Wenn aus einer Linie eine Kante wird

Gabriele Fässler

Von Gabriele Fässler

Fr, 08. Juni 2018

Gundelfingen

Künstler Eberhard Freudenreich stellt im Gundelfinger Rathaus seine Objekte aus.

GUNDELFINGEN. Eine facettenreiche Werkschau des Künstlers Eberhard Freudenreich ist derzeit im Foyer des Gundelfinger Rathauses zu sehen. Zeichnungen, Schnitt- und Raumschichtungen, Objekte und Installationen können die Besucher auf sich wirken lassen und mit einem Teil der Kunstwerke sogar interagieren. Am Mittwoch eröffnete der Kunstverein die Ausstellung, die bis 4. Juli zu sehen ist.

Am Anfang war die Linie – dieser Satz formt sich im Kopf, wenn man Eberhard Freudenreichs Werke betrachtet und den lebhaften Ausführungen des Künstlers lauscht. Im sympathisch-heiteren Plauderton, jedoch ohne an inhaltlicher Tiefe einzubüßen, lässt Freudenreich die Vernissage-Besucher am Entstehungsprozess seiner Arbeiten und der Entwicklung seines künstlerischen Schaffens teilhaben.

Die Beschreibung seiner Kunst gehe, ob Zeichnung, Kartonschnitt oder Objekt, von der Linie aus, so Freudenreich. Das Wachsen von der Zweidimensionalität hin zu Raumobjekten und wieder zurück zur Ebene spiegelt sich in Freudenreichs Werkgruppen wider.

Von 1986 bis 1993 studierte Freudenreich freie Grafik an der Akademie der freien Künste in Stuttgart bei Rudolf Schoofs. "Nach zwei Semestern bei ihm konnte ich so zeichnen wie Rudolf Schoofs." Um seinen eigenen Stil zu entwickeln, widmete Freudenreich sich während seines weiteren Studiums der Radierung. Dieses Arbeiten erfordere Exaktheit und man benötige Schablonen.

Eines Tages, Mitte der 1990er Jahre, bildete ein Zufall den Impuls für sein weiteres Schaffen: ein Stapel von Papierschablonen im Künstleratelier, der im Sonnenlicht ein Spektakel von Licht und Schatten zauberte. So entstanden ab Mitte der 1990er Jahre Papierschnitte und Schnittzeichnungen, bei denen nun nicht mehr die Radiernadel die Linie erzeugte, sondern die Schere.

Bis zu vier beschnittene Papierbögen staffeln sich in Freudenreichs verglasten Objektkästen. Indem die Formen sich überschneiden und Spiel von Licht und Schatten hervorbringen, eröffnen sie Räume für individuelle Interpretationen.

Noch weiter geht Freudenreich mit seinen verschiebbaren Raumschichtungen. Im Aufbau ähneln sie den Schnittschichtungen. Sie bestehen aus sechs Ebenen, die sich in einem Objektrahmen verschieben lassen. So kann der Betrachter mit dem Werk interagieren, es beeinflussen und zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten durchspielen.

Aus den Schnittresten entstanden reliefartige Collagen sowie dreidimensionale Objekte, bei denen die Formen in Fischer-Technik-Manier zusammengesteckt sind. Die meisten Werke Freudenreichs sind namenlos, so auch die Additionen, die aus gefalteten, von Origami inspirierten Papiermodulen bestehen, die der Künstler zu organisch geformten Körpern zusammensteckt. Die Namenlosigkeit macht es dem Betrachter möglich, etwas eigenes in den Objekten zu erkennen.

Ebenso im Rathaus zu sehen sind zwei Installationen, Vogelschwärme, geschaffen aus Kunststoffplatten, die mit einem Toaster erhitzt und dann geformt wurden.

Die Einladung zu einem Wettbewerb zum Thema Bleistift brachte Freudenreich dazu, sich mit der Zweidimensionalität auseinanderzusetzen. So entstanden seine Kantenzeichnungen, bei denen der Künstler mit dem Bleistift an der Kante einer ausgeschnittenen Form entlang fährt, die Schablone Millimeter um Millimeter übers Papier zieht – unzählige Male.

In der Ausführung zwar zweidimensional, erscheinen die Zeichnungen plastisch und voluminös. Musikalisch komplettierten die gelungene Eröffnung die Vorsitzende des Kunstvereins Ulrike Bach (Flöte) und ihr Ehemann Michael (Gitarre).

Ausstellung bis 4. Juli im Gundelfinger Rathaus; geöffnet Montag bis Donnerstag, 8 bis 12 Uhr, montags außerdem von 14 bis 17 Uhr und mittwochs von 14 bis 18 Uhr, Freitag von 8 bis 12.30 Uhr.