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02. Juli 2012 07:57 Uhr

Heilmittel oder Humbug

Helfen alternativmedizinische Therapien gegen Krebs?

Diagnose Krebs: Mehr als 60 Prozent aller Tumorpatienten in Deutschland greifen auf komplementäre Heilmethoden zurück. Aber was können sie bei Krebs tatsächlich ausrichten?

  1. „Wunder sind Einzelfälle“ Foto: dpa

  2. Roman Huber Foto: Privat

Sind sie "Heilmittel oder Humbug", so der Titel der nächsten Freiburger Abendvorlesung zum Thema Krebs, die diese Frage zu beantworten versucht. BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer sprach vorab mit einem der Referenten: Roman Huber leitet das Uni-Zentrum Naturheilkunde und ist Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Naturheilverfahren.

BZ: Herr Dr. Huber, können Meditation, Mistel oder andere Mittel aus der Komplementärmedizin einen Krebs heilen, wenn die Schulmedizin nicht mehr weiter weiß?
Huber: Wenn die Diagnose Krebs gestellt wird, haben sich häufig schon viele Milliarden Tumorzellen angesammelt. Nach meiner Erfahrung kommen wir in der Therapie um schulmedizinische Verfahren wie Operation, Bestrahlung, Chemotherapie nicht herum – immer abgestimmt auf den jeweiligen Einzelfall. Aber mit der Komplementärmedizin können wir den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Patienten verbessern.

"Die Gräben, die zwischen Schul- und Komplementärmedizin bestanden haben, sind heute deutlich flacher."

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BZ: Was können komplementärmedizinische Verfahren bieten, was die Schulmedizin nicht hat?
Huber: Sie können bei Patienten "Stimmigkeit" erzeugen, die Überzeugung also, dass es so für sie stimmt. Damit können sie ihnen das Gefühl vermitteln, dass man sich wirklich auf sie einlässt mit all ihren Sorgen und Nöten und danach sehr individuell darauf abgestimmt eine passende Behandlung plant. Das führt zu Vertrauen und oft auch dazu, dass der Patient eher bereit ist, die konventionelle Therapie auf sich zu nehmen.

BZ: Was können Sie und Ihre Kollegen den Patienten genau anbieten?
Huber: Von der Beratung zu Ernährung und Bewegung über Akupunktur bis zu Achtsamkeits- und Entspannungsübungen oder spirituelle Fragestellungen, die für manche Patienten sehr wichtig sind. Wir beraten differenziert zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminen und Spurenelementen, und wir kennen eine Reihe von pflanzlichen, auch homöopathischen Mitteln, die wir unterstützend einsetzen: Sie können Angst, Unruhe oder Nervosität dämpfen, Hitzewallungen bei Hormontherapien oder die Übelkeit nach einer Chemotherapie mildern. Es kommt immer auf die Art des Tumors, das Stadium der Erkrankung, die gerade anstehende onkologische Therapie und natürlich den Patienten selbst an, um herauszufinden, was im Einzelfall hilfreich ist. Eine Misteltherapie verbessert zum Beispiel nach wissenschaftlichen Studien die Lebensqualität von Krebspatienten dann am ehesten, wenn sie parallel zur Chemotherapie mit deren toxischen Nebenwirkungen eingesetzt wird, weniger in der Zeit nach einer Chemotherapie.

BZ: Man kann also der Naturheilkunde nicht generell vorwerfen, ihre Wirkungen seien wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Huber: Es gibt inzwischen auch in der Onkologie einige Studien zu Naturheilmitteln, zur Akupunktur oder zu Entspannungsverfahren, die deren Wirksamkeit zeigen. Eine Placebo- kontrollierte Studie der Strahlenklinik und der Palliativmedizin an unserer Uniklinik kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die hochdosierte Gabe eines Weihrauchpräparates das Hirnödem nach der Bestrahlung von Hirnmetastasen reduzieren kann.

BZ: Die Zeiten, in denen komplementärmedizinische Verfahren den Medizinern als Schmuddelkinder der Zunft galten, scheinen vorbei zu sein....
Huber: Dass es seit 14 Jahren am Universitätsklinikum Freiburg eine Ambulanz und eine Forschungseinrichtung für Naturheilkunde gibt und zunehmend Lehrstühle in Deutschland eingerichtet werden, deutet darauf hin, dass die Gräben, die früher sicher mal bestanden haben, heute deutlich flacher sind. Auch in der Krebstherapie wird die Komplementärmedizin zunehmend berücksichtigt. In wöchentlichen interdisziplinären Fallbesprechungen des Krebszentrums Freiburg etwa können Patienten von Ärzten mit der Frage vorgestellt werden, welche komplementärmedizinischen Verfahren sinnvoll sind.

BZ: Wie steht es mit deren Risiken und Nebenwirkungen?
Huber: Das Risiko, dass Naturheilmittel direkte Nebenwirkungen haben und es dem Patienten deswegen schlechter geht, kann als eher gering eingestuft werden. Auch wenn es einzelne gefährliche Therapien gibt wie bestimmte radikale Diäten, bei denen die Patienten rasch an Gewicht verlieren. Größer allerdings ist die Gefahr, dass etwa konventionelle Therapien wie Chemo oder Bestrahlung nicht mehr so gut wirken, wenn beispielsweise gleichzeitig hochdosierte Vitamine oder Antioxidantien verabreicht werden. Solche Interaktionsrisiken müssen wir immer mit berücksichtigen.

BZ: Im Internet werden Krebspatienten geradezu überflutet mit komplementärmedizinische Heilsangeboten. Eine gefährliche Versuchung?
Huber: Auf eigene Faust zu agieren, kann hier ziemlich schief gehen. Es ist sinnvoll, den behandelnden Ärzten gegenüber alles offen zu legen, was man schluckt, und mag es noch so harmlos daherkommen wie Vitamine als Nahrungsergänzungsmittel. Manche Patienten nehmen unreflektiert irgendwelche Präparate ein, deren Wechselwirkungen sie nicht kennen. Man muss aber wissen, dass zum Beispiel Johanniskraut oder Grapefruitsaft in bestimmten Dosen die Effektivität von Chemotherapeutika herabsetzen können. Ich hatte schon mal einen Patienten mit Prostatakarzinom, der von einem Heilpraktiker ein Präparat mit männlichen Hormonen bekommen hat. Was ja völlig verkehrt ist, weil man weiß, dass gerade davon der Tumor zum Wachsen angeregt wird.

"Es gibt sehr viele unseriöse Angebote."


BZ: Das Geschäft mit der Hoffnung blüht: Es gibt Patienten, die hier ein Vermögen ausgeben. Wie können Patienten erkennen, was seriös ist und wann sie einem Scharlatan aufsitzen?
Huber: Sie haben vollkommen recht: Es gibt sehr viele unseriöse Angebote. Oft ist der Preis ein Hinweis: Mittel, die sehr teuer und wissenschaftlich noch nicht erforscht sind, aber behaupten, unterschiedslos gegen alle Tumoren zu helfen und das alles ohne Nebenwirkungen – wenn man auf so eine Kombination trifft, muss man auf jeden Fall sehr hellhörig sein. Allein ein unverhältnismäßig hoher Preis ist ein Zeichen, dass es um was anderes geht, als dem Patienten zu helfen.

BZ: Welche Rolle spielen Glaube, Liebe, Hoffnung in der Krebstherapie? Könnte es zuweilen nicht sogar bei einer Tumorkrankheit sinnvoll sein, ein Placebo zu verabreichen – also irgendetwas, das den Glauben an eine Heilung verstärken kann?
Huber: Überzeugungen und Placeboeffekte spielen immer irgendwie eine Rolle dabei, wie ein Mensch mit seiner Krebserkrankung zurechtkommt. Auch seine Lebenserfahrung im Umgang mit Naturheilmitteln. Wer sich in anderen Zusammenhängen damit schon erfolgreich hat behandeln lassen, wird auch in der Krebstherapie aufgeschlossen sein für komplementäre Heilmethoden. Für viele Patienten ist es auch eine wichtige Motivation, dass sie selbst etwas tun können, wenn sie nach Alternativen Ausschau halten – man muss dazu gar nicht einmal unbedingt mit der Schulmedizin unzufrieden sein. Wir würden aber niemals einfach ein Placebo einsetzen nur mit dem Ziel, Hoffnung zu wecken. Wir bieten ausschließlich Behandlungen an, von denen wir auch selbst überzeugt sind, da sie einen plausiblen Wirkmechanismus haben, in wissenschaftlichen Studien getestet wurden oder nach der Erfahrung helfen.

BZ: Man hört immer wieder mal von Wundern: Bei Patienten, die die Medizin schon aufgegeben hatte, ist der Tumor plötzlich verschwunden. Welchen Anteil hat die Komplementärmedizin daran? Lassen sich solche Wunder gezielt herbeiführen?
Huber: Wunder gibt es immer wieder in der Onkologie, auch wenn das selten vorkommt. Wir kennen tatsächlich Fälle von sehr schweren und an sich unheilbaren Tumoren, die sich ganz überraschend wieder zurückbildeten. Man fragt sich natürlich, woran es gelegen hat, wenn man schon mal Zeuge solch spektakulärer Verläufe war: Schicksal, ein medizinischer Eingriff oder vielleicht doch die Einstellung des Patienten oder alles zusammen? Das ist schwer zuzuordnen. Es sind wirklich Einzelfälle, die sich nicht auf die Masse der Krebskranken übertragen lassen. Ich möchte darauf auch gar nicht näher eingehen, um keine falschen Erwartungen zu wecken.

Veranstaltungstipp: "Heilmittel oder Humbug? Was können komplementäre Heilmethoden bei Krebs ausrichten?", dritte Abendvorlesung der Universitätsklinik Freiburg in Zusammenarbeit mit der Badischen Zeitung zum Thema Krebs mit den Referenten Dr.Roman Huber vom Zentrum Naturheilkunde der Uniklinik Freiburg, Dr. Marc Azémar, Oberarzt an der Freiburger Klinik für Tumorbiologie, und Professor Hartmut Bertz von der Inneren Medizin I der Uniklinik. Zeitpunkt der Veranstaltung: Dienstag, 3. Juli, 19.30 Uhr, Ort: Hörsaal der Universitätsfrauenklinik, Hugstetter Straße 55

Autor: Anita Rüffer