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16. Oktober 2010

Eingesponnen in die Worte

NEU IM KINO: Carmen Tartarottis Friederike Mayröcker.

  1. Kein redseliger Mensch, schon gar kein leutseliger: die Dichterin Friederike Mayröcker Foto: real fiction

Ich rede nicht gerne, sagt Friederike Mayröcker zu Beginn, und ich kann nicht schreiben, wenn noch jemand im Raum ist. Sie diktiert die Bedingungen: Das ist die Grundlage, auf der wir bei diesem Film arbeiten müssen, sagt sie. Die Regisseurin Carmen Tartarotti hat 1989 schon einmal einen Film über Mayröcker gemacht. Sie hat ein wirkliches Interesse an der Autorin, und mit "Das Schreiben und das Schweigen" ordnet sie sich den Vorgaben der inzwischen 85-Jährigen unter. Über einen langen Zeitraum hat sie Mayröcker mit der Kamera begleitet, und sie schafft ein derart intimes Porträt der Grande Dame der österreichischen Experimentalliteratur, dass man sich wundert, wie es überhaupt zustande kommen konnte.

Dies ist ein Film für alle. Nicht nur für Fans der oft hermetischen Gedichte, der selbstversunkenen Prosa und schließlich der unnahbaren Autorin selbst, es ist ein Film, der die Türen öffnet zu einer einzigartigen Autorenexistenz. Und dass sich diese Türen öffnen, das ist eine ungeheure Leistung. Jeder, der schon einmal bei einer Lesung von Mayröcker war, weiß, dass sie ungern über sich selbst redet und über ihre Gedichte schon gar nicht. Sie mag keine Fragen, und so verzichtet der Film gänzlich darauf. Dafür liefert er bestechende Antworten.

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Friederike Mayröcker ist kein öffentlicher Mensch. Sie mag die Sonne nicht, am besten fließen die Worte mit dem Regen, oder zumindest bei bedecktem Himmel, den es in Wien, so klagt sie, nie gibt. Sie hat sich eingesponnen in ihre Worte wie eine Raupe in ihren Kokon, aus dem sie jedoch niemals schlüpfen wird. Was da in schöner Regelmäßigkeit zum Leben erweckt wird, sind ihre Gedichte, kompakte Wesen aus Textbruchstücken, die sich in Mayröckers Zuhause abgelagert haben.

Ich habe keinen Platz, sagt sie. Dabei füllen ihre Worte zwei Wohnungen in Wien, in denen sie sich kaum bewegen kann. Überall liegen Zettel, Briefe, Bücher und Zeitungen, in der Küche, im Bad, auf dem Bett und im Schuhregal. Wüsste man es nicht besser, so könnte man meinen, hier wohne ein pathologischer Messi. Aber was wie Chaos aussieht, ist die Grundlage der Mayröcker’schen Ordnung, ist das Substrat, das sie braucht, um schöpferisch zu arbeiten, ebenso wie die alte, inzwischen unersetzbare mechanische Schreibmaschine.

Friederike Mayröcker liebt das Leben. Desto dringlicher, je mehr es sich dem Ende zuneigt, nach dem Verlust ihres geliebten Partners Ernst Jandl, den sie verschmitzt Eje nennt. Sie lebt in Wien und passt, so scheint es, auch nirgends anders hin. Die Ausflüge in die Natur sind wie Reisen in eine exotische Welt der Unmittelbarkeit. Und das ist das Gegenteil von Lyrik. Carmen Tartarotti ist ein ungeheuer poetischer Film gelungen, der zu Recht mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Ein Film, der die schweigsame Dichterin zum Reden bringt, so dass sie selbst staunen wird. Ein Film, der das Schreiben thematisiert, ohne es zu zeigen, der Gedichte bebildert, ohne sich ihnen anzubiedern und schließlich einfach einen Menschen porträtiert, der fest verankert ist in der Welt der Worte.
– "Das Schreiben und das Schweigen" (Regie: Carmen Tartarotti) läuft in Freiburg im Friedrichsbau.

Autor: Ulrich Sonnenschein