"Eine Art Katharsis"

Markus Tschiedert

Von Markus Tschiedert

Fr, 12. Oktober 2018

Kino (TICKET)

TICKET-INTERVIEW mit Moritz Bleibtreu über "Abgeschnitten", Gewalt im Film und in den sozialen Medien.

Moritz Bleibtreu (47) liegt viel daran, dem Genre des Thrillers weiteren Auftrieb zu geben. Der Kinostar konnte bereits in dem Verschwörungsthriller "Die dunkle Seite des Mondes" und dem Gangsterdrama "Nur Gott kann mich richten" beeindrucken. In "Abgesc

hnitten" nach dem Roman von Sebastian Fitzek spielt der Hamburger einen Pathologen, der zum Spielball eines Mörders wird. Markus Tschiedert traf Moritz Bleibtreu zum Interview.

Ticket: Wie lässt sich das deutsche Publikum vom Genre des Thrillers überzeugen?
Bleibtreu: "Abgeschnitten" hat alles, was ein Publikum sehen will. Das Drehbuch ist nach einem spannenden Roman hervorragend geschrieben. Es ist eine nachvollziehbare und direkte Geschichte, gespickt mit dem einen oder anderen etwas unangenehmen Moment, was Fans dieses Genres aber gern sehen.
Ticket: Sie sprechen von den Splatterszenen im Film.
Bleibtreu: Splatter ist in dem Fall der gänzlich falsche Ausdruck, aber es gibt Elemente davon – wie zum Beispiel die Großaufnahme einer Wunde. Das hat es im deutschen Film seit "Anatomie" nicht mehr gegeben – und damit spielt unser Film natürlich auch.
Ticket: Wurden für den Dreh nur Kunstblut und Attrappen benutzt?
Bleibtreu: Die eine oder andere Leber eines Schweins lag da schon manchmal auf dem Tisch, aber zum Hauptteil waren es die unheimlich gutgebauten Dummys von den Leichen die beängstigend echt aussahen. Am ersten Tag am Set musste man sich immer wieder sagen: "Nein! Sie sind nicht echt." Aber wenn man dann den ganzen Tag inmitten der geöffneten Rümpfe verbringt, färbt das trotzdem ab.
Ticket: Bei dem Anblick wurde Ihnen also trotzdem mulmig?
Bleibtreu: Mulmig nicht, obwohl ich grundsätzlich jemand bin, der nicht mit dem besten Nervenkostüm ausgestattet ist. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in dem Ensemble der einzige Schauspieler war, der sich vor dem Zusehen bei einer echten Obduktion gedrückt hat. Ich bin aber auch ganz froh, es nicht gemacht zu haben.
Ticket: Warum?
Bleibtreu: Ich habe zwar schon mal Tote gesehen, aber Geräusche und Gerüche, die eine Leiche noch von sich gibt, sind auch Dinge, die dich trotzdem noch mitnehmen können. Leichengeruch ist sehr universell – ob bei einer toten Maus oder bei einem Menschen, der natürlich sehr viel intensiver ist.
Ticket: Verraten Sie uns, wann und wie Sie mit einem toten Menschen konfrontiert wurden?
Bleibtreu: In meiner Zeit in New York habe ich meinen ersten toten Menschen gesehen. Er lag einfach so auf der Straße. In Zentralasien war ich bei einem Unfall vor Ort, der einem Menschen das Leben gekostet hatte. Ich habe dabei dieses Phänomen beobachten können, was ja viele beschreiben. Du hast nicht mehr das Gefühl, einen Menschen, sondern eher, eine leblose Puppe vor dir zu haben. Man spürt, dass das, was einen Menschen ausmacht, die Seele, nicht mehr da ist. Damit wird auch der Anblick auf eine merkwürdige Art erträglich.
Ticket: Dann hätten Sie bei einer Obduktion eigentlich doch mal zusehen können...
Bleibtreu: Ich weiß, dass es Sachen gibt, für die ich einfach nicht gemacht bin. Ich habe eine sehr lebendige Fantasie und habe es daher immer vermieden, mich Eindrücken auszusetzen, die meinen "Verpackungsmechanismus" vielleicht übersteigen könnten. Aus ähnlichen Gründen würde ich auch keinen Fallschirmsprung machen. Vielleicht passiert da was in meinem Kopf, und ich kann nie wieder in ein Flugzeug steigen (lacht). Manche extremen Eindrücke möchte ich gar nicht haben.
Ticket: Mussten Sie solche Extremerfahrungen schon über sich ergehen lassen?
Bleibtreu: Also momentan rege ich mich unheimlich darüber auf, dass die sozialen Medien vollgeballert werden mit Gewaltvideos, die in irgendwelchen Verteilern landen. Damit will ich gar nichts zu tun haben, aber allein durch die Algorithmen von Facebook stößt man relativ schnell auf Inhalte mit Gewalt, die ich gar nicht sehen will.
Ticket: Haben Sie ein Beispiel?
Bleibtreu: Wenn du auf Facebook oder YouTube auf einem Video hängenbleibst, auf dem jemand der Kopf abgeschnitten wird, kannst du das nicht mehr ungeschehen machen. Ich als 47-Jähriger kann noch sagen, das will ich nicht sehen, aber ein 16-Jähriger ist so von Neugier getrieben, dass er gar nicht weiß, was das für ein Schaden mit ihm anrichten kann, sich so einen Dreck anzusehen. Darin sehe ich eine große Gefahr, auch für uns Filmemacher.
Ticket: Wie meinen Sie das?
Bleibtreu: Bei solchen Eindrücken, denen sich Leute heutzutage aussetzen können, wird es schwer, noch etwas entgegenzusetzen, was sie noch packt. Wenn die Realität die Fiktion übernimmt, habe ich Angst, dass künstlich hergestellte Gewaltbilder in Filmen gar nicht mehr ausreichen.
Ticket: Ist Filmen nicht auch eine gewisse Mitschuld an dieser Entwicklung anzulasten?
Bleibtreu: Das glaube ich eben nicht, weil der Film immer dramatisiert. Ein intelligenter Psychothriller entführt den Zuschauer zwar in eine Welt der Gewalt, zeigt aber auch, wo sie herkommt, wo sie hingeht und was sie mit den Opfern macht. Das ist für uns Menschen eine Art Katharsis, weil der Tod inzwischen gesellschaftlich negiert wird. Die Kunst aber beschäftigt sich mit diesen Themen und bildet eine Fiktion, an der man sich abarbeiten kann. Sobald aber ein Jugendlicher sagt, er schaut sich im Internet lieber echte Schlägereien an, haben wir ein echtes Problem.