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30. September 2015

Rache? Nein, Recht

NEU IM KINO: Lars Kraumes packendes Polit-, ja Heldendrama "Der Staat gegen Fritz Bauer".

  1. Der Mann, der Nachkriegsdeutschland veränderte: Fritz Bauer (Burghart Klaußner) Foto: alaMode

Ohne ihn wäre Deutschland heute anders. Zehn Jahre nach Kriegsende waren die NS-Verbrechen unter den Teppich gekehrt, zahllose Täter besetzten völlig unbehelligt hohe Ämter. Ihnen kam die Schlussstrich-Politik der Regierung Adenauer (zu der ja auch Hans Globke zählte, der Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze) besonders zupass; aber auch der Rest der jungen Republik hatte kein Interesse, sich mit der dunklen Vergangenheit zu beschäftigen, und startete lieber durch ins leuchtende Wirtschaftswunder.

Er aber kämpfte unbeirrt gegen Verdrängung, Verleugnung, Vertuschung: der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968), der die Deutschen mit den Gräueln von Auschwitz konfrontierte, in aufsehenerregenden Prozessen, in denen erstmals ein Volk über sich selbst zu Gericht saß. Den unglaublich mühsamen Weg dorthin zeigte Giulio Ricarellis Film "Im Labyrinth des Schweigens" (2014), den Deutschland als Oscar-Kandidat für 2016 nominiert hat.

Bei Ricarelli war Bauer das Kraftzentrum im Hintergrund, jetzt, in "Der Staat gegen Fritz Bauer" von Grimme-Preisträger Lars Kraume, steht er im Mittelpunkt, verkörpert von Burghart Klaußner (siehe Ticket-Interview). Wer im "Labyrinth" Gert Voss als Bauer bewundert hat, den großen Theatermann in seiner letzten Rolle, mag befürchtet haben, Klaußner könne dem Vergleich nicht standhalten. Von wegen: Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler ("Das weiße Band") verwandelt sich seiner Figur vollkommen an.

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Nicht nur äußerlich, von der Frisur über Mimik und Gestik bis zum Kettenrauchen und sperrigen Idiom: Klaußner gibt Bauer so zurückgenommen wie präzise als idealistischen Streiter für die Gerechtigkeit, der Beruf, Freiheit, Leben riskiert, um Adolf Eichmann zur Verantwortung zu ziehen, den Organisator der Massendeportationen. Nicht als "jüdischer Rächer", als den man ihn denunziert, sondern aus dem Glauben an das Recht. Was er will, ist nicht Rache, sondern Reue.

Fritz Bauer, Sohn schwäbischer Juden, 1920 bereits SPD-Mitglied und 1930 jüngster Amtsrichter im Deutschen Reich, wurde 1933 verhaftet und saß acht Monate lang im KZ. Dann unterzeichnete er offenbar ein "Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten" und kam frei. Für Lars Kraume und Co-Autor Olivier Guez ist das – die Unterwerfungsgeste, die Bauer sich nie verzieh – der Motor, der ihn nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Skandinavien zum wichtigsten Juristen Nachkriegsdeutschlands werden ließ.

Frankfurt 1957: Bauer liegt bewusstlos in seiner Badewanne. Die fiktive erste Szene, die auf Bauers tatsächlichen Tod im Jahr 1968 hinweist, führt ihn als Mann ein, dem übel mitgespielt wird: BKA-Mitarbeiter Gebhardt (Jörg Schüttauf) lässt Schlaftabletten verschwinden, um den Anschein eines Suizidversuchs zu erwecken, und will wie Oberstaatsanwalt Kreidler (Sebastian Blomberg) den Störenfried so zu Fall bringen.

Heimliche Verhandlungen

mit dem Mossad

Doch eine Woche später ist Bauer bereits wieder im Amt. Nichts Neues über den Verbleib von Mengele, Bormann, Eichmann? Nein. Wie auch: Wer seine Robe schon unterm Hakenkreuz trug, will ja nicht von aufgegriffenen Tätern belastet werden. "Wenn ich mein Amtszimmer verlasse", sagt Bauer einmal, "betrete ich feindliches Ausland". Nur der junge Staatsanwalt Karl Angermann (stark: Ronald Zehrfeld) ist auf seiner Seite. Mit dieser fiktiven Figur eröffnet der Film ein neues Thema: Angermann ist schwul – und damit erpressbar. Kompromittierende Fotos mit einem Transvestiten sollen ihn dazu bewegen, Bauer zu verraten, wenn er nicht ins Gefängnis will.

Fritz Bauer war selbst homosexuell – es existieren Berichte über Kontakte zu männlichen Prostituierten in Dänemark –, lebte in Deutschland aber vollkommen unauffällig. Kraume leuchtet das homophobe Angstklima und die dreifache Einsamkeit Fritz Bauers als schwuler Jude und Sozialist subtil aus. Dennoch: Die Angermann-Handlung ist unnötig ausgewalzt und verzerrt den Fokus des Films.

Als Bauer erfährt, dass Adolf Eichmann, der Manager des NS-Vernichtungswerks, in Argentinien lebt, setzt er alles daran, ihn aufzuspüren. An der deutschen Justiz vorbei, der er zu Recht misstraut. Sein Parteifreund, der hessische Ministerpräsident Zinn (Götz Schubert), warnt ihn davor, den israelischen Geheimdienst um Hilfe zu bitten: Das sei Landesverrat. Doch Bauer fliegt nach Israel. Der Mossad verlangt eine zweite Quelle, Bauer nimmt Angermann mit ins Boot, beschafft die geforderten und ungemein brisanten Beweismittel, geht zum Schein auf die Falschinformation ein, Eichmann sei in Kuwait, mit der ihm Kreidler und Gebhardt eine Falle stellen – ein ungemein packendes Polit- und, ja: Heldendrama, dem man ein großes, gerade auch junges Publikum wünscht.

Im Mai 1960 wurde Eichmann vom Mossad in Buenos Aires entführt und nach Israel verbracht. Dort machte man ihm auch den Prozess – nicht in Deutschland, wie Bauer gehofft hatte. Immerhin gelang später den Auschwitz-Prozessen, was ihm so am Herzen lag: den Deutschen im eigenen Land die Augen zu öffnen.

Dass Bauer quasi im Alleingang Eichmann überführt hat, wurde erst nach seinem Tod bekannt. Und noch sehr viel später die Tatsache, dass zumindest Nachrichtendienst und BKA schon Jahre vor seiner Verhaftung wussten, wo Eichmann sich aufhielt. Bauers Verdienst als Vorkämpfer für eine demokratische Zukunft Deutschlands kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

"Der Staat gegen Fritz Bauer" kommt morgen in die Kinos, am Samstag, 3. Oktober, stellt Regisseur Lars Kraume ab 21.10 Uhr seinen Film im Kandelhof Freiburg vor.

Autor: Gabriele Schoder