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27. Mai 2015 19:27 Uhr

Fensterliwirte am Kandel

Junges Paar haucht der Gummenhütte am Kandel neues Leben ein

Zwei Glottertäler betreiben seit einem Jahr wieder eine Hütte am Kandel. Auf 1133 Meter Höhe gibt's Übernachtungen im Heu-Hostel. Und Kandelhexentorte durch ein kurioses Fensterli.

  1. Andrea Fischer und Andreas Beha am "Fensterli" bei der Gummenhütte am Kandel. Foto: Privat

  2. Andrea Fischer Foto: Max schuler 

  3. Übernachten im Heuhostel auf der Gummenhütte Foto: Privat

  4. Die Gummenhütte liegt auf 1133 Metern. Foto: Max Schuler 

  5. Bis zum Herbst können die Glottertäler Kühe rund um die Gummehütte ausgiebig grasen. Foto: Sophia Hesser

  6. Viehhirte Andreas Beha zählt jeden Morgen nach, ob alle Kühe da sind. Foto: Privat 

Am Anfang war es eine Witzidee. Die Glottertäler Andrea Fischer und Andreas Beha lagen frischverliebt in der Wiese und blickten auf die Gummenhütte unterhalb des Kandelgipfels. Sie malten sich ein Leben als Almhüttenbesitzer aus. Wenig später suchte die Weidegenossenschaft Glottertal Pächter. Aus Jux wurde Ernst. Jetzt sind die Mittdreißiger seit mehr als einem Jahr Hüttenwirte und Viehhirten – ein Lebensexperiment auf 1133 Metern Höhe.

"Wir sind Bergmenschen", sagt Fischer und nippt an ihrem Tee, aufgebrüht aus selbst gepflückten Kräutern. "Wir leben vom Improvisieren." Hinter der zierlichen, rothaarigen Frau erstreckt sich ein imposantes Schwarzwaldpanorama – an klaren Tagen sind die Alpengipfel sichtbar. Kühe fressen sich auf steilen Wiesen satt und aus dem Wald zwitschern Vögel. Ferdinand der Erste von der Gumme, der Haushase, hoppelt vorbei. Wenn Fischer ihren Arbeitsplatz als traumhaft schön bezeichnet, kann man als Gast an diesem Sonnentag nur zustimmen.

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Nicht nur romantisch

Doch die Baustellenzäune zeugen davon, dass es auf der Gummenhütte nicht nur romantisch zugeht. "Wir sind völlig blauäugig an die Sache ran gegangen", sagt Fischer. Gerade erst gab es ein Problem mit der Wasserversickerung. Es wurde nass in der Hütte. Die Handwerker legten eine Drainage, ließen beim Arbeiten aber die Zimmertüren offen – die Bettwäsche war vom Staub verdreckt. Solche bösen Überraschungen erleben die Glottertäler nicht zum ersten Mal. Mehr als 50 000 Euro Erspartes steckten sie in den Umbau der einstigen Hirtenwohnung.

"Aus wirtschaftlicher Sicht können wir bisher nicht davon leben. Wir sind extrem wetterabhängig und an vielen Tagen verdienen wir nichts", sagt Fischer. Beide wohnen im Glottertal, morgens geht es zu Fuß oder mit dem Auto nach oben; an Wochenenden übernachten sie auch mal in der Hütte. Aufgeben wollen sie nicht. Dazu lieben sie ihren neuen Lebensentwurf zu sehr. "Wir sind auch sehr zufrieden mit den Rückmeldungen unserer Gäste."

Sie hat in der Pressestelle der Freiburger Uniklinik gearbeitet. Er ist gelernter Bäcker und Koch. Hoferfahrung haben sie beide nicht, auch wenn sie im Glottertal natürlich ein Stück weit mit der Landwirtschaft aufgewachsen sind. Sie kannten sich als Kinder, verloren sich aus den Augen. Beide tourten durch die Welt.

Die Kühe haben Vorrang

Andrea wanderte durch die Alpen, am liebsten im Piemont. Andreas reiste durch Kanada, wo er im vergangenen Winter als Skilehrer arbeitete. Vor anderthalb Jahren trafen sie sich wieder und wurden ein Paar. Wenn es die Zeit zulässt, fahren sie mit Motorrad und Seitenwagen durch Norwegen, mit dem Mountainbike durch den Schwarzwald oder fliegen mit dem Gleitschirm über die Rheinebene.

Vorrang haben die Kühe. Sie müssen morgens gezählt werden. Wenn ein Tier verletzt ist, melden es die jungen Viehhirten den Besitzern der Weidegenossenschaft. Die Herde muss zum Fressen von Weide zu Weide getrieben werden. Andreas Beha brachte sich den Beruf des Hirten selbst bei. Melken, wie früher, muss er die Tiere nicht mehr. Wenn eine Kuh ausbüxt, hat er sie wieder einzufangen. "Vorzugsweise kommt das sonntagnachmittags vor, wenn die meisten Gäste kommen", sagt Fischer mit einem Lächeln.

Die Kuriosität ist das Fensterli

Die Kuriosität der Gummenhütte ist das Fensterli. Wer eine Kandelhexentorte, Almmakkaroni oder Gummendudler bestellen will, muss sich bücken. Die Bestelltheke ist auf Höhe des Schienbeins. Das war schon immer so. "Der Vor-, Vor-, Vorgänger, der Sepp, war ein richtiger Almöhi mit Rauschebart. Der hat über sein Küchenfenster aus dem Keller heraus Getränke verkauft", sagt Fischer. Weil das die Pächter der Gummenhütte bis heute so machen, werden sie von den Einheimischen Fensterliwirte genannt.

Die Speisekarte dürfte sich stark gewandelt haben. Gab es früher Pommes und Würstle wird jetzt auf Regionales, Bioqualität und Handgemachtes gesetzt. "Strichcodefreie Zone", nennt das Fischer im Hinblick auf den Wegfall des Verpackungsmülls. Das benötigt Zeit. Wenn die Warteschlange zu lange wird, geht ihr Vater mit einer Kiste Bier nach draußen und kassiert direkt. Die Familie packt mit an. Wenn keiner da ist, können sich Gäste selbst am Kühlschrank bedienen. "Bei uns geht es rustikaler, aber auch familiärer zu. Wir wollen kein rummeliges Ausflugslokal werden", sagt Fischer. Eine Konkurrenz zum Kandelhof sehen die jungen Pächter nicht. Ihre Zielgruppen sind Wanderer und Mountainbiker – nicht Touristen, die überall mit dem Auto parken wollen.

Heuhostel statt fünf Sterne

Statt fünf Sternen gibt es ein Heuhostel. Dafür bauten die beiden den ehemaligen Kuhstall um. Dort können jetzt Wanderer nächtigen oder Jungesellinnen feiern. Eine Geo-Hefte-Sammlung vertreibt die Langeweile und wer keine Isomatte dabeihat, kann auf einer Unterlage schlafen, die mit Gleitschirmstoff bezogen und bestens isoliert ist. Wer sich nicht von einem vorbeihuschenden Mäuschen abschrecken lässt und keine Heuallergie hat, ist dort bestens aufgehoben.

In diesem Sommer soll es zudem Livemusik geben: Blaskapelle für die Älteren, Rockband für die Jüngeren. Kräuterkurse, Streichelzoo, Berglamas, Kletterwand, und Sommernachtskino: Ideen gehen den beiden nicht aus. Doch bis es soweit ist, muss das nächste Wochenende vorbereitet werden. 15 Kuchen will Fischer noch backen. Der Stress macht eben auch vor dem Almparadies keinen Halt.
Gummenhütte

Auf Wanderwegen erreicht man die Gummenhütte von Glottertal oder St. Peter aus. Per Auto von Glottertal aus kommend auf die L 186, dann 7,5 Kilometer Richtung Kandel bis zum Parkplatz "Kaibeloch". Von dort zehn Minuten zu Fuß. Übernachtung in einem der acht Betten mit Bettzeug für 25 Euro. Wer im Heuhostel im eigenen Schlafsack schläft, zahlt 15 Euro. Dort gibt es 34 Plätze. Frühstück gibt es ab 5 Euro. Außerdem Vesper und Tagesgerichte. Die Hütte ist bewirtet von April bis Ende Oktober – bei schlechtem Wetter nicht immer. Ob offen ist, erfährt man über Tel. 07684/ 9083090.

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Autor: Max Schuler