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22. Januar 2010

Von gehörter zu sichtbarer Kunst

Mit Anprall und Backlash: Eine Soireé des Kunstvereins über das Zusammenkommen von Musik, Kunst, Theorie und Literatur

  1. Das Ensemble Anprall mit Thomas Müller (ganz links) und Manuela und Nadine Lickert (ganz rechts). Foto: gilg

GUNDELFINGEN. Anspruchsvolle, virtuos gespielte Musik, musiktheoretische Erläuterungen und dazu eine Form der Performance-Kunst: all das bot die Kammermusik-Soiree des Kunstvereins Gundelfingen. Im sehr gut besuchten Kultur- und Vereinshaus animierte das Ensemble "Anprall" dazu, beim Lauschen von Kammermusik aus den vergangenen hundert Jahren einen Weg "von gehörter zu sichtbarer Kunst" anzudenken. Zur Abrundung wurde "Backlash" uraufgeführt, ein Werk des Waldkircher Komponisten Thomas Müller, der Professor an der Freiburger Musikhochschule ist.

Ulrike Bach, die Vorsitzende des Kunstvereins, erläuterte zu Beginn das heimliche Motto der Veranstaltung: "Von gehörter zu sichtbarer Kunst". Die Musik sollte jedem Künstler die Möglichkeit bieten, ein je individuelles Werk zu schaffen, indem sie sich von den musizierten Kompositionen, deren Strukturen, Formen und (Farb-)Klängen inspirieren lassen sollten. Später wird eine gesonderte Verkaufsausstellung alle Werke, die nach diesem Konzert geschaffen wurden, präsentieren.

Musikalisch eröffnet wurde das Konzert mit Telemanns "Sechs Sonaten im Canon für zwei Flöten" durch die Schülerinnen Manuela und Nadine Lickert aus Glottertal. Für Liz Hirst, Flötistin des Ensembles "Anprall" und selbst jahrelang Musiklehrerin in Glottertal, ein "tolles Gefühl, dass jetzt zwei meiner ehemaligen Schülerinnen hier auftreten können". Und die beiden Schwestern zeigten gekonnt, was sie gelernt haben.

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Erfreulicherweise nahm sich das Quintett "Anprall", bestehend aus Liz Hirst (Flöten), Andrea Nagy (Klarinette), Miriam Rudolph (Violine/Viola), Philipp Schiemenz (Violoncello) und Hans Fuhlbom (Klavier), immer wieder die Zeit und erläuterte Musiktheorie und biographische Schlaglichter der dargebotenen Stücke und Komponisten. Hans Fuhlbom sprach über die semantischen Veränderungen des Wortes "Kanon" im Laufe der Jahrhunderte, brach den Begriff auf musikalisches Gebiet herunter – ein mehrstimmiges Lied, dessen Melodien einfach beschaffen sein sollten, damit man es ohne Notenkenntnis singen kann – und zeigte, dass auch viele Komponisten die Form des Kanons, wenngleich in schwierigerer Weise, aufgegriffen haben. Auch der inzwischen über 100-jährige Elliott Carter, von dem das Ensemble drei Stücke spielte, sei dieser Tradition verpflichtet. Daneben bot das Ensemble das Stück "Trifolium" von Hans Zender, der in seiner Komposition die jeweils neun musikalischen Strukturen so miteinander kombiniert, dass sich insgesamt 27 vertikale Schichtungen ("Gruppen") ergeben.

Die freundliche Aufforderung, Kunst zu schaffen, wurde vom Münstertaler Maler und Grafiker Wolfgang Peter Woseipka schon während des Konzertes wörtlich genommen. Mit Bleistift zeichnete er verschiedene Skizzen der Künstler und gab zu: "Seit vielen Jahren zeichne ich auf Veranstaltungen, und manche dieser Skizzen werde zuhause dann in ein richtiges Gemälde ausgearbeitet."

Vor der Pause feierte das Stück "Backlash" des Waldkircher Komponisten Thomas Müller, fertig gestellt im vergangenen Sommer, seine Uraufführung. Müller selbst kam auf die Bühne und erklärte anhand von Tonbeispielen das Grundkonstrukt. Der Titel spiele dabei auf den "Umschlag aus der starren Rhythmik in ein polyphones Stimmengewirr" an. Im dritten Entwicklungsteil habe er sich, so Müller, von der Vorstellung eines sterbenden, kurz vor der Implosion stehenden Sternes inspirieren lassen. Das Publikum jedenfalls applaudierte lang und ausgiebig.

Nach der Pause standen Stücke der Schönberg-Schüler Alban Berg und Anton Webern auf dem Programm, bevor noch einmal Hans Zender die japanische Haiku-Dichtung (ein "Lustiger Vers", bestehend aus 17 Silben und damit die kürzeste Gedichtform der Welt) in Klang übersetzte. Abgerundet wurde der Abend mit dem Titel "Improvisé" des inzwischen in Baden-Baden lebenden Komponisten Pierre Boulez.

Das Konzert insgesamt war geprägt von der tollen Virtuosität der auch international geschulten und erfolgreichen Musiker. Es war anspruchsvolle, moderne und mitunter auch etwas anstrengende Musik, wie man von dem einen oder anderen Konzertbesucher zu hören bekam. Man darf gespannt sein, wie und ob die Zuhörer ihr Klangerlebnis in Kunst übersetzen.

Im übrigen erbrachte diese Konzertsoireé eine Summe von 367 Euro, die der Kunstverein nun dem Roten Kreuz zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti übermitteln will.

Autor: Michael Gilg