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15. November 2013 20:07 Uhr

Debatte

Umstrittene Karikatur: Nicht jede Kritik ist Antisemitismus

Die Karikatur von Horst Haitzinger mit Benjamin Netanjahu hat zahlreiche Leser der Badischen Zeitung entsetzt und empört. Sie reagierten in Leserbriefen und Online-Kommentaren. Die BZ antwortet.

  1. Foto: Haitzinger

Die Badische Zeitung bediene sich antisemitischer Klischees aus der Zeit des Nazi-Regimes und schüre damit Hass auf Juden – dieser Vorwurf wiegt schwer (siehe hierzu die Kommentare auf badische-zeitung.de). Träfe er zu, Redaktion und Zeichner hätten alle Kritik verdient. Wer die Zeichnung (die übrigens in mehreren Zeitungen erschienen ist) unvoreingenommen betrachtet, findet dort weder eine stilisierte Judenfigur noch das – mittelalterliche – Klischee vom jüdischen Brunnenvergifter. Stattdessen versucht dort ein sehr real existierender und real Politik betreibender israelischer Ministerpräsident, die Annäherung zwischen den fünf Vetomächten im UN-Sicherheitsrat plus Deutschland sowie dem Iran im Atomkonflikt zu verhindern. Exakt das versuchte Benjamin Netanjahu am Freitag vor Erscheinen der Karikatur tatsächlich. Dass es so war, gab er selber bekannt.

Natürlich ist diese Art politischer Diplomatie legitim. Aber ebenso legitim ist die Kritik daran. Nichts anderes hatte unser Zeichner Horst Haitzinger im Sinn. Weil aus seiner Sicht die Lösung des Atomstreits mit dem Iran mehr Frieden brächte, die Beilegung des Konflikts aber seit vielen Jahren erfolglos versucht wurde und auch zuletzt nur sehr langsam voranging, schuf Haitzinger das Doppelwesen der Schnecke mit Friedenstaubenkopf. Es symbolisiert die Annäherung, gegen die Netanjahu mit "Taubengift und Schneckenkorn" zu Leibe rücken wollte. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sollte jegliche Kritik an Israels Politik gleichgesetzt werden mit Kritik am jüdischen Volk und – gravierender noch – mit Antisemitismus, hieße das im Umkehrschluss, dass Kritik an der Politik der israelischen Regierung prinzipiell nicht mehr möglich wäre. Dies, verehrte Leser, kann weder im Sinne der Demokratie hierzulande noch in Israel sein.

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Leider ist es für ein Medienhaus auch nicht möglich, die Berichterstattung und Kommentierung nach etwas anderem als an der Aktualität auszurichten. Am 9. November jährte sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Die BZ erinnerte an dieses furchtbare Ereignis ganzseitig schon in ihrer Freitagsausgabe. Am Samstag waren dann aber die Genfer Atomverhandlungen schlicht eines der Topthemen. So kam es zum zeitlichen Zusammentreffen. Dass dies manche Leser als unglücklich empfunden haben, kann ich nachvollziehen.

Betroffen macht mich etwas anderes:

Es ist die kaum versteckte Unterstellung, die BZ hätte in kühler Berechnung genau dieses Datum gewählt, um eine Reihe von angeblich antisemitischen Karikaturen in deutschen Medien fortzusetzen. Tatsächlich hatte die Redaktion beim Auswählen der Zeichnung von den Karikaturen in andren Zeitungen gar keine Kenntnis. Und schon gar nicht wollte es hier eine "unbekannte Provinzzeitung in die Schlagzeilen schaffen", wie die Jerusalem Post in einem Beitrag über unsere Karikatur spekulierte.

Ich kann Ihnen versichern: Weder wünscht sich die BZ solche Schlagzeilen, noch haben wir sie nötig. Wohl wünschen wir uns aber ein gewisses Maß an Fairness auch in der Kritik. Wenn zum Beispiel die Jerusalem Post zwar unsere Stellungnahme einschließlich einer klaren Distanzierung von Antisemitismus abdruckt, aber im Anschluss einen israelischen Experten zu Wort kommen lässt mit der Aussage, es gehöre geradezu zum Wesenskern aller Anti-Zionisten und Israelfeinde, ihren Judenhass zu leugnen, erübrigt sich die weitere Diskussion.

In der Hoffnung, mit Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, auch künftig in einem kritischen und konstruktiven Dialog zu verbleiben,

Thomas Fricker, Stellvertretender Chefredakteur

Autor: Thomas Fricker