Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
01. Februar 2012 19:29 Uhr
Kurioser Vorschlag
In Müllheim könnte eine Seilbahn Bahnhof und Kernstadt verbinden
Ein halbstündiger Spaziergang trennt den Müllheimer Bahnhof von der Innenstadt. Wer die Reisezeit minimieren möchte, steigt entweder in den Bus oder schwingt sich aufs Fahrrad. Auf der Suche nach Verbesserungen ist CDU-Gemeinderat Nils Höck auf urbane Seilbahnen gestoßen.
Morgens um kurz vor acht am Bahnhof in Müllheim: Als der Regionalexpress aus Freiburg eintrifft, ist der Bahnsteig innerhalb weniger Sekunden bevölkert. Schüler und Berufstätige strömen aus dem Zug und gehen schnellen Schrittes auf eine Station zu. Beladen mit Rucksäcken, Aktentaschen und Kaffeebechern steigen sie dort in Achtergruppen in die Gondeln der Seilbahn, die sie in die Innenstadt bringt. Kaum haben sich die Türen einer Gondel geschlossen, öffnen sich auch schon die der nächsten. Insgesamt 30 Gondeln verkehren auf der 2,3 Kilometer langen Strecke zwischen Bahnhof und Bürgerhaus. In Stoßzeiten transportieren sie pro Stunde bis zu 1000 Menschen von A nach B.
Gibt’s nicht? Stimmt. Bislang existiert diese Seilbahn nur in der Fantasie von Nils Höck. Doch der Müllheimer CDU-Gemeinderat träumt da nicht etwa den Traum eines Seilbahnbegeisterten. Er denkt vielmehr darüber nach, wie sich die zerrissene Infrastruktur des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Müllheim verbessern ließe. Denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt und damit weit weg vom Stadtzentrum. In den Randzeiten nimmt die Zahl der Busverbindungen zwischen Bahnhof und Kernstadt merklich ab. Auch die Vertaktung einzelner Linien ist nicht immer optimal. Die Wartezeiten ließen sich also reduzieren und der Reisekomfort erhöhen. Das sagen zumindest die Kritiker des derzeitigen ÖPNV-Angebots.
Werbung
Schlichtweg einen optimierten Fahrplan und zusätzliche Busse auf den Linien zu fordern, ist in diesem Zusammenhang sicherlich die naheliegendste Forderung. Nils Höck suchte jedoch nach einem alternativen Nahverkehrskonzept und stieß bei seiner Recherche auf urbane Seilbahnen. Sie führen zwar ein Schattendasein zwischen Bussen und Straßenbahnen; Beispiele lassen sich aber durchaus finden. Als innerörtliche Verkehrsmittel sind etwa in Tschiatura (Georgien), Manizales (Kolumbien) und Caracas (Venezuela) Seilbahnen im Einsatz.
Doch warum sollte man geschätzte zwölf Millionen Euro investieren, um in Müllheim auf einer Strecke von 2,3 Kilometern Masten zu errichten, in mindestens zehn Metern Höhe Stahlseile zu spannen, drei Stationen zu bauen und 30 Gondeln verkehren zu lassen? Nils Höck listet gleich mehrere Vorteile auf: Da die Seilbahn während ihrer Betriebszeit ständig in Bewegung ist, entfallen Wartezeiten. Nur wenn viele Pendler zur gleichen Zeit in eine Richtung fahren, könnte es sich kurz stauen.
Vom Straßenverkehr würde sich die Bahn hingegen völlig unbeeindruckt zeigen. Ob sich Autos und Busse an der Ampel stauen oder nicht: Die Seilbahn führe stets in acht Minuten vom Bahnhof zum Bürgerhaus. Sie ließe sich absolut barrierefrei realisieren und würde im Vergleich zu heutigen Bussen mit Verbrennungsmotoren deutlich weniger Lärm erzeugen. Von einem europäischen Seilbahnhersteller hat Höck schon ein erstes Angebot vorliegen. Darin werde mit einer Kapazität von 1000 Personen pro Stunde und Richtung geplant, erklärt er.
Auf weiten Teilen der Strecke könnte man die Seilbahn zumindest aus Müllheimer Perspektive nicht sehen: Sie würde hinter dem Hachberg verschwinden. Im Bereich des Bürgerhaus-Parkplatzes und in der Eisenbahnstraße wären die Gondeln und Stahlseile hingegen unübersehbar.
Höck verspricht sich von der Bahn neben einem verbesserten Nahverkehrsangebot positive Effekte für die Stadtentwicklung. Er glaubt, dass die Geschäfte in der Wilhelmstraße und der Hebelstraße sowie im östlichen Teil der Hauptstraße profitierten. Zudem würden nach Höcks Ansicht diverse Wohngebiete durch die bessere Anbindung an den ÖPNV aufgewertet.
Um dazu konkrete Aussagen treffen zu können, müsste das Seilbahnkonzept erst einmal ernsthaft diskutiert und von Fachleuten durchgerechnet werden. Ob es jemals so weit kommt, ist fraglich. Bislang wurde die Idee nur in einer Sitzung des Arbeitskreises "Zukunft des ÖPNV in der Region Müllheim" vorgestellt. Weil die Gruppe nichtöffentlich tagt, möchte Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich den Vorschlag nicht kommentieren. Detlef Schulz Tavares, der für die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz (Agus) Markgräflerland im ÖPNV-Arbeitskreis sitzt, zeigt sich auskunftsfreudiger: "Ich finde diese Idee der Gondelbahn ganz faszinierend", sagt er. Die Streckenführung hält er aber für unglücklich, weil die Bushaltestellen dazwischen nicht mehr bedient würden.
Aus den Fraktionen des Gemeinderats kommt ein geteiltes Echo: Martin Richter (Alternative Liste Müllheim) und Ulrich Menny (SPD) finden es gut, dass mit dem Vorschlag eingefahrene Bahnen verlassen werden. Sie sind jedoch skeptisch, ob der Vorschlag zielführend ist. In den Augen Richters blieben zwischen den Stationen zu viele Menschen unversorgt. Menny regt an, öffentlich darüber zu diskutieren: "Das ist ein typisches Projekt für die frühzeitige Bürgerbeteiligung", sagt er. Gerhard Engler (CDU) möchte den Vorschlag nicht kommentieren, weil er innerhalb der Fraktion noch nicht diskutiert wurde. Auch Michael Nutsch (FWG) will sich zunächst eingehender mit dem Konzept beschäftigen.
Autor: Jens Klein


