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22. Januar 2016 11:02 Uhr

BZ-Serie (Teil 11)

Jugendrichterin: "Die Erziehung steht im Vordergrund"

"Dafür stehe ich": Die Jugendrichterin Katharina Mattern spricht im elften Teil unserer BZ-Serie über die Angeklagten und das richtige Strafmaß in ihren Prozessen.

  1. Katharina Mattern Foto: Michael Bamberger

Angesichts der Debatte um die Flüchtlinge fragen wir Deutsche uns: Welche Werte sind uns wichtig, welche Traditionen und Konventionen wollen wir eingehalten wissen? Um das zu erfahren, lassen wir Menschen aus Südbaden erzählen.

"Jugendrichterin bin ich nicht aus Berufung geworden, ich habe mich auch im Studium nicht mit Jugendrecht beschäftigt. Als Assessorin wurde mir eine Stelle als Jugendstaatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft in Lörrach angeboten, so bin ich dazu gekommen. Und dann bin ich mit Leib und Seele hängengeblieben. Ich finde meine Tätigkeit sinnvoll, man kann sich engagieren, und ich komme auch meistens gut aus mit unseren ‚Kleinen’.

Was in der Akte steht, muss nicht zwangsläufig stimmen

Beim Jugendstrafrecht steht – im Gegensatz zum Erwachsenenstrafrecht – der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Jeder Fall ist anders, jede Person ist individuell. Deshalb ist auch so wichtig, dass man die Leute in der Hauptverhandlung vor sich sieht. Was in der Akte steht, muss so nicht zwangsläufig stimmen.

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Zum Beispiel Prügeleien: Da geht es wahnsinnig schnell, es ist vielleicht dunkel und die Leute sind betrunken. Da hat man etwa einen Zeugen, der das Geschehen bei der Polizei geschildert hat. Und dann steht er in der Hauptverhandlung vor einem und schildert es ganz anders. Vielleicht hat er sich schon bei der Polizei geirrt oder erinnert jetzt eine andere Wahrnehmung. Vielleicht hat er seine Sicht der Dinge mit Freunden bei Facebook "abgeglichen".

Auch persönliche Verhältnisse sind wichtig

Dann geben er und die weiteren Zeugen gar keine eigenen Erinnerungen wieder, sondern nur, was sie sich zusammengereimt haben. Meine eigene Überzeugung, was als erwiesen betrachtet werden kann, diese Überzeugung muss ich mir in der Hauptverhandlung selber bilden.

Auch die persönlichen Verhältnisse sind im Jugendstrafrecht sehr wichtig: Da schauen wir uns an, aus was für einem Elternhaus der oder die Angeklagte kommt und unter welchen Umständen er oder sie aufgewachsen ist. Nimmt zum Beispiel die Familie an der Verhandlung teil und ist am Boden zerstört, weil die Tochter geringwertige Sachen gestohlen hat?

"Wenn ein Jugendlicher oder Heranwachsender zum wiederholten Male angeklagt wird, ist immer derselbe Richter für ihn zuständig."

Vielleicht hatte das Mädchen auch schon zwei Wochen Hausarrest und Handyverbot bekommen und konnte zudem eine Woche vor der Verhandlung nicht schlafen. Da kann man auch mal anregen, das Verfahren einzustellen, weil aus erzieherischen Gründen keine Notwendigkeit mehr für weitere Maßnahmen besteht.

Wenn da aber ein Angeklagter zum wiederholten Mal vor Gericht steht, der schon rotzfrech zur Polizei ist und sagt: "Ich klau’ eh weiter", dann müssen die Konsequenzen aus erzieherischen Gründen andere sein. Ob das Arbeitsstunden sind, eine Geldauflage oder ein Alkoholverbot bis hin zum Dauerarrest oder einer Jugendstrafe.

Immer derselbe Richter für Jugendlichen zuständig

Wenn ein Jugendlicher oder Heranwachsender zum wiederholten Male angeklagt wird, ist immer derselbe Richter für ihn zuständig. Das ergibt sich auch aus dem Erziehungsgedanken. Der zuständige Richter weiß, was los ist bei ihm zu Hause und was bisher vorgefallen ist. Die Jugendrichter überwachen selber die Vollstreckung ihrer Urteile. Dann weiß man auch, ob man ihn schon vorher in den Arrest geschickt hat, weil er seine Arbeitsstunden nicht gemacht hat oder ob noch aktuell Auflagen vollstreckt werden.

In manchen Familien hat über lange Jahre keine Erziehung stattgefunden und die Jugendlichen und Heranwachsenden haben zum Teil so viele Baustellen, dass eine Gerichtsverhandlung nicht den Anspruch haben kann: ‚So, jetzt hat er’s kapiert und kann sein Leben sofort so umstrukturieren, dass das alles klappt.’

Strafgesetz gibt nur den Rahmen vor

Wir verfügen aber auch über viele Maßnahmen, die wir ergreifen können, um denjenigen in die richtige Richtung zu lenken. Auch beschäftigt sich im Strafprozess bereits ein ganzes Netzwerk mit den Jugendlichen: die Jugendgerichtshilfe und die Jugendsachbearbeiter der Polizei, die immens wichtig sind, weil sie häufig schon längeren Kontakt mit den Angeklagten hatten, die Jugendstaatsanwaltschaft und wir Jugendrichter.

Was das Strafmaß angeht, gibt ein Strafgesetz nur einen Strafrahmen vor, damit alle Fälle darunter erfasst werden können. Bei Diebstahl reicht er zum Beispiel von einer Geldstrafe bis zur Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Innerhalb dessen muss die Justiz die Straftat einordnen. Das ist kein mathematischer Vorgang: Wir sind keine Maschinen, die mit Akten gefüttert werden, und dann kommt das Urteil mit der einzig korrekten Strafe raus.

Das Gespür für die Strafzumessung muss man entwickeln. Es bildet sich auch dadurch, dass man in seiner Laufbahn mit erfahrenen Kollegen zusammenarbeitet. Ich hatte in Lörrach als Jugendstaatsanwältin zwei phantastische Kollegen, denen ich zugearbeitet habe. Sie waren sehr erfahren im Jugendstrafrecht und auch begeisternd und motivierend. Da bildet man sich dann ein Wertesystem und ein Gespür, welche Tat was ‚kostet’ und wo die ‚Tarife’ bei uns im Sprengel liegen.

Auch unbegleitet minderjährige Flüchtlinge dabei

Auch Flüchtlinge tauchen bei uns auf, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Das sind zum Teil schwierige Fälle: Jemand aus Gambia, 17, 18 Jahre alt, der kaum gebrochen Englisch spricht und nicht lesen und schreiben kann. Was macht man mit dem, um ihn einzugliedern? Da sind die Jugendhilfeeinrichtungen und spezielle Betreuer gefragt, die ihnen einen Platz zum Wohnen verschaffen und versuchen, sie in die Schule und dann auch in Lohn und Brot zu bringen. Im Ergebnis wollen wir ihnen ja ermöglichen, den normalen Weg zu gehen, den Jugendliche bei uns gehen können. Aus meiner Sicht ist nichts wichtiger als Schule und Arbeit, um sie zu integrieren.

Was auch für Einheimische gilt: Es ist kriminologisch bestätigt, dass sich kriminelles Verhalten bei 90 bis 95 Prozent unserer Jugendlichen und Heranwachsenden wieder auswächst. Die meisten haben ihren kriminellen Höhepunkt so mit 18 bis 20 Jahren. Bis sie dann mal eine Arbeit haben und eine Freundin."
Katharina Mattern

In ihrem Büro im Freiburger Amtsgericht hängt an der Wand eine künstlerisch gestaltete Justitia. Das Bild mit Neonröhre ist ein Werk des Berliner Künstlers Helmut Klock. Dass Rechtsprechung auch mit Ausgestaltung zu tun hat, mit der Ausgestaltung des gesetzlichen Rahmens, wird im Gespräch mit Katharina Mattern bald deutlich. Urteile über Jugendliche zu fällen, heißt nicht einfach, ein vorgegebenes Strafmaß zu verhängen. Die 38-jährige Juristin ist in Bielefeld aufgewachsen und zum Studium nach Freiburg gekommen. Sie hat zuerst als Zivilrichterin auf der Baar gearbeitet, dann war sie einige Jahre bei der Jugendstaatsanwaltschaft in Lörrach und bei zwei Strafkammern am Landgericht Freiburg. Seit vier Jahren ist sie Jugendrichterin am Amtsgericht Freiburg. Mattern hat zwei Kinder und wohnt in Freiburg-Ebnet, wo sie auch Vorsitzende des Vereins der Landfrauen ist.

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Autor: Aufgezeichnet von Thomas Steiner