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21. Juni 2014

Der Trost der Brasilianer

Georges Gachots Doku "O Samba" zeigt die vielen Gesichter des Nationalgenres des WM-Landes.

  1. Selbstvergessen nach der Parade – Szene aus Georges Gachots Dokumentarfilm „O Samba“ Foto: Gachot Films

Dank Fußball-WM ist er in aller Munde, auch wenn aus ihm im Deutschen gerne eine "Sie" gemacht wird. Der Samba gilt als Nationalgenre Brasiliens und hat im Laufe der Historie viele Gesichter angenommen. Wenn in Rio zum Carnaval die gigantischen Wagen mit den kostümierten Tänzern auffahren, dann ist das Samba. Wenn Carmen Miranda, die Diva mit dem Fruchthut auf alten Aufnahmen der 1940er schmettert, ist es ebenso Samba. Auch wenn Popstar Marisa Monte sich zu den alten Musikern begibt, um im Hinterhof feinsinnige Lieder über das bittersüße Schicksal anzustimmen, ist er präsent. Selbst der Schlager "Guten Morgen, Sonnenschein" von Nana Mouskouri ist ein Samba. Ursprünglich hieß das Lied "Canta, Canta Minha Gente" und stammt vom leutseligen Poeten Martinho Da Vila.

Ihn hat sich der Schweizer Regisseur Georges Gachot als Begleiter für die Annäherungen an das Genre ausgesucht. Gachots "O Samba" ist kein musikethnologischer Dokumentarfilm. Weder klärt er genau die Ursprünge des Rhythmus an der Westküste Afrikas, noch entrollt er chronologisch, wie sich der Samba auf der anderen Seite des Atlantiks als identitätsstiftend fürs brasilianische Volk etabliert hat. Vielmehr hat Gachot eine "impressionistische" Perspektive gewählt. Mit einem Mosaik an Eindrücken bekommt der Zuschauer so Schritt für Schritt eine Vorstellung davon, dass der Samba sich nicht auf ein festgefügtes Bild reduzieren lässt. Man ist als Beobachter in der Sambaschule Vila Isabel dabei, mit der Martinho Da Vila seit Jahrzehnten eng verbunden ist, bekommt hautnah Eindrücke von den Proben der Rhythmus- und Tanzabteilung, vom Samba als Kitt der Comunidade, die sich das ganze Jahr akribisch auf das große Finale im Sambódromo vorbereitet. Bei der Vila Isabel wird dabei nicht Glamour großgeschrieben. Da Vila sorgt dafür, dass die Themen der Parade die afrikanische Verwurzelung abbilden. Und man spürt das Bedauern darüber, dass der Samba den kleinen Leuten weggenommen wurde, wenn der Sänger Moyseis Marques erzählt, dass heute die TV-Berühmtheiten, Sponsoren, Medien und Touristen das Spektakel beherrschen.

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Doch faszinierender im Grunde sind die Momente, in denen Martinho Da Vila das zweite Gesicht des Samba, das intime und bittersüße erklärt: Aus der Traurigkeit des Dichters, wenn dieser allein ist und für sich singen möchte, würden die Sambaverse geboren. In ihnen spiegele sich der Alltag und das Leiden der Armen, doch wird nie ein Drama daraus geformt wie etwa im Chanson, sondern immer eine Dosis Freude eingestreut. Je nach Interpretation, so erläutert der Poet, könne ein und derselbe Samba Ergriffenheit, Lachen, Tanz und Gesang beim Publikum hervorrufen. Und der Zuschauer kann das auch gleich nachprüfen, wenn Da Vila im Konzertsaal eine verschmitzte Ballade über seine Frauengeschichten singt, dann aber beteuert, nur mit der einen könne er glücklich werden.

Von der Macht des Samba erzählt auch der androgyne Popstar und Schauspieler Ney Matogrosso, dem nicht der Rhythmus wichtig ist, sondern die Worte. Er sieht in ihnen ein Skript, das die Türen zu den Herzen der Brasilianer öffnet. Und schließlich ist der Samba ja auch moralische Stütze in allen Lebenslagen: Etwa als Anfeuerung für den Fußballclub Vasco da Gama oder für die Sambaschule, wenn sie mal einen Wettbewerb verloren hat. Der Samba, der eine erstaunliche Entwicklung von der Diskriminierung zum nationalen Stolz durchgemacht hat, ist nicht nur ein in den Bann ziehendes Getöse, er ist vor allem auch Trost für die melancholische Seele, das kann man aus Gachots Film schön herauslesen. Und deshalb ist die Schlusseinstellung auch keine Totale auf eine prächtige Parade, sondern der selbstversunkene Tanz einer Mulata, die nach dem Ende des Umzugs allein zurückbleibt.
– Das Kommunale Kino Freiburg zeigt "O Samba" Mi, 25. Juni, 19.30 Uhr im Beisein des Regisseurs, weitere Termine: Mi, 2. Juli, 19.30 Uhr; So, 6. Juli, 17.30 Uhr.

Autor: Stefan Franzen