"Irgendwann ist kein normales Leben mehr möglich"

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Di, 02. Januar 2018

Gesundheit & Ernährung

BZ-INTERVIEW mit Ute Oelsner von der Selbsthilfegruppe "Eltern zwangserkrankter Kinder und Jugendlicher".

Eine Zwangserkrankung bringt meist das gesamte Familiengefüge gehörig ins Wanken. Das weiß Ute Oelsner aus Bollschweil aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit anderen Betroffenen hat sie vor zwei Jahren deshalb die Selbsthilfegruppe "Eltern zwangserkrankter Kinder und Jugendlicher" gegründet. Claudia Füßler hat mit ihr gesprochen.

BZ: Frau Oelsner, warum braucht es eine Selbsthilfegruppe für die Eltern von Kindern und Jugendlichen, die unter Zwängen leiden?
Ute Oelsner: Weil es diesen Menschen sehr schlecht geht. Das Thema Zwangserkrankungen wird in unserer Gesellschaft tot geschwiegen. Es ist schambesetzt, wie es vor nicht all zu langer Zeit auch noch die Depression war. Betroffene Familien versuchen es zu verheimlichen, weil es dafür keine Akzeptanz gibt. Sie bekommen allenfalls gut gemeinte, aber völlig nutzlose Ratschläge. Dein Kind leidet unter einem Waschzwang? Du bist einfach nicht konsequent genug, sei härter, nimm’ ihm die Seife weg. Das funktioniert schlicht nicht, wir haben es hier mit einer ernsthaften Erkrankung zu tun. In der Gruppe finden betroffene Eltern Rückhalt. Hier können Tränen fließen, ohne dass man schief angeschaut wird, und wir haben einen regen Austausch per Mail und in einer Whatsapp-Gruppe.
BZ: Nehmen Ärzte Zwangserkrankungen ernst genug?
Oelsner: Im Frühstadium fast gar nicht, da wird es bei den Kinderärzten häufig als Macke abgetan, die sich verwächst. Wenn die Zwänge sich so entwickeln, dass die ganze Familie massiv drunter leidet, wird die Krankheit schon erkannt. Doch selbst dann wissen viele Ärzte nicht, was sich zu Hause abspielt, welcher psychischer Druck auf den Geschwisterkindern und den Eltern lastet. Diese Hilflosigkeit, dieses schlechte Gewissen, dass man vielleicht in der Erziehung etwas falsch gemacht hat. Dafür fehlt den Ärzten meist das Bewusstsein.
BZ: Welche Zwangserkrankungen treten bei Kindern und Jugendlichen am häufigsten auf?
Oelsner: Am häufigsten sind die Waschzwänge, damit fängt es meist an, wir haben auch viele Eltern in der Gruppe, deren Kinder unter Zwangsgedanken leiden. Ein Zwang tritt allerdings nie alleine auf. Das wird zu einer enormen Herausforderung für eine Familie, irgendwann ist einfach kein normales Leben mehr möglich. Zumal es meist viele Monate dauert, bis endlich ein Therapieplatz frei wird – da kann in der Zwischenzeit viel kaputt gehen.
BZ: Und Sie fangen das mit der Selbsthilfegruppe auf?
Oelsner: Wir versuchen es. Wir sind füreinander da, hören zu, geben dem Einzelnen das Gefühl, dass er nicht alleine ist und auch andere das schon durchgemacht haben. Und wir bilden uns fort, informieren uns bei Workshops, laden Fachreferenten ein. Denn wer die Krankheit versteht, kann auch besser damit umgehen.

Kontakt: Selbsthilfebüro Tel. 0761/2168735. Mehr Informationen im Internet unter http://www.zwangseltern-freiburg.de