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25. Oktober 2011

Solo für einen Schauspieler

Besuch vom "Faller Karl": Schauspieler Peter Schell glänzte im Hebelhaus als gewitzter Entertainer / Ausverkaufte Vorstellung.

HAUSEN. Wäre der Schauspieler Peter Schell am Sonntagabend im Hebelhaus im karierten Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, in Arbeitshose und Gummistiefeln erschienen, dann hätte man ihn sofort als den Bauern Karl aus der Fernsehserie "Die Fallers" erkannt. Wer sich dieses Bild bei seiner Vorstellung im Hebelhaus erhoffte, musste enttäuscht sein. Denn da schritt am Sonntag kurz nach 20 Uhr ein schmächtiger, fast asketisch wirkender Mann im eleganten Anzug mit lilafarbener Fliege ans Rednerpult.

"Tatsächlich, das ist er", wird in den Besucherreihen vereinzelt geflüstert. Man hat ihn also doch erkannt. Erst zaghaft, dann immer stärker werdend brandet Beifall auf. Peter Schell mustert mit einem freundlichen Lächeln sein Publikum und gewinnt es auf Anhieb für sich. Er habe schon vor einem Monat zusammen mit Helmut Lang, dem Vorsitzenden des Fördervereins Hebelhauserweiterung, die Museumsräume besichtigt und freue sich riesig, vor so vielen Besuchern hier auftreten zu dürfen, sagt er. Überrascht sei er dennoch, dass man sich so zahlreich die zum gleichen Zeitpunkt im Fernsehen ausgestrahlte Folge der Faller-Story entgehen lasse, meint er augenzwinkernd. Er würde zur Auflockerung gerne zuerst Fragen beantworten, bietet er an, doch die Fragen bleiben zunächst aus. "Dann werde ich das erzählen, was man mich eventuell fragen wollte", sagt er und legt los.

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Seit 17 Jahren laufe nun die Serie mit den Fallers als Dauerbrenner, obwohl schon die erste Folge in Kommentaren von Journalisten gnadenlos zerrissen wurde und man ihr ein frühes Aus prophezeite. Seine Bewerbung für die Rolle des Bauern Karl sei ganz schön spannend gewesen. Als gebürtiger Schweizer, der sieben Jahre an Theatern in der damaligen DDR engagiert war, und das Vorsprechen in Baden-Baden mit einem Kuddelmuddel aus Schwyzerdütsch und Hochdeutsch bewältigte, habe er sich geringe Chancen eingeräumt.

Aber bekanntlich habe es ja geklappt, obwohl er damals noch ein Engagement am Theater in Nordhausen zu erfüllen hatte. "Zum Glück", seufzt eine Dame in der fünften Reihe. Dann darf das Publikum über seine musikalische Leistung auf dem Obertonblasinstrument Didgeridoo sowie einem ganz profanen Kunststoffrohr staunen. Dass er auch ein glänzender Rezitator ist, beweist Peter Schell eindrucksvoll beim Vortrag mehrerer Balladen und Gedichte. Seine Augen blitzen, als er die Farbenpracht des in eine Fliege verliebten Käfers aus dem Gedicht "Die Launen der Verliebten" von Heinrich Heine fast sichtbar werden lässt und den Abflug des Käfers mit kreisenden Handbewegungen untermalt.

Von Schells Wortgewalt beeindruckt rutscht das Mikrofon trotz mehrerer Korrekturversuche immer wieder nach unten. Der Künstler nimmt es gelassen und passt sich den unterschiedlichen Positionen des Mikros an. Eine Zuhörerin möchte wissen, wie er als Schweizer in die DDR gekommen sei. "Mit dem Zug", antwortet er humorvoll, sagt dann, dass ihn die Qualität des Theaters fasziniert habe und die Theater der einzige Ort gewesen seien, wo DDR-Bürger unzensiert mit den Schauspielern diskutieren konnten.

Köstlich die Offenbarungen über vererbte Unpässlichkeiten: Genau wie sein Vater würde er bei zu engem Hemdkragen das Kinn reflexartig verdrehen, weil ihm sonst der Kragen platze. Auch das hörbare Aufstoßen, ein "Glucksi", der den Körper durchschüttelt, sei eine leidige Erbangelegenheit und erfordere kein entschuldigendes Pardon. Auch die Leiden an manchen Drehtagen auf dem Fallerhof schilderte er drastisch. So werde ihm als Vegetarier zugemutet, in der Rolle des Bauern Karl in unzähligen Kameraeinstellungen den Schwarzwälder Speck genüsslich zu probieren und in den höchsten Tönen zu loben.

Mit Auszügen aus seinem unveröffentlichten Roman "Aufzeichnungen eines Serientäters" und einer Autogrammstunde endet der Vortragsabend.

Autor: Edgar Steinfelder