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18. August 2012

Keine Experimente

Der Brockhaus Verlag hat Weltliteratur in Comicformat herausgegeben – doch die bisherigen Bände sind eher blass.

  1. Eine Szene aus „In 80 Tagen um die Welt“ Foto: Brockhaus Verlag

Zwei zerknirschte Gesichter müssen genügen. Als sein treuer Hund nach 16 Jahren stirbt, befällt Robinson Crusoe große Trauer. "Himmel!" stößt er auf dem übernächsten Panel der neusten Comicversion von Daniel Defoes Abenteuergeschichte hervor – nicht aus Leid, sondern aus Erstaunen: Wilde legen auf seiner Insel an. Die Landung ereignet sich zwar Jahre nach dem Tod des Hundes. Doch mit Gefühlen, Stimmungen und anderen Zwischentönen halten sich die "Literaturcomics" nicht auf. Sie beten die Handlungen klassischer Romane herunter. Da antworten Figuren schon einmal auf Fragen, die niemand gestellt hat.

Von "kompakten Plots" spricht der Brockhaus Verlag, der die "Literaturcomics – Weltliteratur im Comicformat" in Deutschland veröffentlicht. Die erste Staffel umfasst neben "Robinson Crusoe" noch Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt", Homers "Odyssee", Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" und "Don Quijote" von Miguel de Cervantes. Das Projekt, das die Unesco fördert, stammt aus Frankreich. Dort sind schon fast 30 Romane als bebilderte Bände für Kinder ab zehn Jahren erschienen. Hierzulande soll das nächste Fünferpaket die Serie im September fortsetzen. "Sie führt Jugendliche an das Lesen großer Meisterwerke heran und bietet so einen Einstieg in das Original", so Brockhaus.

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Die "Literaturcomics" wagen keine grafischen Experimente. Sie verzichten auf ästhetische Akzente und nutzen nur elementarste Mittel zeitgemäßer Bildsprache. Es sind handwerklich solide, 46-seitige illustrierte Nacherzählungen. Die französischen Vorlagen orientieren sich an der Sprache der Originale, verwenden teils sogar wortgetreue Zitate. Dagegen meiden die deutschen Texte altertümliche Formulierungen. Sie sind einfach bis flach. Die Erzählungen erscheinen gehetzt. Sie reduzieren die Geschichten auf die wichtigsten Handlungspunkte und Wendungen. Atmosphäre kommt da keine auf. Abenteuern fehlt das Abenteuerliche; die Satire "Don Quijote" wirkt wie eine Klamotte. Bei Jules Verne fallen die begeisterten Beschreibungen erfundener Technik weg. Seine Wundermaschinen bleiben blass.

Am Ende bleibt lediglich Inhaltsvermittlung, die bunt verpackt bei Lesefaulen vielleicht wirklich einfacher gelingt. Das wäre ein Gewinn. Doch die "Literaturcomics" entbehren, was das Wesen von Literatur und Comic ausmacht. Die Geschichten sind skelettiert und sprachlich verarmt, die Comics weder gut erzählt noch künstlerisch gestaltet. Sie sparen an optischen Reizen, die moderne Seherlebnisse auszeichnen und Jugendlichen entgegen kämen. Worauf sollen ihnen die "Literaturcomics" eigentlich Lust machen? Der mutlose Kompromiss zielt eher auf verzweifelte Eltern und Lehrer als Käufer ab. Versöhnlich sind die Anhänge. Sie liefern Erklärungen, betten die Autoren der Originale und ihre Werke in einen historischen Hintergrund ein. So entsteht immerhin ein Eindruck ihrer Bedeutung.
– Literaturcomics – Weltliteratur im Comicformat. Bisher fünf Bände, verschiedene Autoren, Texter, Illustratoren und Übersetzer. Brockhaus Verlag, Gütersloh/München 2012, je 64 Seiten, je 12.95 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger


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