Mehr als Kuchen backen

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Mo, 14. Dezember 2015

Liebe & Familie

Kitas und Horte setzen verstärkt auf Unterstützung durch die Eltern / Was kann Fundraising für Kitas leisten? /.

Bei Regen fehlt den 95 Kindern der Kita St. Thomas in Hannover der Platz zum Toben. Sie spielen dann Fangen in der engen Diele, von der die Gruppenräume abgehen – auch wenn das für Mitarbeiter und die Kinder selbst ziemlich stressig ist. Aber der alte Bewegungsraum im Keller musste aus Brandschutzgründen dichtgemacht werden, und mehr Platz bietet die evangelische Einrichtung nicht.

Wenn uns ein Raum fehlt, müssen wir eben einen bauen, sagte sich Julia-Marie Meisenburg, Mutter von drei Kita-Kindern, als sie vor gut zwei Jahren den Vorsitz des Fördervereins übernahm. Sie gründete das Projekt "Rappelkiste". Ziel: der Neubau eines 120 Quadratmeter großen, barrierefreien Toberaums neben der Kita. "Wir wollten, dass was passiert", sagt Meisenburg, "dazu haben wir uns Mitstreiter gesucht."

Als Auftakt diente die Aktion einer Drogeriemarktkette, die Initiativen die Möglichkeit bietet, für eine Stunde die Kasse zu übernehmen und die Einnahmen zu behalten. Das Eltern-Projektteam warb intensiv im Stadtteil Ricklingen – mit großem Erfolg: "Die Filiale war noch nie so voll", sagt Meisenburg. Über Kontakte fand sich eine Architektin, die auf Spendenbasis erste Pläne entwarf.

Die Rappelkisten-Aktivisten entwickelten immer mehr Ideen: Spendenläufe im Stadtteil. Tombolas, für die örtliche Firmen Sachpreise gaben. Eine Spendenhotline, über die pro Anruf zwei Euro auf das Projektkonto gebucht werden – und als Dank das Lied "Du bist spitze" zu hören ist, gesungen von den Kita-Kindern. Es entstand eine Internetseite, ein Logo, das ein Illustrator gratis entwarf, eine Facebook-Gruppe: "Wir haben sehr viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht", sagt Meisenburg.

Die Unterstützung sei inzwischen konfessions- und stadtteilübergreifend, vom katholischen Chor über Sportvereine bis zur Kaufleute-Vereinigung: "Wir haben viele mit unserer Begeisterung angesteckt." Knapp 340 000 Euro haben sie zusammen, vor allem weil der Stadtkirchenverband als Kita-Träger inzwischen einen Großteil der Kosten übernommen hat, rund 50 000 Euro fehlen noch.

Die "Rappelkiste" ist ein großes Projekt – das trotzdem zeigt, wie typische Fundraising-Aktionen in Krippen, Kindergärten oder Horten funktionieren können: Es geht um ein einmaliges, zeitlich befristetes Ziel, das vor allem Eltern in Eigenleistung und als Multiplikatoren vor Ort unterstützen.

Manchmal kommt richtig

viel Geld zusammen

Erfolgreiches Fundraising sei in Kitas weiter verbreitet als in jedem anderen Bildungsbereich, sagt Daniel Kraft, langjähriger Fundraising-Experte der Bundeszentrale für politische Bildung und selbst Vater von zwei Kita-Kindern in Bonn. Nur sei das Engagement für einzelne Krippen oder Kindergärten oft wenig professionell organisiert und dezentral, weshalb es gar nicht als Fundraising wahrgenommen werde: "Wir sprechen eher vom freiwilligen Beitrag zum Sommerfest, organisieren einen Babyklamottenbasar oder verkaufen zuvor von uns selbst gespendete Erdbeeren in Form von Marmelade an uns selbst."

Das gelte sowohl für Einrichtungen von Elterninitiativen, die überhaupt erst durch freiwilliges Engagement entstanden sind, als auch für Kitas von Kommunen oder freien Trägern. "Wie auch immer wir es nennen, solche Aktionen sind ganz klar Fundraising, also die Beschaffung von Finanzmitteln ohne marktadäquate Gegenleistungen", sagt Kraft. "Ohne diese Spenden wären unsere Kitas um das ein oder andere Orff-Instrument oder manche Bauklötzchenburg ärmer."

Um die Finanzierung des laufenden Betriebs geht es dagegen nicht: "Die Grundlagen kommen von den Trägern beziehungsweise der öffentlichen Hand – es wäre fatal, das in Frage zu stellen", betont Anna Findert, Bildungsreferentin für Fundraising am Evangelischen Medien-Service-Zentrum Hannover. Kita-Fundraising könne besondere Wünsche ermöglichen. Die Netzschaukel aus Naturmaterialien, neue Werkzeuge für die Holzwerkstatt, eine bessere Ausstattung der Kita-Küche. In ihren Workshops empfiehlt sie als Grundfrage: "Wie kann ich helfen, dass unsere Einrichtung ein Stück besser, schöner, wertvoller wird?"

"Unsere Grundfinanzierung ist gesichert", sagt auch Norbert Bender von der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen in Berlin, schließlich gebe es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz und entsprechende öffentliche Mittel. "In der Gründungsphase einer Initiative müssen Eltern aber oft sehr erfinderisch sein."

Im Planen, Umbauen, Einrichten einer neuen Einrichtung stecke viel eigene Arbeit. Bender nennt das bürgerschaftliches Engagement – das Eltern auch viel Mitbestimmung ermögliche. Im laufenden Betrieb ergebe Fundraising dann für einmalige Anschaffungen Sinn wie das Baumhaus im Garten: "Da wird auch mal ein Handwerker vor Ort angesprochen."

Ähnlich sieht das Dorothea Herweg vom Diözesan-Caritasverband Köln, dem 250 Träger von insgesamt 675 Kitas angehören: "Kleinere Aktionen für konkrete Projekte gibt es immer wieder", sagt sie "aber Fundraising für Kitas wird meist nicht strategisch angegangen." Das könnten kleine Träger wie etwa Pfarrgemeinden gar nicht leisten. Die Caritas als Dachverband biete aber Hilfestellung an: "Zum Beispiel wenn es darum geht, eine geeignete Stiftung zu finden, die barrierefreie Bauprojekte fördert."

Anna Findert stellt zurzeit ein gestiegenes Interesse an Fundraising-Beratungen fest. In ihren Workshops empfiehlt sie Kitas, sich zunächst mit den eigenen Wünschen auseinanderzusetzen: "Wenn man sich selbst mit einem Projekt identifiziert, kann man auch andere überzeugen."

Auch der Bäcker

vor Ort kann helfen

Die pädagogischen Ziele dürften nicht vom Fundraising abhängig sein, sondern sollten unterstützt werden. Wichtigste Zielgruppe sind die Eltern, sagt Findert – und die Großeltern, die meist mehr Zeit und auch Geld zu geben hätten. Über Kontakte können dann Nachbarn, aber auch Firmen oder Handwerker vor Ort aktiviert werden: "Zum Beispiel der Bäcker, der ein Kita-Brot backt, vom dem zehn Cent in den Spendentopf fließen." Sponsoring – also Unterstützung gegen Werbung – sei im Kita-Bereich problematisch und komme kaum vor. Stiftungen dagegen könnten wichtige Geldgeber sein. Laufe ein Projekt erst einmal, seien der Kreativität kaum mehr Grenzen gesetzt.

So wie bei der Rappelkiste in Hannover-Ricklingen. Im Frühjahr soll gebaut werden, einen Baum auf dem Brachgelände haben die Eltern gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr schon gefällt. Der Anbau wird von Profis errichtet, aber beim Streichen oder im Garten wollen wieder die Eltern einspringen. "Das machen wir in Eigenleistung", sagt Julia-Marie Meisenburg, "das spart uns nochmal 20 000 Euro."