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09. November 2011 20:21 Uhr

Bad Säckingen

Keine Annäherung im Streit um Kraftwerk Atdorf

Der Runde Tisch ist beendet – doch der Streit bleibt: Nach der letzten Sitzung des Runden Tisches zum geplanten Pumpspeicherkraftwerk Atdorf stößt das Vorhaben weiterhin auf Widerstand.

  1. Moderatorin Hustedt (Mitte) und Schluchseewerk-Manager Brenner Foto: Matthias Lifka

Mit zwiespältigen Bewertungen hat der Runde Tisch zum geplanten Pumpspeicherwerk Atdorf seine mehrmonatige Arbeit beendet. Projektträger, Initiatoren der Schlichtungsrunde und ein Teil der beteiligten Politiker zogen positive Bilanzen. Gegner des Projekts indes sprachen von einer "Farce". Weiter ist nicht ausgeschlossen, dass sie versuchen werden, den Bau juristisch zu stoppen.

Die Gegner, darunter die Vorsitzende der örtlichen Grünen, Ruth Cremer-Ricken, aber auch der BUND und eine Bürgerinitiative, äußerten sich nach der fünften Sitzung im Kursaal von Bad Säckingen enttäuscht. Von Anfang an sei es "nicht um das Ob" des Großvorhabens gegangen, "bloß um das Wie". Die Vertreter der Schluchseewerk AG, die die 1,4-Milliarden-Euro-Anlage im südlichen Hotzenwald errichten will, lobten die Schlichtungsrunde. Vorstand Stefan Vogt sprach von einer "fairen, transparenten und ausgewogenen Diskussion auf Augenhöhe".

Anlage fungiert als große Batterie

Das Unternehmen will in einem Gebiet nördlich des Kurorts Bad Säckingen zwischen Wehr, Rickenbach und Herrischried zwei riesige Wasserspeicherbecken bauen, das obere davon mit einem Längsschnitt von einem Kilometer und einem Fassungsvermögen von neun Millionen Kubikmetern, gelegen auf einer Kuppe. Das Pumpspeicherwerk soll je nach Bedarf entweder überschüssigen Strom verbrauchen, indem es Wasser bergwärts pumpt, oder Strom produzieren, indem es das gespeicherte Wasser in Turbinen leitet – mit einer Leistung von bis zu 1400 Megawatt. Die Anlage fungierte so als große Batterie, besonders für Strom aus Wind und Sonne.

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Aber die Eingriffe in die Hotzenwaldlandschaft und die Belastungen für die Region während der Bauzeit wären erheblich. Befürworter wie Gegner erwarten "die größte Baustelle Deutschlands". Der Runde Tisch, angeregt zu Jahresbeginn durch den damaligen Oppositionspolitiker und heutigen Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und den Landesvorsitzenden des Naturschutzbundes Nabu, Andre Baumann, moderiert durch die frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Michaele Hustedt, sollte Alternativen und Ausgleich beraten. Finanziert wurde die Mediation vom Schluchseewerk, "mit einem größeren sechsstelligen Betrag", so Vorstand Nicolaus Römer. Die Planfeststellung will das Unternehmen 2012 beantragen, 2014 mit dem Bau und 2019 mit dem Betrieb beginnen.

Während über die prinzipielle Notwendigkeit von Speicherkraftwerken im Zeitalter der Energiewende Einigkeit zu erzielen war, prallten die Meinungen zu Standort und Zumutbarkeit bis zum Schluss unversöhnlich aufeinander. Widerstand kam auch aus der Touristik- und der Säckinger Klinikbranche, die von dem Bauwerk empfindliche Rückgänge der Gästezahlen erwarten. Vertreter der Kliniken zeigten sich am Dienstag bereit, gemeinsam mit dem neuen Säckinger Bürgermeister zu beraten, wie man die Belastungen begrenzen und ausgleichen kann.

Schreckbild oder Attraktion?

Für den Tourismus, mahnten Experten, müsse das Bauwerk nicht nur Schreckbild sein; man könne mit cleverem Marketing daraus auch eine Attraktion machen. Die Investoren versprachen, für die zu erwartenden Hundertschaften der Monteure und Bauarbeiter nicht Containerdörfer zu bauen, sondern auf die vielen Ferienwohnungen vor Ort zurückzugreifen. Nach einer Studie des Ifo-Instituts und der Uni Freiburg würde das Projekt mit bis zu 1000 Arbeitskräften in der Bau- und 100 in der Betriebsphase der Region einen "wichtigen positiven Impuls" geben. Laut Moderatorin Hustedt hat der Runde Tisch Konsens darüber erbracht, dass sich für Pumpspeicher in Deutschland vor allem der Südschwarzwald und dort besonders der Standort Atdorf eigne. Es gäbe aber auch Sachverhalte, "die letztendlich dazu führen könnten, dass das PSW Atdorf nicht realisiert wird".

Das spielt auf massive Einwände an, die am letzten Tag von einem Biologen, Matthias Schreiber, erhoben wurden. Danach bedroht das Projekt zwei seltene Moosarten. Auch eine "kumulierte Belastung" für den Naturschutz durch das Kraftwerk und die ebenfalls in der Region geplante Autobahn 98 sei von den Planern bisher nicht beachtet worden. Das sei ein Prozessrisiko und "echtes Investitionshindernis". Ende des Monats will die Moderatorin ihren Abschlussbericht vorlegen.

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Autor: Stefan Hupka