Bergungsmission auf Bessarabisch

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Di, 12. Juni 2012

Kino

Die Dokumentation "Der zerbrochene Klang" gräbt nach den gemeinsamen Wurzeln der jüdischen und der Roma-Musik.

"Mit jeder Note muss der Messias gebracht werden!", ruft Alan Bern, "ihr müsst dieses innere Bedürfnis spüren!" Der Pianist, bekannt geworden durch die Band Brave Old World, stachelt seine Mitmusiker an, unter ihnen Berühmheiten wie Mark Rubin und Paul Brody. Sie suchen nach einer verlorenen Sprache, ihrer Sprache. Wie jüdische Musiker vor den drei aus ihrer Sicht großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – dem Holocaust, der freiwilligen Assimilation in die US-Gesellschaft und der Ablehnung traditioneller osteuropäischer Musik in Israel – gespielt haben, das gilt es zu ergründen.

Der Faden zur Vergangenheit scheint abgerissen, in knisternden Aufnahmen der 1920er schlummert das Geheimnis. "Puzzleteile aus dem Müll fischen", eine "Bergungsmission", so nennt es Bern, dessen Vorfahren aus Bessarabien, dem heutigen Moldawien stammen. "Was ist meine Identität?", so seine eigentlich schlichte Frage, die zu einer Odyssee mit dreizehn Mitstreitern wird, zu einem Roadmovie mit Stationen in Chiinãu, Krakow, Tel Aviv, Wien, Mainz, Paris und Austin. Yvonne und Wolfgang Andrä haben die akribische Suche der Musiker zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Sie ist nicht nur eine Bergung jüdischer Klänge. In Bessarabien musizierten die Klezmorim vor einem Jahrhundert Seite an Seite mit den Spielleuten der Roma, den Lautari. Auch sie werden in die Spurensicherung einbezogen. Wie weit haben sich Roma-Musik und Klezmer auseinander dividiert? Wie kann die Distanz überbrückt werden? Die Gruppe um Bern trifft auf den moldawischen Geiger Marin Bunea, den ungarischen Cimbalom-Spieler Kalman Balogh und andere Romavirtuosen, man horcht zwischen den Tönen den Ornamenten, Unreinheiten, dem "Schmutz" und "Krehtzen" nach, das, was den Charakter, die Würze eines Sounds ausmacht, fernab von akademischer Notenfixierung.

"Der zerbrochene Klang" mag "nur" eine Musikdokumentation sein, aber diese bleibt über zwei Stunden so spannend wie ein Abenteuerfilm. Immer wieder stellen sich den Musikern Hürden in den Weg: Zeitzeugen sind kaum aufzutreiben, Traditionen wurden durch die Lust am Modernisieren und an der Virtuosität verschüttet. Sogar die Verständigung der Roma und Juden, die in Bessarabien über dieselbe Sprache verfügten, "zerbricht" heute in sechs verschiedene Idiome. Und wie kann man sich in die Lebenssituation eines Musikers von 1920 hineinversetzen, um seinen Stil authentisch nachzuspielen?

Bern und seine Mitstreiter scheitern auf ihrer Suche nach dem "Heiligen Gral", eine Rekonstruktion des Alten kann nicht gelingen. Doch auf ihrer Reise schaffen sie etwas noch Wichtigeres. Sie skizzieren – mit dem bezeichnenden Namen "The Other Europeans" – einen Gegenentwurf zu den von westlichen Produzenten gecasteten Weltmusikgruppen, wie sie bei uns mit der Fanfare Ciocarlia und den Taraf de Haidouks bekannt wurden. Hier sind Künstler am Werk, die eine Konversation untereinander pflegen, nicht für ein nach Exotismen gierendes Publikum. Es sind Menschen, die über Klänge ihre Geschichte verstehen wollen – und dabei eine neue demokratische Musiksprache schöpfen, unbeleckt von Marktdiktaten. Das ist ungeheuer viel.
– "Der zerbrochene Klang": Kommunales Kino Freiburg, 13. 6., 19.30 Uhr, 15. 6., 21.30 Uhr, 17. 6., 17.30 Uhr.