Im Andachtsraum des Eigentums

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 23. Mai 2018

Theater

BZ-INTERVIEW mit Ilia Papatheodorou zum Basler Gastspiel des Performance-Kollektivs She She Pop.

"Oratorium" nennt sich die neue Produktion des Berliner Kollektivs She She Pop. Die im Februar am HAU in Berlin uraufgeführte Performance kreist um das Thema Eigentum und wird laufend als Work in Progress an die lokalen Gegebenheiten der Aufführungsorte angepasst – unter anderem mittels des aus regionalen Akteuren gebildeten Chores der Delegierten. Von Donnerstag an gastieren She She Pop mit "Oratorium" in der Kaserne Basel. Michael Baas hat bei Ilia Papatheodorou, einer Gründerin der Gruppe, nachgefragt.

BZ: Frau Papatheodorou, "Oratorium" erhebt laut der Ankündigung der Kaserne den Anspruch, "das Geheimnis des Eigentums zu lüften". Was ist damit gemeint, können Sie das erklären?

Papatheodorou: Wir stehen mit unserem eigenen Biografien auf der Bühne, nicht in einer Rolle. Das bedeutet in diesem Fall, dass wir unsere ökonomischen Biografien preisgeben – genauso wie der Chor der Delegierten. Unter dem Strich ergibt das im Idealfall ein ökonomisches Gruppenpanorama, das auch das Publikum spiegelt.

BZ: Das Thema Eigentum ist im Prinzip aber eine olle Kamelle. Wieso rückt She She Pop den Stoff ins Blickfeld? Hat sich über ihr Altern, immerhin besteht die Gruppe inzwischen seit 25 Jahren, die Situation ergeben, dass Eigentum auch biografisch wichtiger geworden ist?

Papatheodorou: Das Alter spielt eine gewisse Rolle. Andererseits wurde das Thema für uns schon 2012 virulent, und zwar bei "Schubladen", der Begegnung von west- und ostdeutschen Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden. Das Stück erzählte 40 Jahre deutsch-deutsche Geschichte und für uns, die westdeutsch sozialisiert sind, war das ein erster Augenöffner: In unserer Generation erbt der Teil, der im Osten aufgewachsen ist, nichts, während viele Westdeutsche ein Erbe um Rücken haben, das sie stärkt. Insofern gärt das Thema künstlerisch bereits eine Weile, aber es gärte tatsächlich auch biografisch.

BZ: Die Produktion ist ein breit angelegtes Recherchestück, das auf Interviews mit Betroffenen basiert, mit Alleinerziehenden, Einwanderern, Mietern, Hauseigentümern. Gibt es eine inhaltliche Klammer, eine Kernaussage?

Papatheodorou: "Oratorium" geht zunächst davon aus, dass die zufällig anwesende Gemeinschaft im Theatersaal repräsentativ ist für die Stadt, in dem Fall also für Basel. Diese Gemeinschaft vergewissert sich erst ihrer selbst. Eine Art roter Faden ist dann die Fabel von der Entmietung und der Verdrängung. Allerdings gilt es, diese zu übertragen, metaphorisch auszulegen. Dann wird klar, wie Leute übervorteilt werden, wie Aneignungsprozesse laufen. Zu Beginn gibt es zudem einen Gesang, den Katechismus vom Eigentum, der die Gesetzeslage ausbreitet. Brisant an dem Stück ist, dass nicht über politische Haltungen gesprochen wird. Ich proklamiere nicht meine politische Sicht, sondern spreche als Vertreterin einer ökonomischen Position. So werden unterschiedliche Ausgangslagen sichtbar und der Zwang, kämpfen zu müssen oder auch nicht, weil man weich gebettet ist. Solche Polarisierungen leuchten die Verwerfungen in unserem Sozialstaat aus.

BZ: Es geht also weniger um eine theoretische Kapitalismuskritik als um praktische Erfahrungen, um Emotionen, die dramaturgisch im Stil der Lehrstückidee von Bertolt Brecht aufbereitet werden?

Papatheodorou: Wir kommen aus einer experimentellen Theaterpraxis, in der wir uns stark konfrontieren mit den Zuschauern. Statt auf eine dramatische Textvorlage zurückzugreifen, streben wir danach, die Situation mit den Zuschauern im Hier und Jetzt der Aufführung akut zu gestalten.
BZ: Dennoch ist das weder Improvisations- noch Mitmachtheater oder?

Papatheodorou: In der Tat haben wir ein richtiges Script. Dennoch sind die Zuschauer zum Beispiel aufgefordert, spontane Sprechchöre zu bilden. Und im Endeffekt ist das Chorsprechen in diesem Stück auch ein Bekenntnis.

BZ: Tatsächlich spielt das Publikum eine wichtige Rolle. Funktioniert die Produktion auch, wenn sich dieses den Aktionen verweigert und die Texte nicht spricht?

Papatheodorou: Das haben wir noch nie erlebt. Aber wir sind gespannt, wie sich das in Basel entwickelt. Wir wissen, dass man in der Schweiz reservierter agiert als hierzulande. Aber diese Herausforderung gehört zu unserer Arbeit und wir finden es spannend, wie sich die Chöre anhören, wie vollmundig Positionen vertreten werden. Auch hierzulande erleben wir da Unterschiede. In München ist der Großteil der Besucher finanziell deutlich besser situiert als in Berlin. Entsprechend klingt der Chor in den Münchner Kammerspielen wenig lustvoll und laut, ist weniger bereit zu dieser Form von Outing – möglicherweise, weil man gespaltener ist und die Scham darüber akut wird.


BZ: Der Titel wirft ebenfalls Fragen auf. Oratorien sind geistlich inspirierte Vertonungen. Gibt es da einen Link?

Papatheodorou: (lacht) Die Assoziation, dass wir alle den Gott des Eigentums haben, steht natürlich im Raum. Aber das Oratorium ist eben nicht nur ein musikalisches Genre, sondern auch ein Andachtsraum. Tatsächlich wird das Theater hier zum Andachtsraum, in dem vielstimmige Sprechchöre, Gruppen, aber auch Einzelstimmen hörbar werden und interagieren. She She Pop-Stücke brauchen, finde ich, immer ein gesundes Maß an Selbstironie und vor allem Distanz. Letztlich kommt man da nur durch – sei es als Zuschauer, sei es als Darsteller – wenn man eine gewisse Distanz dazu behält.


BZ: Wie kommt das Basler Lokalkolorit ins Stück?

Papatheodorou: Die Fabel von der Entmietung wird angepasst, ebenso der Katechismus. In Basel wird nicht die Berliner Fabel erzählt, sondern einer die mit Vor-Ort-Recherchen angereichert wurde. Auch der Chor der Delegierten ist ein lokaler und wurde mit Hilfe der Kaserne zusammengestellt nach Kriterien, die dafür sorgen, dass sowohl Habende wie auch Nichthabende darunter sind.

Aufführungen: 24. bis 26. Mai, jeweils 20 Uhr, Kaserne Basel