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23. Mai 2016

Die Lebensweisheiten des Bruddlers

Der bekannte Mundartautor Otmar Schnurr las auf Einladung der Muettersproch-Gsellschaft Gruppe Wiesental im Hebelhaus.

  1. Mit Geschichten aus dem Dorfleben amüsierte der Mundart-Autor Otmar Schnurr bei einer Lesung auf Einladung der Muettersproch-Gsellschaft im Hebelhaus in Hausen. Foto: Roswitha Frey

HAUSEN. Mitten aus dem Leben gegriffen sind die Geschichten, die Otmar Schnurr bei seiner Lesung im Literaturmuseum Hebelhaus in Hausen erzählte. Der beliebte Mundartautor, der als "Nepomuk der Bruddler" bekannt ist, zog als literarischer Gast der Muettersproch-Gsellschaft, Gruppe Wiesental, viele Zuhörer an. "Es ist toll, dass es so voll ist", freute sich Vorsitzende Heidi Zöllner über die große Resonanz.

Es wurde herzhaft gelacht über die ironischen Geschichten, die der sympathische Schriftsteller und Kolumnist aus dem Achertal zum Besten gab. Sein trockener Humor und seine treffend beobachteten Alltags-Satiren kamen bei den Mitgliedern und den Gästen der Muettersproch-Gsellschaft hervorragend an. Wenn Otmar Schnurr verschmitzt sagte: "Vielleicht haben Sie so etwas Ähnliches auch schon erlebt", konnten die Zuhörer nur zustimmend nicken. Denn viele der sarkastisch zugespitzten Geschichten über die Familie, die lieben Verwandten, die nervigen Feste und alltägliche Begebenheiten kamen manchem vertraut vor. Jedenfalls erntete Otmar Schnurr, dessen Markenzeichen der liebenswert-nörglerische Ton und die immer etwas missmutige Miene sind, herzliches Gelächter für seine treffsicheren Pointen.

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"Je enger ’s Tal, je enger ’s Hirn", sage man über den ganz eigenen Menschenschlag in Ottenhöfen, einem Dorf im Achertal, das ihm viel Stoff für seine hintersinnigen Satiren liefert. Vor einer Woche sei er 70 geworden, verriet Schnurr. Ein guter Anlass, um eine köstliche Geschichte über einen Geburtstag zu erzählen, der immer nach dem gleichen Muster abläuft: viel zu viele kalte Platten und viel zu viel zu trinken im Haus für Gäste, die dann doch nicht kommen, Besuche vom Vertreter der Bank und dem Pfarrer, und schlussendlich ein Viertele Riesling auf dem Balkon.

Mit lakonischem Humor und spitzer Feder amüsiert der Autor auch in der Geschichte über Senioren-Feiern der Gemeinde unter dem Stichwort "Betreutes Schunkeln": "Nicht jeder, der eine Gehhilfe braucht, ist auch langsam im Denken", murrt der Autor, der sich wünschte, dass die alten Herrschaften bei solchen Feiern mal Kaffeetassen zerdeppern und lautstark "I can’t get no Satisfaction" singen. Einen Nerv traf er mit dem selbstironischen Lamento eines wehleidigen Mannes, der aus einem Schnupfen ein melodramatisches Krankheits-Drama macht. "Kein Trost, kein Zuspruch, keine Pflege", lamentiert Schnurr in diesem "Hilferuf eines Mannes", der sich mit Zwiebelwickel und Kamillendämpfen kurieren will: "Die Frauen, die so hämisch lachen, das tut weh!", beklagte Schnurr mit urkomischer Leidensmiene.

Ebenso viele Lacher erntet er mit den Geschichten über die Geburtstagsfeier von Onkel Karl und die weihnachtlichen Kaffeekränzchen im Kreis der Verwandtschaft, die er nur widerwillig und "wütig" über sich ergehen lässt und nur mit Hilfe von Spätburgunder übersteht. Der Wein ist für ihn eine "notwendige örtliche Betäubung".

Treffend glossiert der Autor alltägliche Szenen aus der Familie und dem Dorfleben in Ottenhöfen und bringt viel Verständnis für das Allzumenschliche und die menschlichen Schwächen und Eigenheiten auf. Die missglückten Versuche, seiner Frau als Geschenk einen Schal zu häkeln, beschreibt Schnurr ebenso ironisch und mit sympathisch-bärbeißigem Humor wie ein psychologisches Fortbildungsseminar für Lehrer.

Als studierter Theologe, der 40 Jahre lang Religionslehrer an Berufsschulen war, las Schnurr auch eine hintergründige Geschichte über die letzten Dinge. Darin beschreibt er das komische Gefühl, das ihn beschlich, als er hinter einem Leichenwagen herfuhr. Irgendwann schaffte er es, "den Tod zu überholen", und geriet prompt in eine Polizeikontrolle. Dass viel Lebenskluges, Nachdenkenswertes und Tiefsinniges in den spottlustigen Geschichten des "Bruddlers" steckt, hörte man an diesem Abend öfter.

Es gebe zwei Dinge, die er gar nicht leiden könne und so lange wie möglich hinausschiebe: Zahnarztbesuch und Hosenkaufen. Schnurrs Schilderungen vom Kampf in der Umkleidekabine mit der Hose, die obenrum passt, aber einen halben Meter zu lang ist, sind von erfrischendem Witz.

Ebenso pointiert schildert er die Erlebnisse beim sündteuren Essen im Sternelokal oder beim Opernbesuch. Für Erheiterung sorgte die Geschichte über ein unliebsames Geschenk der Tante: das Gemälde eines röhrenden Hirsches, das nur dann übers Sofa gehängt wird, wenn die Tante zum Besuch anrückt. Mit einer nachdenklich stimmenden Geschichte zum Thema Vorurteile und Toleranz beendete Otmar Schnurr seine begeisternde Lesung. Da erzählte er, wie er vor 50 Jahren als junger Mann ein Zugabteil mit fünf italienischen Gastarbeitern teilte, die ihm spontan Brot, Wein, Wurst anboten und ihn mit "Ciao, Amigo" verabschiedeten: eine Geschichte, aus der man viel lernen kann.

Autor: Roswitha Frey