"Neuland" erzählt von jungen Migranten in der Schweiz

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 27. März 2014

Kino

Anna Thommen erzählt in "Neuland" vom Ankommen junger Zuwanderer in der Schweiz.

Eshanullah Habibi stammt aus Afghanistan wie Hamidullah Hashimi und Hossein; Nazlije Aliji und ihr jüngerer Bruder Ismail sind ethnisch Albaner, waren aber in Serbien zu Hause. Das Quintett hat zum Teil abenteuerliche und gefährliche Reisen hinter sich; inzwischen aber leben alle in der Schweiz, genauer in Basel und besuchen dort eine Integrations- und Berufswahlklasse (IBK). Zwei Jahre haben ausländische, fremdsprachige und nicht mehr schulpflichtige Jugendliche im Alter zwischen 16 und 20 Jahren dort Zeit sich umstellen, werden bei der Berufsfindung und der sozialen Integration an die Hand genommen. Diesen Prozess schildert die 33-jährige Basler Regisseurin Anna Thommen in ihrer langen, 93-minütigen und inzwischen mehrfach ausgezeichneten Kinodokumentation "Neuland".

Wie fremd und verwirrend dieses "Neuland" sein kann, symbolisiert eine Unterrichtsszene zu Beginn: Eshanullah beschreibt sein Heft von hinten nach vorne und von rechts nach links – bis ihn ein Mitschüler halb spöttisch, halb mitfühlend auf europäische Gepflogenheiten hinweist. Es ist mithin ein weiter Weg aus den Tälern des Hindukusch (oder von wo auch immer) ins Rheintal und das Schweizer Jura. Rund zwei Jahre dieses Weges fängt die Regisseurin, von 2002 bis 2004 übrigens selbst als Lehrerin tätig, ein. Mehr oder weniger intensiv immer auf den Fersen der Klasse und ihres Lehrers Christian Zingg entwickelt sie entlang des als Protagonisten agierenden Quintetts einen differenzierten vielschichtigen Blick auf die Herausforderungen, Ernüchterungen und Zumutungen, aber auch auf die Unterstützung und Solidarität, die die Neuankömmlinge bei der Neuorientierung im neuen Land erfahren.

Nazlije etwa, emotional noch mitgenommen vom Tod der Mutter, der sie überhaupt erst in die Schweiz zum dort lebenden Vater führte, begeistert sich für den Lehrerberuf, ist kurzfristig beflügelt von der Idee, hat kognitiv auch fraglos das Zeug dazu, landet aber hart auf dem Boden der bürokratischen Tatsachen und beginnt schließlich eine Lehre als Altenpflegerin. Eshanullah dagegen kommt aus einer verarmten Bauerfamilie, hat sich die 20 000 Dollar für die Flucht zusammen geliehen, kam damit in einer einjährigen Odyssee und dank einer der gefährlichen Schlauchboottouren übers Mittelmeer nach Europa und landete schließlich in der Schweiz. Nun steht er unter dem Druck seiner Gläubiger und den Erwartungen der Familie, der im Extremfall der Verlust ihres Landes droht. Der 19-Jährige hat eigentlich nur eines im Kopf: Geldverdienen. Das aber setzt ihn unter Druck, erzeugt Konflikte und wird zum Hindernis für das Lernen in der IBK.

Der ruhende Pol in diesen Spannungen ist der Lehrer Christian Zingg; beseelt von pädagogischem Geist und bereit, dafür auch auf den möglichen höheren Verdienst als Gymnasiallehrer zu verzichten, begleitet er seine Schüler auf dem Weg in ihr neues Leben, mal einfühlsam und mitfühlend, mal konsequent und kompromisslos – etwa wenn’s um die Regeln geht, die in der Schweiz gelten. Das endet aber keineswegs in zeigerfingeraffinen Belehrungen, sondern nimmt auch mal komische Züge an, etwa wenn’s ums Training für Bewerbungsgespräche geht und Zingg den Schweizer mint, der beharrlich das Hochdeutsch verweigert – was seine Eleven in gewisse Bedrängnis bringt.

Anna Thommen verknüpft diese Erzählstränge in dem als Abschlussarbeit für die Zürcher Hochschule der Künste produzierten Film nach dem Prinzip der teilnehmenden Beobachtung und verbindet sie ganz ohne Erzähler, erklärende Kommentare oder einordnende Interviews. Die Metaebene taucht nur unmittelbar in den Schilderungen der Protagonisten auf; das erzeugt eine spielfilmhafte Dramatik, die einen fast fiktiven Sog entwickelt und das Ankommen im Neuen, aber auch die Last des Vergangenen empathisch und doch mit ausreichend Distanz beschreibt. Das Ergebnis ist ein berührender, authentischer Film, der im Übrigen trefflich in den heute im Werkraum Schöpflin in Lörrach beginnenden Frühjahrsschwerpunkt "Fremde und Freunde" zum Thema Flucht passt – ein zufälliger, aber anregender Nebeneffekt im grenzüberschreitenden Kulturleben.
– flächendeckend in der Deutschschweiz: Basel (kult.kino Atelier, 16.30, 20.30 Uhr), Liestal (Sputnik, 18 Uhr), Sissach (Kino Palace), Aarau (Freier Film)