Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
05. Oktober 2010 17:23 Uhr
Gottenheim
EnBW verliert Konzession an Badenova
Nach 37 Jahren verabschiedet sich die Gemeinde Gottenheim von ihrem langjährigen Stromnetzbetreiber EnBW und wechselt zur Badenova. Einstimmig beschlossen die Räte, die Konzession an die Badenova zu vergeben, die nun das Netz der EnBW abkaufen will.
Dem einstimmigen Beschluss war am Montagabend eine extra Sitzung des Gemeinderates vorausgegangen, auf der sich beide Netzbetreiber und Energieversorger präsentierten hatten und in der intensiv diskutiert worden war.
"Das Ziel ist die Rekommunalisierung der Stromnetze, denn wo passt interkommunale Zusammenarbeit besser als bei der Stromversorgung", betonte Bürgermeister Volker Kieber gegen Ende der Diskussion. Nicht zuletzt wegen der ökologischen Ausrichtung der Badenova, an der auch Gottenheim seit dem Frühjahr einen kleinen Gesellschafteranteil hält und die zu 100 Prozent in kommunalem Besitz ist, warb das Gemeindeoberhaupt für den Wechsel des Netzbetreibers.
Zum Jahresende läuft der Stromkonzessionsvertrag für Gottenheim mit der EnBW Regional AG aus. Dieser beinhaltet das Recht, die öffentlichen Grundstücke im Ort für Leitungen und Verteilstationen für die Stromversorgung zu nutzen. Aktuell bekomme die Gemeinde daraus jährlich rund 65 000 Euro Konzessionsabgaben, erläuterte Bürgermeister Kieber.
Drei Netzbetreiber hätten sich um die Konzession beworben, darunter auch die Stadtwerke Müllheim/Staufen, erklärte Kieber. Nichtöffentlich sei dann beschlossen worden, die EnBW und die Badenova in die Ratssitzung einzuladen. Beide Unternehmen waren dann mit hochkarätigen Mitarbeitern angereist, die EnBW Regional AG sogar mit vier Personen.
Werbung
Der bisherige Netzbetreiber präsentierte sich dann auch als erstes. Michael Gutjahr, neuer Leiter des Regionalzentrums in Rheinhausen, stellte das unter anderem aus dem 1921 gegründeten Badenwerk hervorgegangene Unternehmen vor. Aktuell gehöre die EnBW zu 51 Prozent Kommunen und Kreisen im Land, 45 Prozent der Anteile halte die französische EDF. Am 1. Mai 1973 wiederum habe die Gemeinde Gottenheim ihr damaliges Stromnetz ans Badenwerk verkauft. Heute gebe es im Ort 16,1 Kilometer Mittelspannungs- und 29,4 Kilometer Niederspannungsleitungen sowie 15 Umspannstationen. Gutjahr sprach auch von zahlreichen Investitionen in erneuerbare Energien und versuchte so, die EnBW als ökologisch orientiertes Unternehmen darzustellen. Er bot zudem als Alternative für den Konzessionsvertrag, den man auch für eine kürzere Laufzeit abschließen würde, die Gründung einer Netzgesellschaft mit der Gemeinde an.
"Das wichtigste Ziel eines Netzbetreibers ist die Versorgungssicherheit", betonte Kommunalbetreuer Norbert Isele. Störungen gebe es meistens nur nach Blitzeinschlägen oder Unfällen mit Verkehrsteilnehmern oder Baggern. Immerhin, so Isele, habe die EnBW in den zurückliegenden fünf Jahren mehr als 800 000 Euro in Gottenheim investiert. Und dies sei auch notwendig gewesen, besonders fürs Gewerbe. Ein Industriebetrieb verbrauche heute mehr Strom als früher ein ganzes Dorf. Und sein Unternehmen sei besonders im Gewerbebereich bei den Netzentgelten günstiger als die Badenova, bei den Privathaushalten hingegen etwas teurer. Im Gegenzug möchte man aber den Bürgern einen Mehrwert anbieten, zum Beispiel bei der Energieberatung. Später betonte auch Isele nochmals das Ziel der EnBW, in Zukunft 100 Prozent ökologischen Strom anzubieten.
Im Gemeinderat wurde die bisherige gute Zusammenarbeit betont, es gab aber auch einige kritische Nachfragen, so zur ökologischen Ausrichtung, habe doch die EnBW für die Verlängerung der Atomlaufzeiten gekämpft. Auch das tatsächliche Mitspracherecht bei einer Netzgesellschaft wurde in Frage gestellt, wenn die Gemeinde nur eine Minderheitsbeteiligung halte. Und es wurde gefragt, was denn vor 2005 ins Netz investiert worden sei, die Bauvorhaben danach seien doch von der Gemeinde initiiert gewesen.
"Wir brauchen uns hier nicht vorzustellen, Sie kennen unsere Positionierung – wir stehen klar zur Energiewende", begann Badenova-Vorstand Mathias Nikolay seine Ausführungen. Ein intelligentes Netz sei zwar richtig, wichtiger sei es aber, die Stromnetze auszubauen und den dezentralen Erzeugungsstrukturen der Zukunft anzupassen. Bei der Badenova, die auch die gesetzlich höchstmöglichen Konzessionsabgaben zahle, würden die Gottenheimer Bürger rund 30 000 Euro im Jahr an Netznutzungsgebühren sparen, auch wenn man bei gewerblichem Strom noch etwas teurer sei. Auch die Sicherheit sei durch den Anschluss an das Badenova-Netz gewährleistet. Als Beispiel nannte Nikolay Umkirch, wo es früher fünf bis zehn Stromausfälle im Jahr gegeben habe, seit dem Anschluss ans Badenova-Netz aber keine mehr. Bei einem Wechsel des Netzbetreibers würde man das Netz von der EnBW kaufen, dies geschehe kollegial, den Netzwert in Gottenheim schätze der Vorstand auf rund 550 000 Euro. Das Thema Stromnetze wiederum sei ein regulierter Bereich, daher könne er manche Ausführungen seiner Vorredner nicht nachvollziehen.
Letztlich böten beide Anbieter die Sicherheit, dass auch künftig Strom aus der Steckdose komme, meinte Thomas Barleon (FBL). Daher müsse die Entscheidung nach der energiepolitischen Ausrichtung fallen. Nachdem drei Gemeinderäte noch für eine zehnjährige Konzessionslaufzeit gestimmt hatten, wurde einstimmig beschlossen, die kommenden 20 Jahre mit der Badenova zusammen zu arbeiten.
Autor: schö
