtsmedizin" an der Berliner Uniklinik Charité, der leichtfertige Irrglaube verbreitet, Frau müsse in der Schwangerschaft für zwei essen. Dabei seien die Gefahren, die eine Überernährung der Mutter für das Kind und seine spätere Entwicklung mit sich brächten, inzwischen hinlänglich wissenschaftlich erforscht: Gewichtsprobleme bis ins Schul- und Erwachsenenalter hinein, ein erhöhtes Risiko für Diabetes sowie für Herz-Kreislauf-Probleme – essen für zwei, daran lässt sich heute nicht mehr rütteln, ist weder für Mutter noch Kind gesund. "Denn die ersten neun Monate des Lebens", sagt der Mediziner, "entscheiden über das Schicksal unserer Kinder."

Plagemann beschäftigt sich vor allem mit Kindern, die im Mutterleib besonders extremen Bedingungen ausgesetzt sind: dem Nachwuchs von Frauen, bei denen es auf Grund eines Schwangerschaftsdiabetes zu einer solchen Überversorgung des Kindes kommt. Etwa jede dreißigste Frau entwickelt in der Schwangerschaft eine vorübergehende Zuckerkrankheit. Für die Mütter bleibt das in der Regel – sieht man von dem Risiko für einen späteren erneuten Diabetesausbruch ab – ohne Folgen. Nicht so für das Kind. Weil die Frauen nicht mehr selbst in der Lage sind, den Zuckerspiegel in ihrem Blut ausreichend zu senken, werde das Kind via Plazenta mit Glukose gewissermaßen überschwemmt, erklärt Plagemann. Und der Fetus werde mit dem überschüssigen Zucker geradezu gemästet.

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Um der Glukose einigermaßen Herr zu werden, beginnt die kindliche Bauchspeicheldrüse im Akkord Insulin zu produzieren. Dieses Hormon wirkt aber gleichzeitig als Wachstumsfaktor und lässt den Körper in die Länge schießen. Gleichzeitig lagert der Fetus vermehrt Energie in Form von Fettgewebe ein – mehr als 4500 Gramm bringen sogenannte makrosome Kinder diabeteskranker Mütter manchmal auf die Waage – kein Wunder, dass sie oft kaum durch den Geburtskanal passen.

Und das sind nur die kurzfristigen Folgen: Denn gleichzeitig gewöhnt sich das heranreifende Sättigungszentrum im kindlichen Gehirn an die Insulinüberdosis. Geeicht auf den Status Schlaraffenland und süchtig nach dem Zucker wird es in Zukunft auch ein normales Mittagessen als Magerkost bewerten und nach einem Nachschlag schreien. Kein Wunder, dass Kinder von diabeteskranken Müttern dreimal häufiger unter Fettleibigkeit oder Zuckerkrankheit leiden als ihre Altersgenossen.

Pränatale Prägung haben die Wissenschaftler das Phänomen genannt. Restlos verstanden, wie es der Blutzuckerspiegel der Mutter schafft, sich so langfristig in das Körpergedächtnis des Nachwuchses einzubrennen, haben sie allerdings noch nicht. Prinzipiell kämen hier mehrere Mechanismen in Frage, erklärte der Münchner Kindermediziner Bertold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Universität München vor kurzem auf einem Journalistenworkshop des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit. Veränderungen an den Organen, eine verstärkte Aktivität bestimmter Enzyme und – als jüngster Kandidat – eine epigenetische Umprogrammierung des kindlichen Erbgutes. Durch die mütterliche Nährstoffflut werden nach dieser Theorie die An- und Ausschalter an bestimmten Genen langfristig umgelegt – chemische Molekülanhängsel, die unsere DNA und ihre Verpackung spicken. Tatsächlich lässt sich anhand solcher Markierungen, so Koletzko, schon heute eine Aussage über das spätere Adipositas-Risiko des Kindes machen, wenn man sie in den Zellen des Nabelschnurbluts untersucht.

Inzwischen weiß man sogar: Es braucht gar nicht den Extremfall Schwangerschaftsdiabetes, damit solche Veränderungen eintreten. Auch im Bauch einer übergewichtigen Mutter droht dem Fetus bereits die Glukosemast. Denn auch in ihrem Blut schwimmt zu viel Zucker. Sogar eine Überversorgung mit Proteinen im Mutterleib lässt die Fettpolster des Kindes anschwellen und das Geburtsgewicht steigen. Im Vergleich zum Durchschnittskind hat der Nachwuchs einer übergewichtigen Mutter ein 50 Prozent höheres Risiko im Alter von vier Jahren selber ein Mops zu sein. Angesichts der rasant ansteigenden Zahlen von Schwangeren jenseits des Idealgewichts warnen Forscher wie Koletzko und Plagemann schon von einer Art Teufelskreis: Aus den dicken Neugeborenen werden auch schnell dicke Schulkinder, die wiederum leben mit einem großen Risiko, auch als Erwachsene zu den Dicken zu zählen und später als Mütter dann wiederum dicke Kinder zur Welt zu bringen.

Ähnlich prägend für das spätere Leben ist eine Gewichtszunahme wegen Überfütterung in den ersten zwei Lebensjahren. Wahrscheinlich gilt unter anderem auch deshalb das Stillen als eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen gegen spätere Gewichtsprobleme. "Wir haben Hinweise", so der Kinderarzt Koletzko, "dass langfristiges Stillen das Übergewichtsrisiko um ein Drittel senkt." Kinder, die sechs Monate gestillt wurden, sind im Vergleich zu nicht-gestillten Kindern 400 Gramm leichter. Noch effektiver: Die Mutter geht mit Normalgewicht in die Schwangerschaft und behält ihr Gewicht auch in den nächsten Monaten im Auge. Maximal 200 bis 300 Kilokalorien mehr pro Tag, lautet der Rat von Fachmann Plagemann, an Frauen in den letzten sechs Schwangerschaftsmonaten. Schließlich steigt selbst am Ende der Gravidität der tägliche Energiebedarf gerade mal um zehn Prozent.

Und auf keinen Fall vergessen: das Screening auf einen Schwangerschaftsdiabetes, der auch bei Gesunden aus heiterem Himmel auftreten kann. Das wird seit Anfang dieses Jahres auch endlich von den Kassen bezahlt.

Autor: Michael Brendler