Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

26. September 2016 18:00 Uhr

Psychologie

Kann man Depressionen an der Stimme erkennen?

Die Stimme verrät offenbar viel über die Psyche des Menschen: Forscher arbeiten nun daran, per Stimmanalyse Depressionen zu diagnostizieren. Klingen psychisch Labile anders?

  1. Ängstlich, unsicher oder extrovertiert: Die Stimme offenbart den Charakter. Foto: olly - Fotolia

Einer Rede Nachdruck verleihen oder Sympathie beim Gegenüber wecken – unsere Stimme vollbringt wunderbare Dinge. Aber sie kann auch ganz anders: zittern, sich überschlagen, ganz wegbleiben. Das kennt jeder, der einmal bei einer Prüfung oder einem Vortrag mit gepresster oder wackeliger Stimme zu sprechen versuchte.

Vor allem in solchen Momenten wird deutlich, dass die Stimme kein technisches Instrument ist, sondern abhängig von der Psyche funktioniert. Studien zeigen, dass Zuhörer von der Stimme eines Menschen auf Alter, Aussehen, Körpergewicht und sogar auf das Ausmaß der körperlichen Kraft schließen können.

Emotionen in der Stimme

Wir besitzen feine Antennen für den Klang unserer Mitmenschen. Schon Babys nehmen Emotionen in der Stimme anderer Menschen wahr, unterscheiden freudige oder ärgerliche von neutralen Stimmlagen. "In der Evolution war diese Sensibilität ein Anpassungsvorteil. Wer sein Gegenüber schnell und richtig beurteilen konnte, war besser in der Lage, Interaktionspartner als potenzielle Gefahr oder Hilfe einzuschätzen", erklärt Walter Sendlmeier, Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Berlin.

Werbung


Wie wir sprechen, ist zum Teil genetisch festgelegt: Länge und Dicke der Stimmbänder sowie Form des Vokaltrakts, also von Nase, Mund- und Rachenraum. Auch Kultur und Zeitgeist prägen die Stimme, wie Aufnahmen aus den 1930er Jahren im damals typisch theatralischen Kasernenstil oder die hohen Frauenstimmchen der 50er Jahre belegen.

Bildungsgrad erkennbar

Heute sprechen Männer natürlicher und weicher, Frauen tiefer als damals, berichtet Sendlmeier: "Aus Stimmklang und Sprechweise sind sogar Bildungsgrad, regionale wie soziale Herkunft, gesundheitlicher und emotionaler Zustand herauszuhören." In einer Untersuchung mit Vorstandsmitgliedern von DAX-Unternehmen fand er heraus, dass Führungskräfte tiefer und mit mehr Pausen sprechen als vergleichbare Personen ohne Führungsposition. Macht prägt offensichtlich die Stimme. Wer entsprechend "rüberkommen" möchte, sollte seine Stimmlage etwas absenken.

Und die Stimme offenbart auch den Charakter. Dafür ließ Sendlmeier Versuchspersonen nach ihren Hauptpersönlichkeitsmerkmalen, den Big Five, verorten und Sprechproben aufzeichnen. "In der Tat klingen ängstliche, unsichere Menschen auch für Zuhörer so. Psychisch Labile klingen anders als Stabile, Extrovertierte anders als Introvertierte. Wir können aus der Stimme letztlich sogar mehr Hinweise auf die Persönlichkeit finden, als rein aus der visuellen Erscheinung." Zwar gelten die Augen als Fenster zur Seele, doch die können kaum so subtil und variantenreich Persönlichkeit zum Ausdruck bringen wie die Stimme.

Auffälligkeiten untersuchen

Die Tatsache, dass sich auch Stress in der Stimme bemerkbar macht, könnte für die psychologische Diagnostik bedeutsam werden. Etwa so: Eine Smartphone-App analysiert die Gespräche des Besitzers. Die Daten werden gesammelt und automatisch auf Auffälligkeiten hin untersucht. Entdeckt das System Hinweise auf eine Depression oder extremen Stress, gibt es Alarm und rät, einen Psychologen oder Arzt zu kontaktieren.

Das könnte Patienten mit psychischen Problemen helfen, die nicht von sich aus Hilfe in Anspruch nehmen können oder wollen, etwa chronisch Kranke, alleinstehende Senioren oder traumatisierte Soldaten. Klingt nach Zukunftsvision, wird aber von Programmierern bereits entwickelt. Führend sind hier das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie ein Spin-Off des Labors namens Cogito.

Wie sprechen die Profis?

Auch auf die Frage, was wir im Alltag als angenehme Stimme wahrnehmen, wissen Forscher Antworten: "Ein angemessener, nicht übertrieben exaltierter Klang wird als angenehm empfunden. Professionelle Stimmen, also solche, die leistungsfähig und zugleich ästhetisch sind, sind keinesfalls zu hoch, eher tief, also im unteren Drittel des physischen Stimmumfangs. Bezogen auf die Singstimmlagen sind dies bei Frauen Mezzosopran- und Alt-Lagen, bei Männern Bariton- und Bass-Lagen", sagt Rainer Schönweiler. Der Phoniater und Pädaudiologe ist Professor an der Universitätsklinik Lübeck. Profis wie Nachrichtensprecher oder Rundfunkmoderatoren nutzen oft diese tiefen Lagen.

Übrigens reden Frauen nicht nur höher, sondern auch melodiöser, emotionaler und dynamischer, ergänzt Sendlmeier. Männer dagegen klingen monotoner, ernster und rationaler, was ihnen Sachlichkeit und Seriosität verleiht. Eine mittlere bis tiefere Sprechstimme im Alltag sei eine gute Ausgangslage für die meisten Situationen und Adressaten. In beruflichen Situationen dagegen kann man etwas tiefer, privat etwas höher und bei einem Date etwas gehauchter sprechen. Genaues Beobachten der eigenen Stimme und kleine Übungen, wie etwa das Summen in unterschiedlichen Tonhöhen, helfen, sich der eigenen Stimmlage bewusst zu werden.

Seminare für Lehrerinnen

Hier schlägt die Stunde professioneller Trainer wie Olaf Nollmeyer. Er ist gelernter Schauspieler, Stimm- und Kommunikationstrainer in Oldenburg und bietet Seminare für Lehrerinnen und Dozenten, für Pastoren oder Logopädinnen an. Sie kommen je nach Situation und Anforderungen mit sehr unterschiedlichen Anliegen. Das kann Heiserkeit sein, eine zu leise Stimme oder der Wunsch, Vorträge und Gesprächssituationen besser gestalten zu können.

"Im Training lernen sie Stärken und Schwächen ihrer Stimme kennen. Dazu gehören körperliche, klangliche und kognitive Aspekte, also etwa Aufrichtung und Atmung, die Art, wie sie sich selbst hören und wie sie über die Stimme und die Situationen denken, um die es im Unterricht, der Beratung oder im Vortrag geht", erklärt Nollmeyer. "Mein Job ist es, herauszufinden, auf welchen Ebenen die Stimme am besten anspringt. Oft liegt der Schlüssel darin, sich selbst vorurteilsfrei hören zu lernen und erstmals auf bestimmte Anteile im Stimmklang zu achten."

Genuss an der eigenen Stimme

Die neue Erfahrung von Leistungsfähigkeit und Genuss der eigenen Stimme sei meist die beste Motivation. Störschall, Stress und wechselnde Gesprächssituationen sind dann mit besserer Stimme leichter zu bewältigen.

Oft bedeute die Beschäftigung mit der Stimme für die Kunden zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und eine dauerhafte Veränderung eingeübter Mustern in Haltung, Atmung und Hören, berichtet Nollmeyer.

Wunder freilich sollte man nicht erwarten. Man müsse schon ein sehr guter Schauspieler sein, um der Stimme glaubhaft einen Klang zu verleihen, der nicht dem tatsächlichen Befinden entspricht, räumen die Experten ein.

Mehr zum Thema:

Autor: Eva Tenzer