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04. April 2009

Sozial und funktional

90 Jahre nach der Gründung des Bauhauses finden sich noch immer Bauhaus-Spuren in aktueller Architektur

Der Architekt Walter Gropius wollte etwas verändern. Ihn störte das eingeschränkte Verständnis von Kunst, die Kunst sollte mit dem Handwerk vereint werden. So schuf er gemeinsam mit einer ganzen Gruppe von Idealisten 1919 das Staatliche Bauhaus Weimar, eine Werkschule, in der abstrakte Farbstudien durchgeführt und Bühnenbilder entworfen, mit Fotografie experimentiert und eine neue Ästhetik der Architektur entwickelt wurde. Mit dem Einzug des Nationalsozialismus in die Politik 1933 wurde das Bauhaus verboten, und deren Anhänger emigrierten zum Großteil in die USA.

"Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!" Dieser Satz des Architekten Gropius leitet das Manifest des Bauhauses ein. Eine modernere Architektur, die später als Neue Sachlichkeit bezeichnet wurde, war Ziel der Studien. Kein Wunder also, dass auch nach 90 Jahren vor allem die Bauhaus-Architektur weltweit ein Begriff ist. Neben der Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, die auf jeglichen schnörkelhaften, repräsentativen Schmuck am Bau verzichtete, traten die Funktion und somit der Nutzer in den Vordergrund. "Die Architektur des Bauhauses hatte schon immer zum Ziel, Lösungen für die fundamentalen Probleme der Menschen in ihrem historischen Kontext bereitzustellen", sagt Michael Siebenbrodt, der Direktor des Bauhaus-Museums in Weimar. Unter anderem führte diese Zielsetzung zur Entwicklung des Fertighauses.

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"Verschwende keine

Energie, nutze sie!"

Rolf Disch, Architekt
Ein Haus wie in der Siedlung Törten (1926-1928) in Dessau innerhalb einer Woche aus dem Boden zu stampfen, war in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch eine Sensation. "Ging es beim Bauhaus um Gestaltung und Formfindung aus der Funktion heraus, um soziale und gesellschaftspolitische Belange, um kostengünstiges Bauen durch industrielle Fertigung sowie um Materialgerechtigkeit, so geht es heute um nicht weniger als ums Überleben der menschlichen Zivilisation", erklärt der für seine Solararchitektur international bekannte Rolf Disch aus Freiburg auf die Frage nach Einflüssen des Bauhauses.

Der US-amerikanische Fotograf Gordon Watkinson begab sich auf die Suche nach den Spuren der Bauhaus-Architektur in der Gegenwart. Er hat von Walter Gropius, Georg Muche, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe entworfene Gebäude abgelichtet und stellte sie in ein Verhältnis zu im 21. Jahrhundert errichteten Gebäuden. Beispielsweise werden die Dessauer Siedlung Törten von Walter Gropius und die Freiburger Solarsiedlung von Rolf Disch in der Ausstellung "Bauhaus zwanzig-21: Fotografien von Gordon Watkinson" des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main nebeneinander gestellt.

Zwar ist Disch kein Schüler des Bauhauses, Einflüsse der Bauhaus-Studien lassen sich aber wie bei zahlreichen anderen Architekten deutlich erkennen. Wie Gropius damals sorgt Disch heute mit der Solarsiedlung für Aufregung. Er fügt den Forderungen des Bauhauses eine weitere hinzu: "Verschwende keine Energie, sondern nutze sie!" Diese Forderung führe zum Plusenergiehaus, dem Solarhaus, das mehr Energie gewinnt als seine Bewohner verbrauchen. Im Freiburger Stadtteil Vauban wurde diese Fortschreibung der Bauhaus-Ideale umgesetzt. Mit der Architektur von Gropius und Co. hat Dischs Solarsiedlung die Systematisierung des Bau- und Konstruktionssystems gemeinsam, das modulare Entwurfskonzept aus vorgefertigten Teilen und das funktionale Bauen. Denn hier wie dort bestimmt die Funktion die Form.

So spannt auch der Fotograf Watkinson den Bogen von den Ursprüngen der Bauhaus-Architektur in den 1920er Jahren zur Umsetzung und Modifizierung der Ideen in der Architektur des 21. Jahrhunderts.

Autor: Manuela Müller