Altes Handwerk

Im Schuttertal hören die letzten Strohschuhflechter auf

Beate Zehnle-Lehmann

Von Beate Zehnle-Lehmann

Di, 13. Februar 2018 um 15:05 Uhr

Schuttertal

25 Jahre flechteten sie gemeinsam als die letzten Strohschuhflechter im Schuttertal Strohschuhe: Rosina und Mathias Ohnemus. Nun geben sie das alte Handwerk auf – aus Altersgründen und weil sie keinen Nachfolger finden.

Rosina und Mathias Ohnemus sind die letzten Strohschuhflechter im Schuttertal. Generell gibt es nicht mehr viele Menschen, die das alte Handwerk noch beherrschen und ausüben. Denn die Arbeit ist sehr aufwendig, und die dafür benötigten Materialien, die man früher bei den Bauern während der Ernte aufgesammelt hat, werden heute maschinell eingefahren. Das Ehepaar Ohnemus gibt die traditionelle Flechtkunst nun aus Altersgründen auf – eine Nachfolge gibt es nicht.

Das Strohschuhflechten ist ein aussterbendes Handwerk, das einst wie so viele andere alte Handwerkskünste in ländlichen Gegenden an die nächste Generation weitergegeben wurde. So war es auch bei Rosina Ohnemus, die die Herstellung von Strohschuhen von ihrem Vater Josef Göppert gelernt hatte – und er wiederum von seinem Vater.

Ehemann Mathias Ohnemus fand auch Gefallen daran, und so flochten die Beiden gemeinsam seit über 25 Jahren unzählige Unikate der traditionellen Fußbekleidung. Diese lange Kette wird wohl an dieser Stelle unterbrochen, wenn nicht gar ganz gerissen. Denn das Handwerk findet nur schwer Nachwuchs, ist es doch sehr zeit- und arbeitsaufwendig. Auch der Wandel der Zeit und der Ansprüche spielt hier wohl eine Rolle.

Vom Gebrauchsgegenstand zum Narrenhäs

War der Strohschuh einst ein funktionaler Gebrauchsgegenstand der Landbevölkerung im Schwarzwald, der aus den Materialien hergestellt worden ist, die den Bauern zur Verfügung standen, so dient er heute als Hausschuh oder gehört zur Ausstattung eines Narrenhäs. Zwar gebe es weiterhin eine große Nachfrage besonders bei den Narrenzünften, erzählt Rosina Ohnemus. Dennoch müssten sie aus Altersgründen ihre Tätigkeit jetzt aufgeben: "Die Hände machen nicht mehr mit. Und insgesamt ist die Arbeit bisweilen zu mühselig", sagen die beiden 83- Jährigen. "Wir wissen, dass damit ein Stück Heimatgeschichte stirbt, denn im Schuttertal gibt es niemanden mehr, der das Strohschuhflechten beherrscht oder sich die Mühe macht es zu lernen."

Bis ein fertiger Strohschuh von Rosina und Mathias Ohnemus den Fuß eines Kunden ziert, ist einiges Wasser die Schutter hinab geflossen. Denn das Paar fertigt die Schuhe noch genau so an wie früher, was bedeutet, dass der Herstellungsprozess mit dem Einsammeln des Maislaubs beginnt. Dafür gehen die Ohnemusens zu einem Bauern nach Münchweier, nachdem der Mähdrescher das Welschkorn geerntet hat. Die nicht zerstörten Blätter des Maiskolbens, die übrig bleiben auf dem Feld, werden aufgelesen. "Das ist mittlerweile die reinste Sträflingsarbeit für uns", sagt Rosina Ohnemus und lacht – aber nicht ohne einen gewissen Ernst.

Fünf Meter Zopf für Schuhgröße 39

Daheim werden die Blätter auf der Terrasse getrocknet und anschließend in pingeliger Arbeit von Fäden und Haaren befreit. Zur weiteren Verarbeitung werden sie nochmals genässt und zum Flechten geteilt. Je nach Schuhgröße wird in entsprechender Breite dann der Zopf geflochten. Für Schuhgröße 39 benötige man rund fünf Meter Zopf, erklärt Mathias Ohnemus. Der Strohstrang wird danach auf eine mit Stofffutter umlegte Holzleiste aufgenäht; die Gummisohle – aus dem Schlauch eines Lkw-Reifens – näht er mit dem Gestänge eines Regenschirms auf: "Die Stänge sind perfekt als stabile Nadel und haben schon eine Öse", sagt er. Am Ende des langen Arbeitsprozesses wird der Schuh um den Rand des Einschlupfs noch mit buntem Stoff verziert.

So entsteht jedes Strohschuhpaar als Unikat. "Es tut uns natürlich weh, aber wir können nicht weitermachen. Wenn sich jemand finden würde, der die Tradition lernen will, wären wir bereit unser Wissen weiterzugeben", sagt das Paar.

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