Gewalt gegen Demonstranten

Willi Germund

Von Willi Germund

Do, 09. August 2018

Ausland

Seit Tagen begehren Schüler und Studenten in Bangladesch gegen die Regierung auf.

BANGKOK. Das prominenteste Opfer der Gewalt, für die Bangladeschs Regierung verantwortlich ist, konnte am Mittwoch nicht aus eigener Kraft ins Krankenhaus gehen. Shahidul Amal, der die Fotogalerie Drik in Dhaka gründete und der bekannteste Pressefotograf des südasiatischen Landes ist, musste von Polizisten gestützt werden, als sie den 63-jährigen Mann auf Anordnung des Obersten Gerichts in einem Universitätshospital ablieferten. "Sie haben ihn verprügelt, nachdem 20 Zivilpolizisten Amal am Sonntag verschleppt hatten", erklärte seine Familie. Mit einem durch Schläge verquollenen Gesicht war Alam am Montag einem Gericht vorgeführt worden. Der Vorwurf der Regierung: Er habe in einem Fernsehinterview und auf Facebook die Regierung in Dhaka verunglimpft.

Die Regierung von Sheikh Hasina geht seit Tagen mit großer Brutalität gegen Demonstranten vor. Dabei hatten sich die Proteste an einem unpolitischen Vorfall entzündet. Zwei Schulkinder waren am 29. Juli von einem Linienbus überrollt worden, dessen Fahrer rücksichtslos durch den dichten Verkehr der 18 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt gepflügt war. Tragödien dieser Art gehören in Bangladesch zum Alltag. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sprechen von 17 000 bis 25 000 Verkehrstoten im Land pro Jahr.

Studenten und Schulkinder in Dhaka ließen nach dem Tod der Schüler ihrer Wut auf der Straße freien Lauf. So demolierten rund 10 000 Demonstranten an nur einem Tag fast 100 Fahrzeuge. Studenten und Schüler legten Dhaka tagelang lahm und schnitten die Hauptstadt von den Provinzen ab.

Sheikh Hasinas, die mit indischer Hilfe und massivem Wahlbetrug die bisher letzten Wahlen gewonnen hat, interpretiert die Demonstrationen als Provokation. Bis vor zehn Jahren war die Lahmlegung des öffentlichen Verkehrs in Bangladesch ein beliebtes Mittel von Politikern im Kampf gegen die jeweilige Regierung. Inzwischen sind die Gewerkschaften der Transportarbeiter eine wesentliche Stütze der Regierung. "Das neue Gesetz, das für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen soll und mit dem Hasina auf die Protestwelle reagierte, wird wenig ändern", sagt ein Universitätsprofessor. Erst am Dienstag wurde einer seiner Studenten von einer Gummikugel der Polizei im Auge getroffen. Schläger, die gegen die Demonstranten vorgingen, sollen aus Reihen der Transportgewerkschaften stammen.

Die Kulna-Universität schloss auf Druck des Geheimdiensts ihr Haupttor, damit Studenten das Gelände nicht für Proteste verlassen konnten. 20 Bangladeschis, die über die Ereignisse berichteten, fanden ihr Konterfei in den sozialen Netzwerken wieder – unter dem Titel "Feinde von Bangladesch". "Die Regierung versucht, Kritiker und Demonstranten einzuschüchtern", sagt Universitätsdozent Mubashar Hasan, "und es sieht so aus, als ob dies gelingen könnte." 22 Studenten, die am Mittwoch einem Gericht vorgeführt wurden, stand die Furcht ins Gesicht geschrieben.

"Bei den Protesten geht es um mehr als Verkehrstote", hatte Bangladeschs prominenter Fotograf Shahidul Alam vor seiner Verhaftung am Sonntag erklärt, "es geht um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch die Regierung, es geht um den Einsatz halbkrimineller Schläger gegen Studenten." Die Regierung spricht stattdessen von einer Verschwörung der Opposition, der US-Regierung, der Europäischen Union und von lokalen Bürgerinitiativen gegen Bangladeschs Demokratie.