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19. Juni 2008

Ein jeder Storch bekommt sein kleines Ringlein

RUND UMS STORCHENNEST (5): Kurz bevor sie flügge sind, werden Jungstörche beringt / In Bötzingen und Gottenheim rückt dafür die Drehleiter an.

GOTTENHEIM. Hoch in der Luft sitzen vier gar nicht mehr kleine Vöglein: 28 Meter über Grund, auf dem Nest auf der Gottenheimer Kirchturmspitze, kauern vier Jungstörche. Neugierig schauen sie auf die unerwarteten Besucher. Es sind Hagen Späth und Gustav Bickel. Sie sind gekommen, um den schon fast flüggen Vögeln kleine Beinringe anzubringen.

Die Drehleiter der Bötzinger Feuerwehr hat die beiden Männer in kürzester Zeit am frühen Dienstagabend hoch auf Augenhöhe mit dem Storchennachwuchs gebracht. Hagen Späth klettert aus dem Korb selbst direkt in das große Nest. Er hat wenig Mühe, jedem der Störche einen kleinen Ring am Bein über dem Fußgelenk anzulegen. Fast reglos lassen die Jungvögel die Prozedur über sich ergehen. Die schwarzen Ringe sind ab sofort ihre Ausweise. Die dort aufgebrachten Nummern werden in überregionalen Karteien erfasst. Damit lässt sich jeder beringte Storch identifizieren, wenn er späte einmal irgendwo angetroffen wird. Das ergibt ein viel zutreffenderes Bild, wie sich die Störche ausbreiten und ihre Population entwickelt. So weiß zum Beispiel Gustav Bickel, dass der Storch, der als Jungtier 2006 im Bötzinger Nest den Ring mit der runden Nummer 5000 erhielt, immer noch in der Region zu Hause ist: Er nistet dieses Frühjahr in Reute.

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Nur gut eine halbe Stunde zuvor war die Drehleiter der Bötzinger Feuerwehr schon am dortigen katholischen Kirchturm im Einsatz. Altkommandant Helmut Kanzinger und sein Kamerad Manfred Lay haben dafür jede Menge Routine, sind sie doch seit Jahren dabei, wenn etwas für die Störche in luftiger Höhe getan wird. Auch bevor die Bötzinger Feuerwehr über ein Drehleiterfahrzeug verfügte, war die Hilfe der Floriansjünger gefragt. Sie stellten Standleitern zur Verfügung oder Ausrüstung, um von Dachluken aus zu den Storchennestern zu gelangen. Auf Nestern wie in Umkirch oder Holzhausen wird dies heute noch so gehandhabt. In den deutlich exponierteren und weniger leicht zugänglichen Nestern auf den Kirchturmspitzen von Bötzingen und Gottenheim ist die Drehleiter erste Wahl. Sie kommt nicht nur zur Beringung im Frühsommer zum Einsatz. Schon im Spätwinter, bevor Storchenpaare die Nester wieder besetzten, waren Hagen Späth und Gustav Bickel zur Stelle, um die Standsicherheit der Nester zu prüfen und Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen.

Bötzingen und Gottenheim sind so etwas wie die Wiegen des heutigen Storchenbestandes im Breisgau. Helmut Kanzinger, der Mitgründer des Vereins SOS Weißstorch Breisgau war, erinnert sich, dass es um 1980 nur noch zwei besetzte Storchennester im Breisgau gab, eines davon auf dem Gottenheimer Kirchturm. Um Meister Adebar vor dem Aussterben in der Region zu bewahren, begann man ein gezieltes Programm. Bei Bötzingen wurde eine Aufzuchtstation eingerichtet, die später nach Reute umzog, wo sie heute noch betrieben wird. Es gelang die Auswilderung von Störchen, die nun selbst nisteten, wobei ihnen geholfen wurde, indem seit Jahrzehnten verwaiste Nistplätze wieder hergerichtet wurden.

Für die Aufzuchtzeit bietet die Landschaft nicht genügend Futter

Damit der Nachwuchs durchkommt, braucht es weiter menschliche Hilfe. "Ein Jungstorch braucht mindestens zehn Mäuse am Tag als Futter", erklärt Kanzinger. Und bei 51 belegten Nestern in der Region in diesem Frühjahr ist dies eine gewaltige Menge an Futterbedarf. Den können die Altstörche in der von Jahr zu Jahr immer weiter zugebauten Landschaft kaum decken. Nicht nur die Frösche als Leibspeise sind ja selbst auf Restbestände zusammengeschrumpft. Auch Futterquellen aus zweiter Hand sind ausgedünnt, etwa die Freiburger Mülldeponie. Seit auf ihr kein Müll mehr abgelagert wird, haben sich dort auch die Mäuse rar gemacht. Das ist der eine Grund, weshalb SOS Weißstorch zur Aufzuchtzeit gezielt zufüttert. An bestimmten Plätzen, die den Störchen rasch vertraut sind, werden Hühnerküken oder kleine Fische als Futter ausgelegt. Ein weiterer Grund liegt darin, dass natürliches Futter zeitweise für Jungstörche schlicht unverdaulich, ja tödlich ist– dann nämlich, wenn im April Landwirte Spritzmittel ausbringen. Hagen Späth kennt genügend Fälle, wo einzelne Spritzaktionen direkt zu toten Jungvögeln führten, wenn Käfer, Würmer oder anderes Futter von solchen Feldern von Altstörchen aufgenommen und dem im April noch ganz jungen Nachwuchs verfüttert wurden. Dabei gehe es auch anders, erklärt Späth. Er verweist auf Fälle, in denen Landwirte umsichtig agieren oder auf besonders breit wirkende Giftmittel verzichten.

Für Späth und eine Mitstreiter ist die Entwicklung der Störche auch ein Gradmesser für den Zustand der Umwelt. Denn Gifte im natürlichen Storchenfutter treffen ja auch andere Vogelarten. Boden, Wasser und nicht zuletzt die Felderzeugnisse können auch nicht unbelastet bleiben, schließt Späth daraus. Dass so viele Storchennester in der Region besetzt sind, ist also keineswegs ein Beleg dafür, dass sich die Umweltverhältnisse seit den 70er Jahren wirklich entscheidend verbessert hätten. Tatsächlich wäre dies ohne die Aufzuchthilfen und das Zufüttern aus Menschenhand gar nicht möglich.

Rund 100 Jungstörche dürften in diesem Sommer im Breisgau durchkommen. Das ist ein sehr guter Wert, waren es im Vorjahr doch nur einige wenige, als Kälte und Starkregen etlichen Jungvögeln den Garaus machten. Die Jungvögel, von denen die letzten in diesen Tagen flügge werden, werden sich im August auf den langen Flugweg in Richtung Spanien und über Gibraltar nach Afrika machen. Viele der Altstörche bleiben indessen hier. Das Futterangebot in den meist milden Wintern reicht in der Region für sie aus, weiß Gerlinde Danzeisen, die zusammen mit ihrem Mann Gustav die Umkircher Störche betreut. Wer das wie sie schon seit vielen Jahren macht, kennt natürlich die Eigenheiten der Altstörche bestens.

Candide etwa, die derzeitige Gottenheimer Störchin, fliegt regelmäßig nach Umkirch, ihrer früheren Heimat, um dort Futter zu holen. Den Futtereimer im Garten von Erich Hess, keine hundert Meter vom Nest entfernt, ignoriert sie. Ganz anders ihr jetziges Männchen Kant. Den Namen hat er bekommen, weil er immer, um den Eimer stolzierend, eingehende philosophische Betrachtungen anzustellen scheint, bevor er sich bedient. Wobei es ihm nicht einfällt, Futter für die Jungen aufzunehmen – dieses Geschäft überlässt er der werten Gemahlin.

So macht noch manche Storchengeschichte die Runde, als sich die Helfer nach der geglückten Beringung im Hof von Erich Hess, gleich neben der Kirche gelegen, zum Vesper treffen. Der Hausherr und seine Familie haben seit Jahrzehnten nicht nur das Nest auf dem Turm immer im Blick, sondern auch dafür gesorgt. Dazu gehört der Fischeimer zur Aufzuchtzeit ebenso wie die mühsame Kraxelei durch die Luke im Kirchturmdach, um nötige Arbeiten am Nest zu verrichten, als es noch keine Drehleiter gab. Doch früher wie heute gilt, was Hess betont, der selbst einst Gottenheimer Feuerwehrkommandant war: "Ohne gute Kameradschaft geht das nicht."

Autor: Manfred Frietsch