Raum und Dramaturgie vereinen sich

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Di, 29. Januar 2019

Kippenheim

Das Theaterstück "Wartesaal der Würde" des Lahrer Max-Planck-Gymnasiums kommt in der ehemaligen Synagoge Kippenheims an .

KIPPENHEIM/LAHR. Seit der Generalprobe ist bereits klar: Das szenische Theaterstück "Wartesaal der Würde" der Theater-AG des Lahrer Max-Planck-Gymnasiums ist besonders gelungen (die BZ berichtete). Das Zusammenwirken von Raum und Dramaturgie in der ehemaligen Synagoge Kippenheim fügte sich am vergangenen Sonntag nun stimmig in das Gedenken der Opfer von Holocaust und Verfolgung durch das NS-Regime.

Vor einem Publikum, das das Gebäude bis auf die Empore völlig ausfüllte, fügten sich Raum und Dramaturgie zu einem Ganzen, das allen erlaubte, der Menschen zu Gedenken, die die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler des Max-Planck-Gymnasiums verkörperten, und deren innere wie äußere Welten so treffend und einfühlsam von der Kompositions-Arbeitsgruppe des Lahrer Clara-Schumann-Gymnasiums hörbar gemacht wurden. Aus Zuschauerinnen und Zuschauern wurden Nachdenkliche, Trauernde.

Wie Verstorbene, die sich immer wieder in der Erinnerung melden, forderten auch die Darstellerinnen und Darsteller vor der Kulisse verwitterter Wandmalereien der ehemaligen Synagoge, dass man sie nicht vergisst, forderten lautstark "Gerechtigkeit", Anerkennung für ihren "Kampf um ihre Würde", den die realen Opfer mit dem Leben bezahlt hatten. In der Enge des Bühnenraumes an der Rückwand der ehemaligen Synagoge entstand so tatsächlich ein Kammerspiel, wie in einem echten Wartesaal. Vor allem, wenn man von der Empore aus auf die Szenen hinuntersah, glich das einem Blick ins eigene Unterbewusste, Verdrängte.

Das szenisch und anhand von Briefen und Prozessprotokollen nachempfundene Schicksal des Lahrer Künstlers Alfred Frank (1884 – 1942, diesmal gespielt von Dennis Klein), bildete nicht nur den Auftakt des szenischen Reigens. Es kam dem Publikum auch sehr viel näher als das noch bei der Generalprobe auf der Bühne der MPG-Aula in Lahr möglich gewesen wäre. Allein, dass die Bühne ganz dicht an den Publikumsreihen, auf Augenhöhe lag, erzielte diese Wirkung.

Ganz anders wirkte auch die Akustik, wenn Franks manifestartige Standpunkte zur Rolle der Kunst als Mittel des politischen Widerstands in den Raum gerufen wurden. Wenn seine Vorstellung von Ästhetik, die niemals vergisst, dass so viele Menschen der Arbeiterklasse keinen Zugang zur Schönheit der Welt haben, beim Publikum ankommen soll. Seine Freunde, die heimlich nachts Plakate an die Wände hefteten und die damals Flugblätter verteilten, sind tatsächlich präsent in den jungen Darstellerinnen und Darstellern, die den Menschen des 21. Jahrhunderts an diesem Abend Kopien in die Hand drücken, deren Grafiken einst von Frank entworfen worden waren. Drei weitere Schicksale wurden dargestellt.

Nicht nur Betroffenheit, ja, Ergriffenheit erzeugte das Theaterstück, so wie es später Jürgen Stude vom Vorstand des Freundeskreises Ehemalige Synagoge Kippenheim formulierte. Das Gesehene und Gehörte bekam durch den Aufführungsort eine gewisse Wucht, die manche vielleicht zum Nachdenken über die politischen Verhältnisse heute gezwungen haben mag.