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06. Februar 2014 00:00 Uhr

Spießbürger-Farce

Gerhard Polts "… und Äktschn!: Bitterböse Tragikomödie

Gerhard Polts Film "… und Äktschn!" ist eine bitterböse Tragikomödie über die Dämonie eines Spießbürgers, die in all seiner Unverdächtigkeit und Harmlosigkeit schlummert.

  1. Einen Film will er sich machen: Gerhard Polt (rechts, mit Robert Meyer und Gisela Schneeberger) Foto: Majestic

Es ist fast wie im richtigen … Nein: Es ist noch richtiger als im Leb’n, eher so wie bei Johann Nestroy, dem großen Wiener satirischen Geist des frühen 19. Jahrhunderts, der da seinen Schlicht in der Posse "Mein Freund" sagen lässt: "In der Carrikatur liegt zu viel Wirkliches." O ja, und deshalb ist sie auch das "Allerverfehlteste" (Schlicht), weshalb man nach rund 100 Minuten "… und Äktschn!" nicht mehr weiß, wie viel Tragödie in dieser Komödie steckt, und vor allem: Ob sie wirklich die unsere ist. Es steht zu befürchten.

Gerhard Polt war uns, war vor allem sich diesen Film schuldig. Der klamottige "Germanikus" (2004) konnte nicht sein cineastisches Vermächtnis sein. Die Figur des Hobbyfilmemachers Hans A. Pospiech (Polt) ist da schon von anderem Kaliber. Pospiech ist so einer, der in Sachen "Dispositionskreditplausibilität" bei seiner Bank mit dem roten Vermerk "Risikokunde" stigmatisiert ist. Zerrüttete Ehe, die Frau hat Haus und Geld, er die schäbige Garage daneben, in der sich Filmrollen, -requisiten und Nazidevotionalien stapeln, mit denen er ein bisschen Taschengeld verdient. Er träumt von der großen Karriere mit "Pospiech Productions", die nur aus ihm und seinem ihn mit Leberkaassemmeln versorgenden Neffen Alfons (mit herrlich desillusionierter Zuversicht: Maximilian Brückner) bestehen. Denn: "Realität ohne Film ist nicht möglich", eine von Pospiechs philosophischen Einsichten. Sie könnte genauso gut auf einem Kabarettsoloprogramm seines Alter Ego gefallen sein, wie überhaupt dieser Film in seinen Mikrostrukturen die poltische Pseudostammtischphilosophie nicht verleugnen kann. Und will.

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Aber so sehr "… und Äktschn" vom Pointenreichtum seiner Episoden leben mag – es ist eine bitterböse Tragikomödie. In ihr lassen die Drehbuchautoren Polt und Frederick Baker, der auch Regie führt, den Spießbürger und sein Personal aufmarschieren und zeigen ihn mit jener Dämonie, die in all seiner Unverdächtigkeit und Harmlosigkeit schlummert. Da kommen das Beispiel Hitler und die Banalität des Bösen gerade recht. Um den Kredit seines Risikokunden Pospiech "umzuschulden", lobt Bankchef Faltermeier (Michael Ostrowski als Turbo-Ösi-Schleimer) einen Filmpreis aus, bei dem der Sieger schon im Vorfeld feststeht.

Cineastisches

Harakiri

Und der sieht seine Chance, sein Wunschfilmprojekt über den Diktator aus Braunau endlich zu realisieren: "Für mich war ja der Adolf Hitler koa Profi, der war a Laie." Eine Art Motto für den Do-it-yourself-Streifen, für den Pospiech nach und nach die Menschen aus dem Umfeld seiner oberbayerischen Kleinstadt castet. Gedreht wurde übrigens im Winter in Freilassing und Salzburg – Fluglärm und Schneematsch statt Alpendisneyworld: laut und grau statt rot-weiß-rot und weiß-blau. Natürlich ist vorhersehbar, dass alles aus dem Ruder läuft: Das "cineastische Harakiri", das Pospiechs Gegenspieler und Neider Nagy – von Nikolaus Paryla nestroyisch als verkanntes Genie gemimt – prophezeit, nimmt seinen Lauf.

Aber ab dem Moment ist viel interessanter, wie die Figuren mit der – fernen – Nazivergangenheit umgehen. Etwa die Gastronomin Neuriedl alias Gisela Schneeberger, von Pospiech heimlich verehrt: Sie muss seine Eva Braun werden. "Ja, sie hat’s nicht leicht g’habt, oben am Obersalzberg", seufzt sie und äußerst tiefes Verständnis für den "Adi": "Sein Weltkrieg macht ihn ja noch ganz krank." Der verkrachte Vinylplattenhändler Fleischbauer fremdelt lange mit der Rolle: "Spui mia halt den Hitler, bitte", muss ihn Pospiech anflehen. Wie Robert Meyer diese Ambivalenz umsetzt – das hätte einen austrobayerischen Oscar verdient. Hier kippt die Handlung vollends zur Farce, erinnert von fern George Taboris Groteske "Mein Kampf", in der der junge Hitler im Wiener Obdachlosenheim lernt, Führer zu spielen – vom Juden Schlomo Herzl. Herzl heißt bei Polt Pospiech, der sich als Regisseur in Rage redet: "Was historisch ist, des bestimm’ allwei no i."

"… und Äktschn!" ist eine aberwitzige Satire auf den dämonischen Spießbürger in uns allen. Wenn man so will, ein Leitmotiv in Gerhard Polts Lebenswerk. Sein filmisches Alter Ego Pospiech formuliert es am Ende anders, und doch so verblüffend ähnlich: "Kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet". Nestroy hätte es nicht besser sagen können.
– "… und Äktschn!" von Frederick Baker läuft in Freiburg. (Ab 6 Jahren)

Autor: Alexander Dick