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12. Februar 2010
Ins Gespräch kommen
Beim Projekt "Pro Eto", das auch in Tiengen stattfindet, geht es um den interkulturellen Dialog.
TIENGEN. "Pro Eto" heißt ein Projekt des Bildungsinstituts Pro Phila, in dem es um den interkulturellen Dialog mit jungen Deutschen aus Russland und anderen Ländern geht. Im Tunibergstadtteil Tiengen hat man damit gute Erfahrungen gemacht.
Es ist noch nicht lange her, dass Klagen über Belästigungen durch Jugendliche die Ortschaftsräte am Tuniberg bewegten. Eine Rolle spielte dabei auch, dass Jugendliche, deren Familien aus anderen Ländern stammen, sich im neuen Umfeld oft nicht akzeptiert fühlten.Tiengens Ortsvorsteherin Ruthild Surber und ihre Ratskollegen können sich nun über günstigere Nachrichten freuen: Jugendliche aus anderen Kulturkreisen fühlen sich in ihrem Stadtteil ausgesprochen wohl und sind unter anderem sehr dankbar für die Einrichtung des Jugendhauses in einer Hütte beim Dreschschopf.
Herausgefunden haben das Elza Belousova, Denise Komor und Kateryna Frolova. Die drei Studentinnen kommen seit Oktober jeden Freitagabend im Auftrag von Pro Phila – einer Institution, die mit der Beratungsstelle Pro Familia verbunden ist – ins Tiengener Jugendhaus. Hintergrund ist das 2007 gestartete Modellprojekt "Pro Eto", das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert und von der Pädagogischen Hochschule Freiburg wissenschaftlich begleitet wird. Die drei wollen ins Gespräch kommen mit den jungen Leuten, ihnen aber auch gezielt Fragen stellen, etwa darüber, welche Probleme sie haben, ob sie für sich berufliche Perspektiven sehen und wie sie ihren Weg in Deutschland bisher gegangen sind. Dabei sollen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeregt werden, ihre Situation zu reflektieren, so der Projektleiter Gerhard Tschöpe von Pro Phila: "Es geht darum, den Blick zu weiten und Chancen zu erkennen für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit."
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So wie Elza Belousova, Denise Komor und Kateryna Frolova regelmäßig das Tiengener Jugendhaus aufsuchen, kommen andere Interviewer in die Jugendzentren in Landwasser, Weingarten, Rieselfeld und Hochdorf. Die Auswahl der Stadtteile ist kein Zufall. Die Interviewer waren in ganz Freiburg unterwegs und haben die Orte gesucht, an denen sich junge Spätaussiedler gern aufhalten.
In Tiengen waren Elza Belousova, die aus Georgien stammt und in Freiburg Russisch und Deutsch studiert, Kateryna Frolova aus der Ukraine (Studienfächer: Soziologie, Psychologie und Gender Studies) und die angehende Erziehungswissenschaftlerin Denise Komor aus Freiburg von der großen Offenheit und Herzlichkeit überrascht, mit der sie aufgenommen wurden. Das sei nicht überall so. "In Landwasser etwa war es viel schwieriger, an die Jugendlichen heran zu kommen", erzählt Kateryna Frolova, die dort ebenfalls tätig ist.
Ins Tiengener Jugendhaus kommen beispielsweise die Geschwister Philipp, Albert, Lukas und Ilona Ballardt, deren Eltern aus Kasachstan stammen und vor zwölf Jahren von Betzenhausen nach Tiengen gezogen sind. Die vier haben sich schon beim Bau der Jugendhütte engagiert und setzen sich in hohem Maß dafür ein, dass hier alles seine Ordnung hat. "Ich fühle mich super wohl hier im Stadtteil und würde gerne auch in Tiengen oder Opfingen wohnen, wenn ich selbst eine Familie habe. Die Leute sind sehr nett und aufgeschlossen", sagt der 19-jährige Albert. Beim Pro-Eto-Projekt hat er die Erfahrung gemacht, dass es gut tut, über sich nachzudenken und zu reden.
Die Fragestellerinnen sind allerdings auch auf Jugendliche gestoßen, die ernste Schwierigkeiten haben. Ein junger Mann etwa, der als kleiner Junge mit seinen Eltern von Kasachstan nach Freiburg gekommen war, ist schon mehrfach straffällig geworden. Nun aber habe er sich gefangen, sagt er, vor allem dadurch, dass er neue Freunde gefunden habe – und zwar im Tiengener Jugendhaus. Wie die anderen macht er nun eine Lehre, und ebenso wie sie wünscht er sich "ein geregeltes Leben mit einer eigenen Familie".
Eine Familie und Freunde, Vertrauen, sich Zeit füreinander nehmen und gemeinsam etwas erleben: Das sind Ziele und Wertvorstellungen, die die jungen Leute geäußert haben. Das klingt gut. Eine weitere Erkenntnis ist aber auch: Die Jungen sind sehr stark von den hergebrachten Rollenbildern bestimmt, und die Mädchen haben nach eigener Einschätzung oft nicht den Mut, andere als die von Eltern und Großeltern erwarteten Schritte zu gehen.
Autor: Silvia Faller
