Leben mit Behinderung

Wie eine mehrfache Schwimmweltmeisterin mit ihrer Querschnittslähmung umgeht

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Fr, 30. November 2018 um 08:47 Uhr

Kirchzarten

Die 49-jährige Kirsten Bruhn sitzt seit einem Motorradunfall im Rollstuhl. Im Kurhaus Kirchzarten erzählt sie von Paralympics-Erfolgen und Suizidgedanken – und warum Mitmenschen sie stigmatisieren.

Es kann jeden treffen. Jederzeit. Ein Unfall beim Sport, ein unachtsamer Moment, ein blöder Sturz. Die Diagnose Querschnittslähmung löst bei Betroffenen oft einen Schock aus, der ein Leben lang anhalten kann. Im Rahmen des Sparkassenforums Dialog im Kurhaus Kirchzarten erzählten Kirsten Bruhn und Benny Rudiger, die beide seit einem Unfall im Rollstuhl sitzen, von ihrem Schicksal.

Kein Sitz blieb leer an diesem Abend im Kurhaus. Selbst als der FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß vor Jahren auf der gleichen Bühne sprach, seien weniger Menschen gekommen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Hochschwarzwald, Jochen Brachs, der den Abend, der unter dem Motto: ,Du kannst mehr, als Du denkst’ stand, moderierte.

Die beiden Gäste – so unterschiedlich sie sind – eint ein Schicksal, das auf den ersten Blick sichtbar ist und auf das sie von ihren Mitmenschen immer wieder reduziert werden: Sie sind behindert. Dabei wollen sie einfach nur als normale Menschen wahrgenommen und behandelt werden, wie sie unisono auf die Fragen nach ihrer Vision von einer anderen Gesellschaft antworten. Als Menschen, die sich freuen und ärgern können und vor allem selbstbestimmt leben wollen – auch wenn sie in ihrem Alltag viele Dinge anders machen, weil beim Thema Barrierefreiheit zwischen Theorie und Umsetzung noch Welten klaffen, wie Kirsten Bruhn sagt.

Bruhn hatte jahrelang Suizidgedanken – dann qualifizierte sie sich für die Paralympics

Während Benny Rudiger in Kirchzarten ein lokaler Held ist, dürfte Kirsten Bruhn im Vorfeld nur wenigen bekannt gewesen sein. Über eine Stunde lang erzählt die 49-Jährige von ihrem Umgang mit der Behinderung und ihrem inneren Kampf, der auch nach 27 Jahren Rollstuhl täglich neu ausgefochten werden muss.

Sie erzählt von ihrer ersten großen Liebe, die ihr großer Bruder mit falsch verstandenem Beschützerinstinkt schroff nach Hause schickte und von ihrer ersten Niederlage, die die junge Leistungssportlerin im Alter von 16 Jahren einstecken musste. Damals wollte sie sich in ihrer Paradedisziplin 100 Meter Brustschwimmen für die Europameisterschaft in Luxemburg qualifizieren und scheiterte knapp.

Die in Schleswig-Holstein geborene Bruhn versteht es, das Publikum mit einer Mischung aus trockenem, norddeutschen Humor und einer entwaffnend ehrlichen Melancholie, die offenbart, dass sie nicht nur witzig, sondern auch verletzlich ist, in ihren Bann zu ziehen. Zum Beispiel als sie erzählt, wie sie zwei Stunden schweigend am Bett ihres herzkranken Bruders saß, dem 1,90-Meter-Hünen, der plötzlich so schwach und hilflos wirkte. Das war nur wenige Wochen vor dem Motorradunfall, der ihr Leben für immer verändern sollte.

Zuvor hatte sie eine unbekümmerte Kindheit, wie sie sagt, die sich meist um das Problem drehte, dass sie, als Jüngste von fünf Kindern, stets das Nesthäkchen war, die kleine Behütete, der letztlich doch alles gelang. "Nicht zuletzt, weil ich durch den Sport lernte, mir hohe Ziele zu stecken und diese mit viel Disziplin zu erreichen", sagt sie.

Der Motorradunfall ereignete sich 1991. Nachdem sie wegen ihres kranken Bruders ihr Au-pair-Jahr in den USA vorzeitig abgebrochen und ihren Plan, Medizin zu studieren, begraben hatte, flog sie mit ihrem damaligen Freund auf die griechische Insel Kos. Sommer, Sonne, Strand – mehr wollte sie nicht und mehr brauchte sie nicht. Doch am letzten Urlaubstag ließ sie sich gegen ihr Bauchgefühl von ihrem Freund zu einer Motorradtour überreden. Er wollte ihr den Panoramablick zeigen, den er schon am Vortag alleine genossen hatte.

Bei Tempo 40 kam den beiden eine Jeepkolonne entgegen, ihr Freund, der fuhr, musste ausweichen, kam ins Schleudern, beide stürzten. Während ihm nichts passiert ist, konnte sie nie wieder aufstehen, nie wieder gehen – für den Rest ihres Lebens, das sie erst zurückgewann, als sie elf Jahre und mehrere Suizidgedanken später wieder mit dem Schwimmen begann und sich für die Paralympics qualifizierte.

"Du sitzt hier mit stählerner Brust, während ich elf Jahre brauchte, um wieder ein lebenswertes Leben zu führen."

In der Folge sammelte sie elf Medaillen, wurde mehrfach Welt- und Europameisterin, bis sie 2014 ihre Karriere beendete. Was folgte, erinnert sie an die "dunkle Zeit der endlosen Schinderei in der Reha" nach ihrem Unfall. Sie müsse sich auch 27 Jahre nach ihrem Unfall täglich neu fokussieren. Während ihre Stimme einige Male zittert, verliert sie nie die Fassung – nur gegen Ende muss sie weinen, als sie Rudiger sagt, wie sie ihn bewundere.

Weil er, drei Jahre nach seinem Mountainbikesturz, so aufgeräumt wirke. "Du sitzt hier mit stählerner Brust, während ich elf Jahre brauchte, um wieder ein lebenswertes Leben zu führen."

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