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03. September 2014

England

Ist die Londoner Touristenattraktion Kew Gardens bedroht?

Kew Gardens ist eine Touristenattraktion in London und ein weltweit anerkanntes Zentrum für botanische Forschung

  1. Gewächshäuser aus viktorianischer Zeit gehören zu den Attraktionen der Parkanlage. Foto: dpa

  2. Einmal die Bäume von der Krone aus betrachten – in Kew möglich. Foto: Thorsten_Wiese

Britische Biologen, Naturforscher und Dokumentarfilmer stehen im Ruf, eher geduldige Beobachter denn Rebellen zu sein. Jetzt aber scheint auch den verständnisvollsten von ihnen der Kragen zu platzen. Dame Jane Goodall zum Beispiel, Pionierin der Verhaltensforschung und einer der besten Kennerinnen des Lebens der Schimpansen, umschreibt ihre Gefühlslage mit "wütend und frustriert". Grund für die jugendlich anmutende Empörung der 80-Jährigen sei das Umweltministerium in London. Es sei "unglaublich dumm", was die Regierung mache, wettert Goodall, weltweit anerkannt und vielfach geehrt. "Als wolle sie unseren guten Union Jack in Stücke reißen."

Ein anderer, Sir David Attenborough, Bruder des jüngst verstorbenen Schauspielers und Regisseurs Richard Attenborough, Naturforscher und der bekannteste Tierfilmer Englands, spricht von einem "Skandal, den man nicht hinnehmen" könne. Seine prominente Ex-BBC-Kollegin Anna Ford hält den Regierungskurs für "echt schockierend – da könnte man doch wirklich glatt verzweifeln".

Ford und Attenborough waren in der Vergangenheit Treuhänder des Kew Gardens, des berühmten Botanischen Gartens der britischen Hauptstadt, also eine Art Aufsichtsrat. Und eben Kew, einem der ältesten und bedeutendsten Botanischen Gärten der Welt, werde sozusagen der Boden unter den Wurzeln weggezogen. Wenn man nicht aufpasse, verliere England eine zugleich phantastische wie international geschätzte Institution.

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Anlass für diese drastische Warnung sind die Mittelkürzungen, die das Ministerium unlängst angeordnet hat. Unter anderem soll von den 125 Stellen in Kew gut ein Sechstel abgebaut werden, die meisten im Bereich Wissenschaft und Forschung. Hintergrund ist das Defizit in Höhe von 6,3 Millionen Pfund, das Kew Gardens ausweist. Dieses Loch mit Steuergeldern zu stopfen weigert sich die Regierung David Camerons – und so rückt unversehens ein Botanischer Garden symbolisch ins Zentrum einer öffentlichen Spardebatte, die viele Bereiche des Lebens umfasst. "Wie alle Ressorts müssen auch wir unseren Teil zur Verminderung des Haushaltsdefizits beitragen", erklärt man im Umweltministerium.

Richard Deverell, der Direktor von Kew Gardens, wurde vom Umweltministerium beauftragt, sich vermehrt um private Unterstützung zu bemühen, um die Lücke zu schließen oder sonst die Einnahmeseite zu verbessern. Und zur allgemeinen Verwunderung hält Deverell das im jetzig anstehenden Umfang sogar für machbar – was ihm reichlich Zorn einbrachte. Zugleich aber ist er überzeugt, dass weitere Kürzungsrunden drohen.

Als ersten Schritt will Deverell die Leistungen des Parks besser vermarkten. Er sieht auch die Chance, "unsere Einnahmen zu erhöhen, indem wir unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse, unsere Urheberrechte und unsere landwirtschaftlichen Fähigkeiten besser ausbeuten und verkaufen als bisher". Auch der Eintrittspreis zu Kew Gardens könnte weiter erhöht werden. Derzeit muss 19 Euro bezahlen, wer das Gelände an der Themse betreten will – pro Person. 1971 kostete der Eintritt noch einen Penny pro Person, denn der Garten sollte auch unbemittelten Bürgern zugänglich sein.

Seither ist der Anteil öffentlicher Subvention stetig gesunken. Allein in den vergangenen 30 Jahren fiel er von mehr als 90 auf weniger als 40 Prozent. Dass nun noch weiter gekürzt werden soll, finden die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes im Königreich empörend. Es sei grotesk, dass "wegen einer politischen Obsession mit Streichungen und Kürzungen" Londons botanische Zierde "bis aufs Letzte zurückgeschnitten werden soll".

Zumal Kew mit seiner viktorianischen Architektur und seinen erstaunlichen Anlagen nicht nur seit 2003 Unesco-Welterbe-Stätte und als Besucherattraktion überall berühmt sei. Sondern es sei ja auch "ein Zentrum wissenschaftlicher Exzellenz, gerade was Artenerhaltung und Naturschutz betrifft".

Dies ist einer der zentralen Kritikpunkte der Regierungskritiker. Der Königlich-Botanische Garten versieht seit Ewigkeiten eine wertvolle Doppelfunktion. Er ist immer schon ein Erholungsgebiet, eine grüne Lunge und eine Wunderwiese für seine Besucher gewesen. Aber zugleich hat er der Wissenschaft gedient, schon im 18. Jahrhundert – mit seiner reichen Flora, seinen über die sieben Meere herbeigeschleppten Bäumen, der beispiellosen Sammlung exotischer Pflanzen aus aller Welt. Im 19. Jahrhundert hatte Kew schon globalstrategische Bedeutung, als es Kew-Gärtnern gelang, aus Lateinamerika stammende Kautschukbäume zu züchten, die sich zur Anpflanzung in den britischen Kolonien in Asien eigneten – Kew stand auch für die Kolonialmacht. Im 20. Jahrhundert hat sich Kew zu einer zentralen Stütze der internationalen botanischen Forschung entwickelt. Seine Fachleute sorgen für höhere Anpassungsfähigkeit von Getreide, beraten Länder wie Äthiopien beim optimalen Anbau von Kaffeepflanzen oder verbessern die Immunität von Kakao im Amazonasgebiet.

Ein Beispiel für ein aktuelles Großprojekt, an dem Kew maßgeblich beteiligt ist, ist die "Great Green Wall", die Große Grüne Mauer in Afrika. Quer durch den afrikanischen Kontinent, von Senegal im Westen bis Djibouti im Osten, soll auf einer Strecke von 8000 Kilometern für 90 Millionen Euro ein 14 Kilometer breiter Waldstreifen angelegt werden. Durch 13 Länder soll sich diese grüne Wand ziehen. Der Streifen soll die fortschreitende Verwüstung weiter Landstriche aufhalten. Er ist als natürlicher Wall gegen Landverlust, Nahrungsmittelknappheit und Wassernot gedacht. Die Große Grüne Mauer dürfte das größte Anbauprojekt der Geschichte werden. Ein ganzes Team von Kew-Wissenschaftlern ist an ihm beteiligt – mit Saatkörnern, Setzlingen, Expertise. Und eben mit wissenschaftlicher Geduld. Schließlich gedeihe in der Sahelzone nicht jeder Baum, erklären die Beteiligten. Außerdem müssten die Einheimischen angeleitet werden. Langfristig, glauben die Initiatoren, könne etwas wie die Große Grüne Mauer sogar politische Früchte tragen und dabei helfen, den Menschen in der Zone Lebensraum und Lebensunterhalt zu sichern.

Der Nutzen, den man sich von dieser Arbeit verspricht, hängt aber am Einsatz einer Vielzahl von Kew-Experten. Er hängt an Spezialistentum und langjähriger Kompetenz. Und nicht zuletzt an der kontinuierlichen und systematischen Erstellung jener einzigartigen Saatgutbank, mit der Kew Gardens neuerdings beschäftigt ist. Auf einem separaten Gelände in Wakehurst hat Kew nämlich seine ehrgeizige "Millennium Seed Bank" etabliert. Hier soll Saatgut aller existierender Pflanzen der Welt gesammelt werden. Zehn Prozent will man schon jetzt zusammengetragen und gespeichert haben. Im Jahr 2020 sollen es 25 Prozent sein – ein Viertel der Flora der ganzen Welt.

Angesichts solcher ambitionierten Vorhaben sei es widersinnig, den weltweiten Ruf Kews durch Knauserigkeit zu untergraben, meint Anna Ford, die beharrlichste Stimme des Protests. "Botanische Forschung ist kein Produkt, das man einfach verkaufen kann", argumentiert Ford gegen einen wachsenden Zwang zur Kommerzialisierung, den sie hinter der Entscheidung ausmacht. "Das ist doch ein gegenseitiger Prozess. Kew erhält Proben aus anderen Ländern übermittelt. Und als Gegenleistung liefern wir Informationen darüber, wie solche Pflanzen in ihren Heimatländern bewahrt und geschützt werden können – während wir auch etwas lernen über ihre wesentlichen Eigenschaften, etwa ihren medizinischen Nutzen." "Geld", meint Ford, "hat in einer solchen Beziehung nichts zu suchen." Das Umweltministerium solle endlich aufhören, "ewig an Kew herumzuschnippeln und uns zu sagen, wir müssten unser Wissen zu Geld machen".

Das ist auch die Überzeugung des renommierten Botanikers und Oxford-Professors Hugh Dickinson: "Wir werden es einmal furchtbar bereuen, wenn wir dieser Entwicklung jetzt nicht Einhalt gebieten." Bereits 2010 hatte ein Bericht, erarbeitet unter der Leitung von Sir Neil Chalmers, dem früheren Direktor des Londoner Naturkundemuseums und erstellt im Auftrag des Umweltministeriums, die Regierung gewarnt, Kew leide bereits heute an knappen Ressourcen. Es müsse "um seine Zukunft bangen", wenn es nicht ordentlich unterstützt werde, war Chalmers Fazit damals. Nach Überzeugung von Dickinson "läutet die letzte Glocke. Wir befinden uns kurz vor Ladenschluss".

Richard Deverell hält das für "hysterische Reaktionen". Man werde schon eine Lösung finden, versichert der Kew-Direktor. Kew Gardens könne, wenn alles sparen müsse, keine Ausnahme sein.

Inzwischen haben 100 000 Briten eine Petition für den Erhalt des Parks unterzeichnet. Drei Dutzend Unterhausabgeordnete haben im Parlament ernste Sorge um Kew geäußert. Zac Goldsmith, Tory-Abgeordneter für Kew und Richmond, und früher Chefredakteur des Umwelt-Magazins The Ecologist, sieht ein "nationales Juwel" gefährdet. Auch der Prinz von Wales ist aufgefordert worden, sich für Kew einzusetzen. Immerhin ist Charles der Schutzherr des Königlich-Botanischen Gartens von London. Das nötige Geld hätte der Prinz zweifellos. "Nur", meint Anna Ford, "glaube ich leider nicht, dass er das auch macht."

KEW GARDENS

Die Königlich Botanischen Gärten bei Kew im Südwesten Londons gehen zurück auf die exotischen Gärten des Lord Capel von Tewkesbury aus dem 18. Jahrhundert. Sie wurden später kontinuierlich erweitert. 1840 wurden sie in einen nationalen botanischen Garten umgewidmet. Auf dem 120 Hektar großen Gelände liegen neben zahlreichen Gewächshäusern aus viktorianischer Zeit ein königlicher Palast aus dem 17. Jahrhundert, eine Pagode und ein chinesisches Tor. Jährlich besuchen ein bis zwei Millionen Menschen die Gärten.  

Autor: BZ

Autor: Peter Nonnenmacher