Parabolspiegel und Wasserbassin

Inzlinger will autarken Sonnenkollektor bei Grenzach-Wyhlen bauen

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Mo, 16. April 2018 um 09:15 Uhr

Südwest

Der Sonntag Kunstwerk und Strom- und Wärmelieferant zugleich: Ulrich Kaiser will bei Grenzach-Wyhlen einen autarken Sonnenkollektor bauen – die Sunmachine 5. Noch existiert die Anlage nur auf Papier.

Der Hamburger Filmemacher Hellmuth Costard hat mit seinen Experimenten zur Energiegewinnung mit Sonnenkraft den Grundstein gelegt für ein Projekt, das Ulrich Kaiser nun auf dem Rührberg realisieren will: Die Sunmachine 5 soll Strom und Wärme rund ums Jahr liefern. Und ein Kunstwerk ist sie auch.

Für Visionen braucht es Weitblick. Und den gibt es ganz oben – auf dem Rührberg. 360-Grad-Sichtfeld. Immer Sonne. Morgens, mittags, abends. Nur an diesem trüben Wintertag will sich das Licht nicht so recht seinen Weg durch den Nebel bahnen. Aber sei’s drum. Auch ein Sonnenberg darf mal Trübsal blasen. "Der Standort wäre ideal", für das Projekt schwärmt Ulrich Kaiser. Schnee knirscht unter seinen Füßen während er einen Hügel auf der Anhöhe erklimmt. Höher hinaus geht es nun wirklich nicht mehr. Wenn alles so läuft, wie Kaiser, der in Inzlingen aufgewachsen ist, es sich wünscht, wird auf der Erhebung von der aus der Blick in die Basler Bucht schweift, bald schon ein kleines Kraftwerk stehen. Die "Sunmachine 5" soll rund ums Jahr Strom und Warmwasser für einen Vier-Personen-Haushalt liefern. Emissionsfrei dank Sonnenkraft.

Noch existiert die Anlage nur auf Papier

Kaiser will mit Parabolspiegeln arbeiten. Diese sollen die Sonnenstrahlen entlang der Brennlinie bündeln. Die Speicherleistung wird von einem Wasserbassin erbracht, das mit Wärme speichernden Steinen gefüllt ist, der Energietransfer erfolgt über ein mit Wasser und Ethylenglycol gefülltes Rohrsystem. Am Ende stehen 5000 Kilowatt Energieleistung. "Man braucht keine zusätzliche Energie, um den Kreislauf zu erhalten", sagt Kaiser, der alles zigfach durchgerechnet hat.

Doch die Theorie hat ihre Tücken. Zwei Jahre soll die Anlage deshalb zunächst in den Testbetrieb gehen, Zeit um Kinderkrankheiten auszumerzen, den Prototypen zu einem Erfolgsmodell zu machen. Irgendwann soll das Kleinkraftwerk für Jedermann zu haben sein. Noch existiert die Anlage aber nur auf dem Papier.

Doch Ulrich Kaiser hat schon ein Zukunftsszenario im Blick, das die Vision von der autarken Energiegewinnung auf dem Rührberg und anderswo Realität werden lässt. Was sich mit der gewonnenen Energie nicht alles anstellen ließe! Ein Tankstellennetz für Elektroautos? Kaisers Enthusiasmus wirkt ansteckend. Seit Jahren rührt der Tausendsassa eifrig die Werbetrommel für sein Projekt. Wird auf Rathäusern, bei Institutionen und Ministerien vorstellig. 25 Jahre Berufserfahrung als PR-Profi helfen dabei, das Unterstützernetzwerk stetig wachsen zu lassen. Die Beharrlichkeit zahlt sich aus. Im Lauf des Frühjahrs, voraussichtlich Ende April, soll unter Kaisers Regie ein Podiumsgespräch über die Zukunft der erneuerbaren Energiegewinnung stattfinden.

Immer schon einen Schritt voraus

Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer hat sein Kommen zugesagt. Auch Bestseller Autor Franz Alt wird mit von der Partie sein, sagt Kaiser. Auch Energieunternehmen haben schon angefragt. Doch Kaiser ist vorsichtig. "Wir werden uns das Projekt nicht aus der Hand nehmen lassen", sagt er – auch wenn es um die Sunmachine 5 bei der Expertenrunde nur am Rande gehen soll.

Kaiser blickt voraus, plant schon den nächsten Schritt oder eben einen anderen. Hauptsache es geht vorwärts. Und so verwundert es auch nicht, dass sich der Macher vom Hochrhein ausgerechnet auf den preußischen Generalmajor Claus von Clausewitz beruft, wenn er seinen Weg zum Ziel erläutert. Auch Kaiser beackert einige "Nebenkriegsschauplätze", wie er mit einem Augenzwinkern betont . Der passionierte Musiker stellt unter anderm immer wieder hochkarätig besetzte Klassik-Konzerte auf die Beine. Auch wenn andere bei diesen Veranstaltungen im Rampenlicht stehen, weiß Kaiser die Gelegenheit für sich zu nutzen. Im Gespräch am Rande werden Kontakte geknüpft, entstehen Querverbindungen von einem Projekt zum nächsten.

Die Sunmachine ist für den Inzlinger indes ein Langzeitprojekt. Seit er Anfang der 1980er Jahre in Berlin Bekanntschaft mit dem Hamburger Filmemacher Hellmuth Costard machte, der vor dem Hintergrund der Ölkrise mit Modellen der autarken Energiegewinnung experimentierte, ist er an dem Thema dran.

Kaiser war dabei, als Costard in Südspaniens Wüstenlandschaften Hohlspiegel montierte. Die futuristisch anmutende Filmkulissen sind im Spionagestreifen Vladimir Günstig zu sehen.

Upcycling bevor es so hieß

Am Filmprojekt hat sich Kaiser seinerzeit nicht nur finanziell beteiligte. Mit dem LKW karrte er Mann und Material am zweiten Weihnachtsfeiertag 1998 von Inzlingen nach Almeria. Mehr noch als das Filmschaffen hat Kaiser aber das Arbeiten mit einfachsten Mitteln fasziniert, die in der Sunmachine verbaut wurden. Die Berliner WG, in der Kaiser im Sommer 1983 landete, war ein Ort des kreativen Schaffens. Hier wurden Prototypen aus Blechdosen zusammen gezimmert – lange bevor das Wort Upcycling in aller Munde war. "Wir waren schon ein verrückter Haufen", erinnert sich Kaiser. Da klingt auch ein bisschen Wehmut mit.

Als Costard im Jahr 2000 stirbt, setzt Kaiser alles daran, dass der Film ins Fernsehen kommt. 2004 wird er auf Arte und im WDR ausgestrahlt. Zu diesem Zeitpunkt geht Kaisers Engagement längst darüber hinaus, Costards Nachlass zu verwalten. Gemeinsam mit dem Kameramann und Physiker Bernd Oppenmoor, arbeitet er daran, die Maschine weiter zu optimieren. Herausgekommen ist die Sunmaschine 5. Nun will er das Projekt endlich realisieren.

"Wir arbeiten mit Dingen, die man für gewöhnlich Müll nennt", betont Kaiser
Der Do-it-yourself-Gedanke hat Kaiser sichtlich geprägt. Auch auf dem Dinkelberg soll Ressourcen schonend gearbeitet werden. Zum Einsatz kommen Baumarkt-Produkte und Materialien aus der Wiederverwertung. "Das ist ein ganz wichtiger Gedanke bei dem Projekt: Wir arbeiten mit Dingen, die man für gewöhnlich Müll nennt", betont Kaiser, der sich für die Sunmachine noch einen weiteren Clou ausgedacht hat. Das Sonnenkraftwerk will er als "funktionierendes Kunstobjekt" deklarieren. "Dann gilt es als geistiges Eigentum". Eine günstige Alternative zum Patent. Kaiser lacht.