Nominierung

Der überraschende EM-Kader der Handballer

sid

Von sid

Mo, 08. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Nationalmannschaft

Bundestrainer Christian Prokop hat mit seiner Kader-Nominierung für einen Paukenschlag gesorgt. Vor allem die Nicht-Berücksichtigung von Abwehrchef Finn Lemke kommt nicht bei allen gut an.

Die vorerst letzten freien Stunden genoss Christian Prokop im Kreise seiner Liebsten. Während es Torjäger Julius Kühn am Montag in den Kraftraum zog und Kapitän Uwe Gensheimer beim Frisör seine Haare noch einmal in Form bringen ließ, lud der Bundestrainer die Akkus für die bevorstehende EM-Mission der deutschen Handballer zu Hause bei Töchterchen Anna und Sohn Luca auf. Zuvor hatte er am Sonntag bei der Nominierung des 16er Kaders für Aufregung gesorgt, weil er drei amtierende Europameister nicht berücksichtigte.

"Ich muss noch ein bisschen was vorbereiten, aber ich freue mich auch, die Familie zu sehen und da noch einmal Energie zu tanken", sagte Prokop. An seiner Vorfreude auf den Abflug am Donnerstag ließ der 39-Jährige aber keinen Zweifel: "Wir sind voll motiviert und freuen uns natürlich auf Kroatien."

Kurz zuvor hatte sich Prokop mit einem Paukenschlag von seinen Spielern in den zweitägigen Kurzurlaub verabschiedet. Die Nicht-Berücksichtigung von Finn Lemke, Abwehrchef beim Titelgewinn vor zwei Jahren in Polen, sorgte bei weiten Teilen des Teams angeblich für Fassungslosigkeit. Kaum einer hatte mit der Aussortierung Lemkes gerechnet, in der Kabine herrschte zum Abschluss der Vorbereitung trotz der überzeugenden Siege gegen Island wohl minutenlang Stille.

Daniel Stephan ist sehr skeptisch

Auch außerhalb des Teams schlägt Prokops Nominierung, bei der mit Rückraumspieler Fabian Wiede und Linksaußen Rune Dahmke zwei weitere Europameister zunächst hinten runter fielen, hohe Wellen. So schätzt der frühere Welthandballer Daniel Stephan das Aufgebot als riskant ein. "Wenn diese Entscheidungen nicht zum erhofften Erfolg führen, kann das natürlich für ihn zum Bumerang werden", sagte Stephan: "Viele verstehen diese Kaderplanung nicht so ganz." Lemke sei schließlich "wesentlicher Bestandteil und der Motor der alles überragenden Abwehr des deutschen Teams", sein Fehlen würde einige Spieler im EM-Kader "wahrscheinlich schocken, andere verunsichern". Prokop sprach mit Blick auf die Nominierungen von der "unangenehmsten Entscheidung" seiner bisherigen Zeit als DHB-Coach.

Verbandsvize Bob Hanning verteidigte das zweifellos mutige Vorgehen Prokops. "Er hat sich für sein Spielsystem entschieden, was er mit der Mannschaft spielen will und hat sich danach den Kader ausgesucht", sagte Hanning und verwies auf die bis zu sechs Wechseloptionen im Laufe des Turniers: "Wer weiß, ob Finn Lemke im Traum-Halbfinale gegen eine der Top-Mannschaften wieder mit dabei ist. Ich finde, wir sollten jetzt erst einmal abwarten, was passiert. Wir tun gut daran, dem Bundestrainer zu vertrauen und uns auf eine erfolgreiche Europameisterschaft zu freuen."

Statt Lemke, Wiede und Dahmke nimmt Prokop den Rückraumspieler Maximilian Janke und Bastian Roscheck als vierten Kreisläufer mit. Beide spielen bei Prokops langjährigem Klub SC DHfK Leipzig, beide gelten als flexible Spielertypen, beide feierten erst am Wochenende ihr Länderspiel-Debüt. "Es sieht schon irgendwie ein wenig komisch aus, dass Roscheck und Janke von seinem ehemaligen Verein Leipzig den Vorzug bekommen haben", sagte hingegen 2004-Europameister Stephan.

Prokop habe "seine eigene Philosophie und muss diese auch verfolgen, aber er geht mit diesen Entscheidungen natürlich ein ziemliches Risiko ein", sagte Stephan: "Der Druck wird damit nicht weniger, im Gegenteil."

Mit großem Tempo und mit Variabilität

Rein sportlich besteht tatsächlich kein Grund zur Sorge. In der Breite ist das deutsche Team so stark wie lange nicht mehr besetzt, im Angriff besticht die deutsche Auswahl durch ein beeindruckendes Tempo und eine große Variabilität.

"Es ist phänomenal bei uns. Egal wer reinkommt, bringt seine Leistung. Es wird immer flüssiger. Wir sind gerüstet", sagte Linkshänder Kai Häfner. Und auch Andreas Wolff, der sich wie Torhüter-Kollege Silvio Heinevetter zurzeit in Hochform befindet, wird "mit einem guten Gefühl in Kroatien auflaufen. Ich freue mich auf das Turnier und hoffe natürlich, dass es einen ähnlichen Verlauf nimmt wie vor zwei Jahren."

Das erste Spiel in der Gruppe C in Zagreb bestreitet die deutsche Mannschaft am Samstag (17.15 Uhr) gegen Montenegro. Die weiteren Gegner sind Slowenien (Montag, 15. Januar, 18.15 Uhr) und Mazedonien (Mittwoch, 17. Januar, 18.15 Uhr). Die drei besten Teams jeder der vier Gruppen erreichen die Zwischenrunde. Dabei spielen die drei besten Mannschaften der Gruppe A gegen die drei besten der Gruppe B und analog die drei besten Teams der Gruppe C gegen die drei besten der Gruppe D. Der Erste und Zweite jeder Zwischenrunden-Gruppe erreichen das Halbfinale (Freitag, 26. Januar), das Endspiel ist am Sonntag, 28. Januar (20.30 Uhr) in Zagreb.