"Erheblicher Wildwuchs"

Gutachter kritisieren Quartiersarbeit in Freiburg

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Do, 15. September 2016 um 10:40 Uhr

Freiburg

Externe Gutachter kritisieren, dass bei der Freiburger Quartiersarbeit Standards nicht erfüllt werden. Sie empfehlen die Übernahme durch die Stadtverwaltung. Dies wäre eine radikale Kehrtwende.

Bei der Quartiersarbeit in Freiburg gibt es "nennenswerte Abweichungen" von den selbst gesetzten Standards. Es fehlt zudem an Steuerung durch die Stadt, an Effektivität, an konkreten Vorgaben und an Transparenz. Zu diesem Urteil kommt ein Gutachten, das eine Kehrtwende empfiehlt. Diese Art von Sozialarbeit vor Ort sollen die Freien Träger an die Stadtverwaltung abgeben. Genau diesen Vorschlag will die Rathausspitze dem Gemeinderat vorlegen. "Wenn die Ergebnisse so eindeutig sind, muss man handeln", sagt OB Dieter Salomon.

Von Kirchbach spricht von Flurbereinigung

Der Oberbürgermeister und Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach stellten das Gutachten der Hamburger Fachfirma Consens am Mittwoch vor. Von Kirchbach sprach von einer notwendigen "Flurbereinigung". Auch für ihn gibt es keine Alternative zur vorgeschlagenen Kommunalisierung, auch wenn ihn, wie er einräumte, die Radikalität der Ergebnisse überrasche. Um die Vorschläge umzusetzen, wolle man sich zwei bis drei Jahre Zeit nehmen. Zum Januar 2018 sollen die ersten vier Quartierbüros unters Dach der Stadtverwaltung kommen, zum Juli des gleichen Jahres dann die restlichen acht. Salomon und von Kirchbach betonten, dieser Paradigmenwechsel sei kein Sparplan. Im Gegenteil: Bislang finanziert die Stadt die Quartiersarbeit mit 1,3 Millionen Euro pro Jahr. Der Betrag könnte sogar noch leicht steigen. Denn das Gutachten stellt auch fest, dass es der Quartiersarbeit an Personal fehlt.

Organisatorische Mängel

Überraschend deutlich hatten die Gutachter jedoch die organisatorischen Mängel und den Wildwuchs aufgezeigt: "Wir können noch nicht einmal sagen, ob die Quartiersarbeit gut oder schlecht ist, wir wissen es schlichtweg nicht", kommentierte OB Salomon. "Wir geben Geld, steuern es aber nicht richtig." Salomon sieht dringenden Handlungsbedarf: "Man kann ja nicht ein Gutachten beauftragen und es dann wieder einfach in die Schublade legen." Der Gemeinderat hatte die Untersuchung beschlossen, nachdem es im vergangenen Jahr heftigen Streit um ein Eckpunktepapier des Forums Weingarten, Träger der Quartiersarbeit in dem Stadtteil, gegeben hatte.

Freie Träger: zu großer Zeitdruck

Die Stadt unterstützt in zwölf Quartieren Projekte der Gemeinwesenarbeit, die wiederum in der Hand von neun verschiedenen freien Trägern mit jeweils unterschiedlichen Konzepten sind. Das Gutachten hat auch herausgearbeitet, dass Quartiersarbeit im eigentlichen Sinne in den neuen Stadtteilen Vauban und Rieselfeld gar nicht notwendig ist, weil die soziale Problemlage fehlt. Anderswo, etwa im Bereich Mooswald-Ost, gibt es keine Quartiersarbeit, obwohl Bedarf besteht.

Die Fraktionen sind informiert, der Sozialausschuss soll das Thema am 28. September beraten, der Gemeinderat dann am 18. Oktober entscheiden. Den Trägern wurde das Gutachten am Dienstag vorgestellt. "Was vorgeschlagen wird, ist für viele existenzgefährdend", sagt Gerald Lackenberger, Sprecher des Freiburger Arbeitskreises Gemeinwesenarbeit. Immer hätten die Träger von der Stadt Zielvorgaben und einheitliche Qualitätsstandards gefordert – ohne Erfolg. Enttäuschend sei auch, dass die Ergebnisse des Gutachtens nicht gemeinsam aufgearbeitet worden seien. Christian Himmelsbach, Vertreter des Trägers der Quartiersarbeit Brühl-Beurbarung, kritisiert den Zeitplan der Verwaltung und fordert eine Verschiebung der Ratsentscheidung: "Die Zeit ist viel zu knapp, um so ein Gutachten durchzuarbeiten und zu diskutieren."

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